Merkels Pandemie-Berater Michael Meyer-Hermann in einer ZDF-Schalte.
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Merkels Pandemie-Berater Michael Meyer-Hermann sprach im ZDF.

Kanzlerin vertraut Physiker

Merkels Pandemie-Berater fordert im ZDF härtere Corona-Maßnahmen - und kann sich Seitenhieb nicht verkneifen

  • Christoph Klaucke
    vonChristoph Klaucke
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Angela Merkel hat in der Corona-Pandemie alle Hände voll zu tun. Die Kanzlerin holt sich Expertise von einem Physiker - doch dessen Forderungen wurden offenbar teils „nicht ernstgenommen“.

  • Die Corona-Infektionen steigen in Deutschland rasant.
  • Angela Merkel berief die Ministerpräsidenten zu einer Krisensitzung. Die Kanzlerin vertraute bei den Verhandlungen auf einen Physiker.
  • Professor Michael Meyer-Hermann äußerte am Tag danach große Sorgen in einem ZDF-Interview.

Update vom 17.10.2020: Angela Merkels Berater hatte sich im TV bereits mit Nachdruck geäußert. Nun sendet auch die Kanzlerin eine Video-Botschaft an Deutschland. Sie hat eindringliche Forderungen an die Bürgerinnen und Bürger, der Appell fällt dramatisch aus.

Update vom 16.10.2020: In einem ZDF-Interview hat der Mathematiker und Physiker Michael Meyer-Hermann nochmals seinen Sorgen nachdrücklich zum Ausdruck gebracht. „Wir sehen Zeichen, dass sich das Virus derzeit unkontrolliert ausbreitet“, sagte er. Möglicherweise seien bereits viele asymptomatisch Infizierte in der Öffentlichkeit unterwegs, weil viele Gesundheitsämter mit der Erfassung der Infizierten und der Nachverfolgung der Kontakte nicht mehr hinterherkämen. Das exponentielle Wachstum sei ab einem gewissen Punkt nicht mehr zu stoppen. Und bereits jetzt könne man sprunghafte Anstiege bei der Belegung der Intensivbetten und der Zahl der Toten sehen.

„Wir brauchen keine kleinen Verbesserungen, wir brauchen ein großes Umdenken“, sagte er. Und mit Blick auf die Gespräche zwischen der Kanzlerin und den Ministerpräsidenten: „Das ist in der Form nicht passiert.“ Die Politik hätte zwar verstanden, „dass es jetzt um die Wurst geht“, aber nicht die notwendigen Maßnahmen ergriffen. Daraus folgert Meyer-Hermann: „Wir müssen wahrscheinlich in der Bevölkerung mehr tun, als die Maßnahmen jetzt sind.“

Und dann gibt er einen Ausblick: „Das Infektionsgeschehen der nächsten zehn Tage ist bereits festgelegt, die Zahlen werden weiter hochgehen.“ Ob man danach eine Abflachung sehen könne - das liege am Verhalten der Bevölkerung. „Wenn wir einen Lockdown verhindern wollen, dann müssen wir alle jetzt zusammen halten und uns gegenseitig schützen.“ Sein Appell: „Wir sollten auch kleinere Feiern jetzt nicht unbedingt machen und jeder, der seine Reise nicht unbedingt machen muss, sollte auch einfach mal zuhause bleiben.“

Nach starkem Anstieg der Infektionszahlen: Merkel und die Ministerpräsidenten beraten persönlich

Erstmeldung vom 15.10.2020: Berlin - Die Corona-Infektionszahlen steigen in Deutschland stark an. Bund und Länder haben nun schärfere Maßnahmen und Einschnitte in Regionen mit vielen Neuinfektionen beschlossen. „Es ist und bleibt hoffentlich eine Jahrhundert-Herausforderung“, sprach Kanzlerin Angela Merkel nach dem Corona-Verhandlungsmarathon ihre Sicht die Dimension und Tragweite der in Berlin gefassten Corona-Beschlüsse aus. Von 14 Uhr bis nach 22 Uhr tagten Kanzlerin und Ministerpräsidenten, rangen um Einigungen bei verschiedenen Regeln. Die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten waren erstmals seit Juni wieder persönlich zusammengekommen und berieten nicht nur per Videokonferenz.

Doch Merkel gehen die Beschlüsse nicht weit genug. Vermutlich auch deshalb, weil sie fürchtet, dass nicht einmal diese von unterschiedlichen Ländern umgesetzt werden könnten. „Ich bin nicht zufrieden: Die Ergebnisse sind nicht hart genug, dass wir Unheil abwehren“, soll sie um etwa 21 Uhr nach Bild-Informationen in der Sitzung gesagt haben. Und: „Dann sitzen wir in zwei Wochen eben wieder hier. Es reicht einfach nicht, was wir hier machen. Die Grundstimmung ist, dass sich jeder ein kleines Schlupfloch sucht. Das ist das, was mich bekümmert. Und die Liste der Gesundheitsämter, die es nicht schaffen, wird immer länger.“

Merkel vertraut auf Corona-Berater

Beim Verhandlungsmarathon im Kanzleramt waren nicht nur die Kanzlerin und die 16 Länderchefs vertreten. Große Aufmerksamkeit wurde dabei einem Wissenschafter zu Teil, auf den Angela Merkel große Stücke hält. Der Physiker Michael Meyer-Hermann ist Professor an der Technischen Universität Braunschweig und Leiter des Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung. Dort erforscht er die Möglichkeiten, das Immunsystem mithilfe von Mathematik zu verstehen. Merkel ist selbst promovierte Physikerin.

Zur Corona-Pandemie hat Meyer-Hermann in Zusammenarbeit mit dem ifo Institut bereits im Mai eine Studie veröffentlicht. „Wenn die Politik kurzfristig mehr Wirtschaftstätigkeit erlaubt, verlängert sich die Phase der Beschränkungen nach unseren Simulationsanalysen so sehr, dass die Gesamtkosten steigen“, heißt es in der Studie. „Es ist nicht fünf vor zwölf, sondern zwölf, um das Schiff noch zu drehen“, sagte Michael Meyer-Hermann am Mittwoch.

Meyer-Hermann warnt vor Lockerungen und fordert Ausreiseverbot

Der Physiker ist kein Freund von Lockerungen und warnt vor einem starken Wachstum an Neuinfektionen. Für Meyer-Hermann sind Maskenpflicht und Bußgeld sehr wichtig. Über Großveranstaltungen müsse man gar nicht erst diskutieren. „Sofortiges einheitliches Handeln in Deutschland ist notwendig“, sagte er. Der 53-Jährige hat ganz klare Vorstellungen: „Die Strategie umsichtiger Lockerungen ist nicht nur gesundheitspolitisch, sondern auch wirtschaftlich vorzuziehen.”

Zudem hält er ein Ausreiseverbot aus Risiko-Gebieten für sinnvoll. Dieser Vorschlag fand aber bei der Mehrzahl der Minister kein Gehör. „Die Forderung nach Ausreiseverboten hat keiner ernst genommen“, soll nach Bild-Informationen sogar ein Minister gesagt haben. (ck)

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