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Illner: Brinkmanns Omikron-Aussage sorgt für Aufsehen – „Der Infektionsdynamik ist die Impfung eben egal“

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Die Talkrunde bei „Maybrit Illner“ (ZDF).
Die Talkrunde bei „Maybrit Illner“ (ZDF). © ZDF (Screenshot)

Es hätte nicht viel gefehlt und Maybrit Illner säße allein im Berliner ZDF-Studio. Die meisten Gästen ließen sich per Monitor zuschalten. Das passte zum Thema: Die hochinfektiöse Virusvariante Omikron.

Berlin - Der zweifelsohne fleißigste Talkshow-Gast, Gesundheitsminister Karl Lauterbach, sitzt nicht in der Runde bei Maybrit Illner, bekommt aber ordentlich sein Fett weg. Gemeinsam mit Olaf Scholz steht er in der Schusslinie - Thema: Impfpflicht. Moderatorin Illner gibt die Steilvorlage und fragt in die Runde: „Eine Impfpflicht ankündigen, aber dann keine Idee haben, wie man sie umsetzt - war das besonders clever von Olaf Scholz?“. Und spielt auf den bislang ausstehenden Vorschlag zur Umsetzung zur geplanten Abstimmung Mitte März an.

Lauterbachs bayerischer Ministerkollege auf Landesebene, Klaus Holetschek von der CSU, lässt sich die Gelegenheit nicht nehmen: „Ich bin für diese Impfpflicht“, gesteht er zunächst in die Kamera, wenn auch mit der Einschränkung einer Befristung - doch dann ledert er los: „Das Thema muss Chefsache sein und da muss der Kanzler jetzt liefern!“ und fordert eine Gesetzesvorlage „im Hinblick auf die Zukunft“ von der „Führung in Berlin“.

„Maybrit Illner“ - diese Gäste diskutierten mit:

Omikron hat ein neues Problem am Corona-Himmel entstehen lassen: Nicht mehr die Gefahr vor schweren Verläufen und die Überlastung des Gesundheitssystems umtreibt die Politiker - der Ausfall durch Quarantänemaßnahmen ist das neue Problem im Umgang mit der Pandemie. Die „kritische Infrastruktur“, medizinische Versorgung, Verwaltung, Stadtwerke, aber auch Bildungswesen, Ordnungsämter, Gerichtsbarkeit und Polizeiordnung bis hin zur Lebensmittelversorgung stehen derzeit stellenweise lahm gelegt zu werden. Prof. Melanie Brinkmann stellte klar, dass Boostern in den meisten Fällen vor schweren Verläufen schützt, aber nicht vor Infektion: „Der Infektionsdynamik ist die Impfung eben egal.“

Die Virologin räumt ein: „Die Quarantäne ist eine Belastung“, spricht sich für schnelles „Freitesten“ aus, mahnt aber auch zur Sorgfalt, da man mit den Testkapazitäten bereits jetzt überlastet sei. Brinkmann warb nochmal in einem dramatischen Appell für die Impfung. „Covid-19 ist keine Grippe“, so Brinkmann. Es sei eine wirklich schwere Krankheit. Das Narrativ - die „Natur sei besser als die Impfung sei grundlegend falsch“. Die sei häufig „grausam“. Die Leute hätten vergessen, dass die Forschung „durch Impfungen viele Menschenleben gerettet haben“. Vor 100 Jahren sei noch jeder Zehnte an den Pocken gestorben. Das hätte die Wissenschaft durch Impfung „in den Griff bekommen“.

Holetschek spricht von „Ausbalancierung“ und bringt Schwesig auf die Palme

Doch auch Holetschek bekommt sein Fett weg. Illner hinterfragt, die angekündigte Wende zu mehr Pandemie-Lockerheit in Bayern und zitiert Markus Söder: „Corona ist nicht das Ende der Welt“. Holetschek erklärt den neuen Kurs auf Grund der „deutlich niedrigeren Krankheitsschwere“ von Omikron: „Wir nehmen uns jetzt mal die Zeit, das auszubalancieren.“. Schwesig murrt empört von ihrem Monitor: „Ich staune, dass Bayern das macht! Vor Kurzem wurden dort noch Patienten ausgeflogen!“ Auch Illner befindet mit Erinnerung an die vergangene Ministerpräsidentenkonferenz: „Sie konterkarieren einen gemeinsamen Beschluss!“.

