ZDF-Talk

Reichelt-Skandal und die Folgen erschüttern Lanz-Runde: „Einige Frauen haben die Stadt verlassen“

Markus Lanz (ZDF) führt durch die Sendung.

Nach den Ippen-Investigativ-Recherchen zum Machtmissbrauch des Ex-Bild-Chefredakteurs Julian Reichelt ist der Axel-Springer-Skandal Thema bei „Markus Lanz“.

Hamburg – Vier Tage ist die Veröffentlichung der Recherchen zum Machtmissbrauch des ehemaligen Bild-Chefredakteurs Julian Reichelt her. Am Donnerstag wird der Skandal im ZDF zum Talkthema: Studiogast bei Markus Lanz ist auch der Chefredakteur von Ippen Investigativ, Daniel Drepper. Im Wechsel mit der Spiegel-Journalistin Melanie Amann erläutert er die Machtverhältnisse im Axel-Springer-Verlag. Dreppers Urteil ist klar: „Das Unternehmen hätte viel früher die Konsequenzen ziehen müssen.“ Denn der Spiegel hatte schon im Frühjahr über mögliches Fehlverhalten Reichelts gegenüber Frauen berichtet.

„Lanz“ (ZDF): Betroffene Frauen verließen vor Veröffentlichung der Reichelt-Recherchen die Stadt

Bevor Ippen Investigativ Springer mit den Recherchen konfrontiert habe, hätten gar einige der betroffenen Frauen Berlin verlassen, bestätigte Drepper. Der Moment sei heikel gewesen: „Ab dann haben sie die Chance, Druck auszuüben, die Chance, die Veröffentlichung zu verhindern, die Chance, die Quellen einzuschüchtern“, erklärt er mit Blick auf die Spitze von Springer und Bild. „Und dann haben einige Frauen gesagt, ich verlasse lieber die Stadt.“

Schnell geraten die Entscheider bei Springer in die Kritik. Eine Frau an der Spitze des Verlages hätte vermutlich schon nach den ersten Berichten über Reichelts Verhalten anders reagiert, spekulierte Journalist Hajo Schumacher. Ein „vorgeschobenes, ökonomisches Argument“ hielt er aber auch dem Ippen-Verlag vor, der unter Verweis auf die Gefahr des Eindrucks eines Schädigungswillens gegenüber einem Konkurrenten zunächst auf die Veröffentlichung der Recherchen von Ippen Investigativ verzichtet hatte. Mittlerweile hat sich Markus Knall, Chefredakteur von Ippen Digital, bei den als Quelle in die Recherche involvierten Frauen entschuldigt.

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Drepper und Amann sprechen über Affären Reichelts innerhalb der Redaktion. „Daraus entstand ein System der Abhängigkeit“, erklärt Amann. Sie kritisiert, dass der Vorstandsvorsitzende von Axel Springer SE, Mathias Döpfner, das Verhalten Reichelts runtergespielt habe. Der Manager habe in einem Statement hervorgehoben, dass es nie um sexuelle Belästigung gegangen sei, vielmehr um Einvernehmlichkeit. „Er sieht Machtmissbrauch nicht als Problem“, rügt Amann.

Autorin Caroline Rosales: „Ich hätte es als unerträglich empfunden, wenn hier keine betroffenen Frauen zu Wort kommen wü

Lanz‘ Gast Caroline Rosales hatte in jüngeren Jahren für Axel Springer gearbeitet - und will nach eigenen Angaben nun dringend eine Perspektive der Betroffenen in dem ZDF-Talk vertreten. „Ich habe die Frankfurter Buchmesse fluchtartig verlassen und mich hochschwanger fünf Stunden ins Auto gesetzt, um an dieser Runde teilzunehmen. Ich hätte es als unerträglich empfunden, wenn hier keine der betroffenen Frauen zu Wort kommt“, berichtet sie. Auf die Frage, warum aus ihrer Sicht Frauen lange nicht auspacken, antwortet Rosales: „Das Hauptproblem der Frauen ist Angst.“

„Markus Lanz“ - diese Gäste diskutierten am 21. Oktober:

Der Journalist Hajo Schumacher erklärt den Skandal aus seinem Blickwinkel: „Jeder Verlag in Deutschland hat eine eigene Kultur. Während andere große Medienhäuser ihre hierarchischen Strukturen verändert haben, hat das Axel Springer offenbar nicht gemacht.“ Markus Lanz will wissen, wie solche Machtspiele funktionieren. Amann klärt auf. „Es beginnt mit Komplimenten am Schreibtisch, aus gemeinsamen Essen werden Affären. Wenn Frauen danach fallen gelassen werden, endet das oft in großer Verzweiflung.“

Rosales erhebt weitere Vorwürfe: „Weder nach dem Spiegel-Bericht noch in den vergangenen Tagen nach der Veröffentlichung durch Ippen Investigativ hat sich etwas geändert.“ Sie vermisst eine öffentliche Entschuldigung Döpfners bei den betroffenen Frauen und erinnert sich an ihre Zeit: „Ich hatte nie ein Vorstellungsgespräch, wurde aufgrund meines Aussehens eingestellt.“ Es seien auch damals schon viele durch diesen „Apparat gespült worden“.

