Mai Thi Nguyen-Kim geht auf Professor los

„Sind Sie schrecklich naiv?“ Attacke bei Lanz auf Streeck - der gesteht: „War komplett überfordert“

Naiv? Der Top-Virologe Prof. Streeck stellt sich einmal mehr bei „Markus Lanz“ den Fragen zur Corona-Pandemie und wird kurzerhand selbst zur Zielscheibe.

Update vom 24. März, 13.44 Uhr: Mai Thi Nguyen-Kim will den Streit mit Streeck, der durch das Sendungsende von Lanz unterbrochen wurde, nicht ungeklärt lassen. Daher hat sie bei Twitter ihre Fragen über die angenommene Sterblichkeit in Streecks Heinsberg-Studie gestellt. Grund dafür ist nach ihren Angaben die politische Relevanz der Studie. „Prof. Streeck und ich sind offenbar unterschiedlicher Meinung, welche politische Bedeutung die Heinsberg-Studie hatte. Ich meine, eine verdammt große. Deswegen hat mich das unklare Update bzgl. Todeszahlen & IFR gewurmt“, erklärte Mai Thi Nguyen-Kim via Twitter.

Sie hat scheinbar noch mehrere Fragen an den Virologen gehabt, die bei Lanz nicht mehr geklärt werden konnten. „Prof. Streeck möchte nicht als ‚Öffnungsvirologe‘ missverstanden werden, sagte er gestern. Dann müsste ihn das hier genauso wurmen wie mich. Anfragen von @medwatch_de hatte er nicht beantwortet. So bleiben für mich die o.g. Fragen offen, die ich gestern gerne geklärt hätte.“ Bis jetzt hat Streeck noch nicht auf die Fragen der Wissenschaftsjournalistin geantwortet.

Erstmeldung vom 24. März, 12.44 Uhr: Hamburg - Markus Lanz und seine Gäste stimmen am Dienstagabend nicht ins Trommelfeuer derjenigen ein, die den Oster-Lockdown als drakonische Maßnahme der Bundesregierung verstanden wissen möchten. In einem eilig anberaumten Treffen von Bund und Ländern am Mittwoch wurden diese mittlerweile zurückgenommen. Grund zur Kritik an den Verantwortlichen der Politik findet die Runde dennoch. Von der Kommunikation der Bundesregierung über das Impfdesaster bis hin zum Umstand, dass man zwar im Ausland, aber nicht innerhalb Deutschlands Urlaub machen kann, etwa an der Nordsee. Es dauert daher auch nicht lange, bis Niedersachsens per Video zugeschalteter Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) eingesteht: „Das ist nicht vernünftig zu vermitteln.”

Stephan Weil bei „Markus Lanz”: „Ich bin überzeugt davon, es ist die richtige Strategie.”

So hat Weil zu Beginn der Sendung alle Hände voll damit zu tun, die Ergebnisse dennoch als den richtigen Weg darzustellen. Nicht, weil die Beschlüsse, so die einhellige Meinung der Runde, in der Sache falsch wären, sondern weil die Politik nicht mehr in der Lage sei, die Bevölkerung beim ständigen Hin und Her mitzunehmen. Erst kürzlich habe man Lockerungen in Aussicht gestellt, nun kommt es zur Rolle rückwärts. So stellt der stellvertretende Chefredakteur der „Welt”, Robin Alexander, ernüchtert fest: „Ich kann die Begeisterung von Herrn Weil nicht teilen.“ Sein Vorwurf: Elementare Freiheitsrechte blieben weiterhin eingeschränkt und das ausgehend vom Beschluss eines Gremiums, das nicht demokratisch dafür legitimiert sei. Das sei zu Beginn der Krise zulässig gewesen, „weil es eine Notsituation war, aber es ist nicht nachträglich parlamentarisiert worden“. Der gesamte Prozess verliere derzeit deshalb „dramatisch an Legitimität”.

