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Zurück in die Politik? Yanis Varoufakis will im Februar in Berlin eine Bewegung gründen, die die EU in eine demokratischere Zukunft führen will. Eine Partei? Am Ende soll jedenfalls etwas Wählbares stehen, sagt Varoufakis.

Merkur-Interview

Varoufakis: „Ich habe keinen Kontakt mehr zu Tsipras“

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München - Yanis Varoufakis spricht mit unserer Zeitung über die Zeit nach seinem Rücktritt als griechischer Finanzminister. Dienstag ist er auch in der Muffathalle in München - allerdings kostet das 24,10 Euro.

Yanis Varoufakis klingt am Telefon gut gelaunt. Seit seinem Rücktritt im Sommer 2015 als griechischer Finanzminister hat er zermürbende Verhandlungen gegen gutbezahlte Vorträge eingetauscht. Heute (20.30 Uhr) interviewt ihn der ehemalige OB Christian Ude in der Münchner Muffathalle. Am Montagabend gab es noch Karten – für stolze 24,10 Euro das Stück. Doch schon bald will Varoufakis auch auf die politische Bühne zurückkehren.

Herr Varoufakis, Sie sind gerade viel unterwegs, wo erwischen wir Sie?

Ich bin gerade in Paris. Halb im Scherz habe ich ja im August gesagt, ich werde nicht für das Parlament kandidieren, weil ich mich auf die Politik konzentrieren will. Ich reise durch Europa und bereite den Startschuss für eine Bewegung vor, der am 9. Februar in Berlin fällt.

Die Bewegung, von der Sie sprechen, soll „Democracy Europe Movement 2025“ heißen. Worum geht es?

Es geht darum, Europäer zusammenzubringen, die Brüssel, Frankfurt und den EU-Institutionen kritisch gegenüberstehen, aber auch keine Zersplitterung der Europäischen Union wollen. Es geht darum, die EU zu demokratisieren, um sie sicher und zukunftsfähig zu machen.

Was sind dabei Ihre konkreten Ziele?

Wir wollen eine Diskussion anstoßen, die wir in Europa längst führen sollten. Meine Erfahrungen mit der EU haben einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen. Ihre Institutionen sind nicht geeignet, um diese Union zu stabilisieren und sie in die Zukunft zu führen. Die Folge ist ein Rückkopplungseffekt.

Und das bedeutet?

Die wirtschaftliche Krise und das Demokratie-Defizit in der EU verstärken sich gegenseitig. Je ineffizienter die EU-Institutionen sind, desto größer ist die Abhängigkeit von wirtschaftlichen Kontrollmechanismen. Die scheitern ebenfalls. Und je mehr auch diese Maßnahmen scheitern, desto stärker wird der Grad an Autoritarismus in der EU, um eben diese Institutionen zu erhalten. Ein Teufelskreis, der letztlich die Antieuropäer stärkt. Das Dilemma für viele Europäer ist: Es gibt bisher nur zwei Optionen. Die antieuropäische und die, den Status quo zu erhalten. Beide sind furchtbar.

Sie bieten eine dritte Option an?

Ja. Und die besteht darin, die EU zu demokratisieren. Deren Institutionen sind derzeit nicht nur zu wenig demokratisch, sondern antidemokratisch. Wir finden in Berlin hoffentlich Übereinstimmungen, auf deren Basis wir Gruppen in Europa bilden.

Gruppen? Eine Partei?

Am Ende soll etwas Wählbares stehen.

Vermissen Sie die Politik in Ihrem Leben?

Ich halte das, was ich gerade tue, durchaus für Politik. Aber lassen Sie es mich so sagen: Wenn ich damals das jüngste Memorandum mit seinen Bedingungen unterschrieben hätte, wäre ich zwar in der Regierung geblieben, aber nicht an der Macht. Ich hätte Dinge umgesetzt, an die ich nicht glaube. Die kurze Antwort auf Ihre Frage ist also: Nein.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung in Griechenland nach Ihrem Rücktritt als Finanzminister? Greifen die Reformen?

Der Grund, aus dem ich zurückgetreten bin, war: Es gab keine Reformen. Das jüngste Memorandum war das Gegenteil davon. In einem Land, in dem es nur eine geringe Nachfrage gibt, in dem es kaum Investitionen gibt, sollen alle Unternehmen zum Ende des Jahres 2015 die komplette Unternehmenssteuer für 2016 im voraus bezahlen. Würde das in Deutschland passieren, gäbe es eine Revolution.

Wie ist es denn eigentlich seither um Ihr Verhältnis zu Ministerpräsident Alexis Tsipras bestellt?

Wir haben keinen Kontakt.

Warum nicht?

Wir haben uns nicht zerstritten. Es gab nicht mal ein wütendes Wort. Wir haben aber seit August nicht mehr miteinander gesprochen. Wir waren uns in sehr klaren Grundsätzen sehr uneinig. Ich habe nicht geglaubt, das wir das Recht hatten, die Vereinbarung zu unterschreiben, da wir sie nicht erfüllen können. Er wollte akzeptieren und parallel soziale Reformen durchführen. Ich hielt das für unmöglich. Wenn man politisch so weit auseinander liegt, gibt es nicht mehr viel zu besprechen.

Sie werden also auch in nächster Zeit nicht miteinander sprechen?

Das habe ich nicht gesagt. Das Leben ist voller Wendungen und Überraschungen. Ich halte nichts davon, politische Meinungsverschiedenheiten persönlich zu nehmen. Wenn sich die Umstände ändern oder seine Sicht auf die Dinge, würde ich noch heute mit Alexis sprechen.

Sie haben jüngst gesagt, wenn Sie Deutscher wären, könnten Sie sich vorstellen Angela Merkel zu wählen. Das überrascht.

Ich wollte ausdrücken, dass ich als Europäer stolz bin, welch humanitären, großherzigen Standpunkt sie in der Flüchtlingsfrage einnimmt. Das ändert nichts daran, dass wir uns in beinahe jeder wirtschaftlichen Frage uneinig sind (lacht). Es könnte also sein, dass ich sie wählen würde, aber nicht zwangsläufig. Ich hoffe jedenfalls, dass sie an ihrer instinktiv richtigen Entscheidung für ihre humanitäre Linie festhält, ohne die politischen Kosten zu fürchten.

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