Schwesig verkündet einen Krisenstab, den sie in ihrem Bundesland eingerichtet habe, um auf den schlimmsten Fall vorbereitet zu sein und schließt nicht aus, dass sich demnächst bis zu einem Viertel der Bevölkerung in Quarantäne befinden könnte.

In Sachen Impfpflicht teilt auch die Journalistin Eva Quadbeck gegen den Gesundheitsminister aus: „Lauterbach hat am 5. Januar gesagt, dass er einen Vorschlag vorlegt.“ Passiert sei bislang nichts, das sei sein „sehr großer Widerspruch“, so Quadbeck und befindet, Lauterbach hätte sich an die „Spitze der Impfbewegung“ setzen müssen, durch seine Zurückhaltung habe er „Vertrauen verloren.“ Sichtbar unzufrieden ist die Politikjournalistin auch mit der derzeitigen Situation in Bezug auf Digitalisierung und Personalsituation - zu wenig und zu schlecht bezahlt: „Dann hat man gesagt: Da müssen wir was ändern und dann änderte sich nichts!“ Brinkmann stimmt dem zu, denn bereits seit 2003 würde versucht, das Gesundheitssystem in eine elektronische Form zu bringen. Die „Dringlichkeit“ sei durch die Pandemie noch mal deutlicher geworden. 

Schwesig verteidigt den fehlenden Antrag zur Impfpflicht: Wunsch nach Debatte ist richtig

Ministerpräsidentin Manuela Schwesig hält es bei so viel Kritik an ihren Parteigenossen kaum noch auf dem Stuhl. Sie springt zunächst für Lauterbach in die Bresche, stellt erstmal grundsätzlich klar: „Er ist ein richtig guter Gesundheitsminister! Er kann alles wissenschaftlich begründen!“

Den fehlenden Antrag zur Umsetzung einer Impfpflicht begründet Schwesig mit der Möglichkeit zur Parlamentsdebatte. Ein Vorschlag Lauterbachs hätte eine Debatte „überstrahlt“. Da sei der Bundestag auch „empfindlich“. Man könne nicht erst sagen: „Debatte!“ Und dann: „1,2,3… - so wird’s gemacht.“ Quadbeck stellt klar, dass die Debatte der Ampelkoalition nütze - nicht umgekehrt - denn sie allein bringe „keine Mehrheit für eine Impfflicht“ zustande und brauche die fraktionsoffene Debatte zur Durchsetzung. Schwesig bleibt da nur ein eisernes Lächeln.

Der aus Frankfurt zugeschaltete Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar haut von der anderen Seite in die Kerbe und verteilt Schulnoten „In Sachen Kommunikation“ hätte die Regierung eine „Vier oder Fünf“ verdient. Yogeshwar kritisiert zum einen undurchsichtige bis fehlerhafte Datenaufstellungen - verursacht durch die verschleppte Digitalisierung der Ämter - die die Menschen misstrauisch machen würden. Zum anderen die Spaltung durch eine polarisierende Debatte um die Impfpflicht. Yogeshwar: „Wir haben zugelassen, dass wir Lagerbildungen machen, wo wir von Impfgegnern sprechen“ und dadurch „Trotzreaktion“ und „Verhärtung“ vorangetrieben.

Fazit des „Maybrit Illner“-Talks

Schon interessant, dass angesichts des Klimawandels, der außenpolitischen Situation an den europäischen Grenzen oder der Entwicklung Chinas, die Talkshows sich nahezu ausschließlich diesem einen Thema widmen: Corona und dessen nationalen Auswirkungen. Allein Yogeshwar wagte bei „Maybrit Illner“ ein wenig den Blick über den Tellerrand und stellte fest, dass Omikron im weitgehend umgeimpften Afrika entstanden sei und regte einen Blick auf die internationale Lage und Verantwortung an. Doch bei dem Vorschlag blieb es. Gekreiselt wurde weiterhin im Wesentlichen um Impfgegner und Impfvorschriften. (Verena Schulemann)

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