Robin Alexander bei „Markus Lanz”: „Merkel und die Ministerpräsidenten sind dysfunktional”

Weil hält dagegen: „Sie wissen genau, dass der deutsche Bundestag selbst gesagt hat: Das ist das Verfahren, das wir in einer solchen Pandemie für richtig halten.“ Das gelte auch für die Landtage der Bundesländer, weshalb Niedersachsens Ministerpräsident sicher ist: „Wir bewegen uns in einem Rahmen, den uns die Verfassung ausdrücklich gestattet.“ Doch auch Robin Alexander steckt nicht zurück: „Die MPK ist ein Gremium, um Sachen zwischen den Ländern zu klären. Dass darüber die Pandemiepolitik gemacht wird, ist nicht in Stein gemeißelt. Das ist nicht in der Verfassung angelegt.“ Der Journalist wiederholt energisch seine Forderung nach einer „Parlamentarisierung“ von Lockdown-Maßnahmen, beißt bei Weil aber auf Granit. Dessen Einschätzung „Wir sind da einfach unterschiedlicher Auffassung” führt schließlich zum Ende des Streitgesprächs.

„Markus Lanz“ - das sind seine Gäste am 23. März:

  • Stephan Weil (SPD) – Ministerpräsident von Niedersachsen
  • Prof. Hendrick Streeck – Virologe
  • Mai Thi Nguyen-Kim – Autorin, Wissenschaftsjournalistin
  • Prof. Stefan Kluge – Direktor der Intensivmedizin der Uniklinik Hamburg-Eppendorf
  • Robin Alexander – Stellvertretender „Welt”-Chefredakteur

Mai Thi Nguyen-Kim bei „Markus Lanz”: „Wir haben gepennt”

Die promovierte Chemikerin und Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim kann das anhaltende Hin und Her der Bundesregierung ebenfalls nicht nachvollziehen. Dass nun ausgerechnet Schulen und Kindertagesstätten geöffnet bleiben sollen, sei ihr ein Rätsel, in ihren Augen handle es sich bei ihnen um „Risikogebiete”. Nguyen-Kim stellt sogar infrage, ob das Kindeswohl bei dieser Frage Priorität genieße: „Wenn uns die Kinder wirklich am Herz liegen würden, dann würden wir auch nichts anderes öffnen, bis die Schulen und Kitas geöffnet werden können mit den entsprechenden Schutzmaßnahmen, zum Beispiel Tests.“ Auch hier widerspricht Stephan Weil und beruft sich auf die positiven Erfahrungen Niedersachsens, außerdem sei für das Kindeswohl die geistige Gesundheit kleiner Kinder ebenso wichtig: „Es geht darum, Verantwortung zu übernehmen: Aber bitte für beides. Für den Infektionsschutz aber auch für die Entwicklung der Kinder.“

Mai Thi Nguyen-Kim zu Gast bei Markus Lanz (ZDF)

Nguyen-Kim vs Streeck

Zum Ende der Sendung räumt Markus Lanz dem Virologen Prof. Hendrik Streeck noch ein wenig Zeit ein, um seine teils kontrovers diskutierten Aussagen geradezurücken. Doch Nguyen-Kim hat offenbar andere Pläne und fährt Streeck an: „Entweder sind Sie, mit Verlaub, schrecklich naiv und haben sich instrumentalisieren lassen, oder sie haben sich politisch bewusst auch eher auf die Seite ‚Öffnungen‘ gestellt.“ Streeck lässt sich jedoch nicht provozieren und gibt zu, er habe mehr als 100 Anfragen von Medien zu seiner Heinsberg-Studie bekommen: „Da war ich naiv.“ Er sei in dieser Zeit komplett überfordert gewesen, wie man mit Medien umgehe. Jetzt lasse er sich aber beraten.

Anschließend entbrennt zwischen den beiden noch ein Detailstreit über die angenommene Sterblichkeit in dessen Heinsberg-Studie. Streeck rechnete mit sieben Toten in der Stadt Gangelt, nicht aber mit den 13 Toten im ganzen Kreis Heinsberg. Für Streeck vollkommen richtig, für Nguyen-Kim ein Unding. „Wissenschaftlich korrekt - da reden Sie sich doch raus!“, fährt Nguyen-Kim ihn an. Sie wünsche sich mehr Transparenz von Streeck, der das klarstellen solle. „Da haben sie aber nicht richtig zugehört“, entgegnet der trocken, bevor Markus Lanz den gerade in Fahrt kommenden Abend beendet.

fuldaerzeitung.de* berichtet darüber hinaus über Streecks Position zur Pandemie-Bekämpfung in Anbetracht der Corona-Variante B1.1.7. *Merkur.de und fuldaerzeitung.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA

Rubriklistenbild: © Screenshot „Markus Lanz“/ZDF

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