Die Gäste bei „Markus Lanz“
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Die Gäste bei „Markus Lanz“

„Sie konstruieren Probleme“

Lanz wird in eigenem ZDF-Talk zurechtgewiesen - auch Virologin Brinkmann faucht ihn an: „Jetzt rede ich!“

Melanie Brinkmann kritisiert Lockerungen und Michael Kretschmer beugt sich dem Druck von Teilen der Bevölkerung. Bei „Markus Lanz” debattieren sie emotional.

Hamburg - Die „Markus Lanz”-Talkrunde diskutiert am Donnerstagabend engagiert über die Corona-Pandemie. Zu Beginn stellt die Virologin Prof. Melanie Brinkmann fest, die Nachricht, dass Hausärzte ab nächster Woche impfen sollen, sei „großartig, denn wir müssen ja schneller werden“. Als Talkmaster Lanz anschließend die derzeit beinahe obligatorische Frage stellt, ob sich seine Gäste mit Astrazeneca impfen lassen würden, lässt vor allem FDP-Vize Wolfgang Kubicki aufhorchen. Der sagt, er würde sich schon zum jetzigen Zeitpunkt mit sämtlichen verfügbaren Impfstoffen, auch mit nicht von der Europäischen Arzneimittel-Agentur EMA verifizierten wie Sputnik V, impfen lassen. 

Michael Kretschmer bei „Markus Lanz”: „Unser Ziel muss sein, Sommer 2021 in der gleichen unbeschwerten Art wie Sommer 2020”

Dem widerspricht Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) vehement und besteht auf die Sicherheit, die nur ein ordentliches Zulassungsverfahren gewährleisten könne. Im Hin und Her des Astrazeneca-Impfstoffs sieht er deshalb auch kein Problem. Stattdessen geht er zum Angriff über und wirft Talkmaster Lanz vor, eine Problemlage zu „konstruieren und so zu tun als sei alles ganz furchtbar“. Jetzt, nach der abgeschlossenen Prüfung, wisse man, für wen der britisch-schwedische Impfstoff geeignet sei, „jetzt kann es weitergehen“.

Weil es allerdings weiterhin nicht genug Impfstoff gebe, findet Kretschmer, dass wieder in den Fokus geraten müsse, wie angemessen mit der Pandemie umzugehen sei. „Wir merken, dass die Leute eigene Wege gehen. In Hamburg, in Düsseldorf, in Berlin, in Dresden, überall junge Leute, die ihren eigenen Weg gehen. Solange das so ist, werden staatliche Maßnahmen als Repression verstanden werden und nicht erfolgreich sein können. Das ist das größte Problem, das wird haben, Akzeptanz und Bewusstsein für die Dramatik dieser dritten Welle zu schaffen.“

Wolfgang Kubicki bei „Markus Lanz”: „Söder soll sich um sein eigenes Land kümmern”

Lanz hält dem entgegen, es sei falsch, „den Schwarzen Peter der Bevölkerung“ zuzuschieben und wirft Kretschmer vor, das Verhalten, gerade der jungen Menschen, sei Ergebnis von misslungener Kommunikation. Wolfgang Kubicki möchte das zwar „nicht so platt formulieren“, gibt Lanz aber in der Sache Recht: „Es werden Ziele gesetzt, die nicht eingehalten werden.“ Die Versäumnisse, Fehler und fahrige Kommunikation der Regierung mache „die Leute irre, weil sie mittlerweile Zweifel daran haben, dass professionell agiert wird, dass es einen Plan gibt.“ Einig ist sich die Runde darin, dass der offene Brief der Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen) und Markus Söder (CSU) nicht Teil einer gelungenen und geschlossenen Kommunikation sei.