Auch Schumacher verortet sein jüngeres Ich teils auf der „anderen Seite“. Er habe unlängst seine ehemalige Kollegin Hatice Akyün aus seiner Zeit als Chefredakteur des Lifestyle-Magazins Max getroffen. Er wiederholt ihre Aussage: „Du, Hajo, was ich dir seit 20 Jahren nicht gesagt habe: Du warst damals ein ganz schönes Arschloch.“ Er habe zunächst gedacht, das sei lustig oder kumpelhaft gemeint gewesen, berichtet er. „Sie meinte das aber ziemlich ernst“, so Schumacher.

Es habe zwar keinen Machtmissbrauch wie im Falle Reichelt gegeben, erinnert sich der Publizist, aber ein „Gefälle“ in der Redaktion - etwa in Form von herablassenden Sprüchen in Redaktionskonferenzen. „Das war Teil der Medienkultur damals. Und das war mir nicht klar“, sagt Schumacher.

Reichelt-Debatte bei „Lanz“ (ZDF): Runde geht hart mit Springer-Reaktion ins Gericht

Hart ins Gericht geht die Runde auch mit einem eingespielten Videostatement Döpfners vom Mittwoch. „Im Hintergrund wirkten Männer, die erkennbar das Vorgehen organisierten“, sagte der Vorstandsvorsitzende darin unter anderem: Es sei darum gegangen, „Reichelt wegzubekommen“. Der Clip lässt Rosales fassungslos zurück. „Mir fehlen die Worte“, bekennt sie. „Ich weiß gar nicht, wie ich ihm da helfen kann“, sagt sie mit sarkastischem Unterton.

„Es ist komplett irrelevant, wer aus welchem Interesse hier welche Information weitergebracht hat, es geht darum, was sind die Fakten“, betont Drepper. Die seien Springer in Grundzügen schon lange bekannt gewesen. In der Videobotschaft Döpfners hätten die betroffenen Frauen dennoch gar keine Rolle gespielt, rügt er - und verweist auf die schwere Lage der Betroffenen: Seine Kollegen Juliane Löffler, Katrin Langhans und Marcus Engert hätten über Monate überhaupt zunächst das Vertrauen der Frauen gewinnen müssen. Auch angesichts von Belegen in Form von hunderten Dokumenten und Nachrichten Reichelts sei Döpfners Statement „so weit weg von allem, was berichtet und belegt ist, dass ich erstmal schlucken musste“, sagt Drepper.

Auch Berlins scheidender Bürgermeister Michael Müller (SPD) steigt noch in die Diskussion ein - und rügt ebenfalls die Reaktion der Springer-Spitze. „Da wird eine Legende aufgebaut, um nicht an den eigentlichen Kern heranzumüssen“, urteilt er später in der Sendung mit Blick auf eine SMS Döpfners, in der dieser Reichelt als Widerständler gegen einen „DDR-Obrigkeitsstaat“ darstellte. Er verweist zugleich auf die Macht und Drohverhalten der Bild. „Ich habe viele Dinge nicht mitgemacht, vielleicht ist das dann auch ein Problem in einem politischen Werdegang“, sagt er. So habe er nie privat „die Tür aufgemacht“ und sich auch bei Fristen für Anfragen nicht unter Druck setzen lassen. „Natürlich habe ich dann auch erlebt, dass den entsprechenden Artikel gab, ‚Müller kann nicht antworten, Müller will nicht antworten, Müller ist überfordert‘.“

Rosales bestätigt die Berichte über eine toxische Unternehmenskultur bei der Bild auch aus erster Hand. „Ich hatte anderthalb Jahre ein sehr ungutes Verhältnis zu einem Vorgesetzten, das war keine gute Zeit für mich“. Sie habe sehr lange „taktiert“, um zu entscheiden, wie sie die Konstellation beenden können, ohne zur „Persona non Grata“ zu werden, berichtet Rosales unter anderem. „Ich kann das komplett nachvollziehen, dass Leute vor der Bild und auch vor der Person Julian Reichelt Angst haben“, hatte Drepper schon zuvor konstatiert. Das Blatt fahre bekanntermaßen Kampagnen - und kenne dabei teils auch keine Grenzen.

„Markus Lanz“ - Das Fazit der Sendung

Gestritten wird in der Sendung weniger als man es von „Markus Lanz“ gewohnt ist. Die Runde ist sich einig: Was der ehemalige Bild-Chefredakteur Julian Reichelt gemacht hat, ist schlichtweg unentschuldbar, Döpfner hätte anders reagieren müssen. Lanz selbst erwähnt „fürs Protokoll“ auch: Mehrere Bild- und Springer-Akteure waren für die Sendung angefragt, sagten aber ab. Der Gastgeber hält sich mit Provokationen und eigenen Meinungen zurück. Er bedient ausnahmsweise das Berufsbild des klassischen Talkmasters. Das Thema ist zu ernst für verbale Experimente. Vielmehr werden die Zuschauer in eine Revue aus chronologischen Ereignissen, Antworten, aber auch unbeantworteten Fragen mitgenommen. (spot/fn)

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