Melanie Brinkmann bei „Markus Lanz”: „Die Wahrheit ist, dass wir im Sommer mit dieser Pandemie nicht durch sind“

Prof. Melanie Brinkmann, Virologin an der Technischen Universität Braunschweig, bestätigt diesen Eindruck. Sie hält die Kommunikation für „fatal“ und findet, „eine offene und ehrliche Kommunikation schätzt das Volk deutlich mehr als diese leeren Versprechen, auch wenn die Wahrheit unschön ist. Und die Wahrheit ist, dass wir im Sommer mit dieser Pandemie nicht durch sind.“ Sie befürchtet, es werde nicht genug Impfstoff geben, die Verimpfung zu langsam sein und die Impfbereitschaft möglicherweise zu gering: „Um die Pandemie abzubremsen, reichen 50 Prozent nicht.“

Video: Kanzlerberaterin Brinkmann vor 2 Monaten:

„Markus Lanz“ - das waren seine Gäste am 1. April:

  • Michael Kretschmer (CDU) - Ministerpräsident von Sachsen
  • Anja Maier – Journalistin
  • Prof. Melanie Brinkmann – Virologin
  • Wolfgang Kubicki (FDP) - Stellvertretender Parteivorsitzender der FDP

Überhaupt redet sich die Professorin aus Braunschweig zuweilen regelrecht in Rage. Als sie darüber referiert, wie unsinnig es sei, bei niedrigen Inzidenzen die Maskenpflicht wieder abzuschaffen. Als Talkmaster Lanz sie unterbrechen will, fährt sie ihn an: „Ich rede jetzt!“ Auch Wolfgang Kubicki lässt sie bei dessen Versuch einer Nachfrage abblitzen: „Jetzt Sie nicht auch noch von links!“ Eine Steilvorlage, die Lanz nicht ungenutzt lässt: „Und das von Herrn Kubicki, von links, das geht gar nicht!“ Zwischen dem allgemeinen Gelächter, das diese Situation auslöst, versucht Brinkmann, einen ernsten Punkt anzubringen: „Die Modellierungen haben sich absolut bewahrheitet. Die britische Variante hat sich durchgesetzt. Und jetzt haben wir ein Problem.”

Anja Maier bei „Markus Lanz”: „Es ist auf so vielen Ebenen schief kommuniziert worden”

Dieses Problem verstärkt sich durch den von Michael Kretschmer ins Gespräch gebrachten Sachverhalt, dass die Pandemie „in der Wirklichkeit von vielen Menschen nicht mehr“ stattfinde, dadurch entstünden Bilder wie vom Alster- oder Rheinufer in den vergangenen Tagen. 2020 sei die Vorsicht größer gewesen und solche Szenen nicht denkbar. Die Journalistin Anja Maier pflichtet Kretschmer bei: „Dass die Furcht vor einem Jahr größer war, das stimmt.“ Dennoch liegt auch für sie der Hund in der schlechten Kommunikation begraben: „Jetzt stellt sich die Bundeskanzlerin einmal im Monat hin und sagt: Kommt Leute, einmal noch, dann haben wir es. Stimmt aber alles nicht.“

„Markus Lanz” - das Fazit

„Markus Lanz” und seine Gäste debattieren mit großem Engagement, allen voran die Virologin Melanie Brinkmann, die viel zu kritisieren hat am Management der Bundesregierung und der Ministerpräsidenten. Das hat FDP-Vize Kubicki zwar auch, allerdings aus einem anderen Blickwinkel, der erneut den Vorwurf auslöst, dass es den politischen Akteuren derzeit mehr um Wahlkampf als um Pandemiebekämpfung gehe. Das trägt zur aufgeheizten Stimmung bei, in der sich Talkmaster Lanz zunehmend wohlzufühlen scheint. Nachdem er am Dienstag Armin Laschet (CDU) und am Mittwoch Susanne Hennig-Wellsow (Die Linke) argumentativ in die Enge getrieben hat, legt er zum Abschluss seiner Arbeitswoche erfolgreich bei Michael Kretschmer (CDU) nach.

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