Jan Josef Liefers zu Gast bei Maybrit Illner (ZDF)
+
Jan Josef Liefers zu Gast bei Maybrit Illner (ZDF)

„Was ich nicht gemacht habe“

Illner: Liefers gesteht sich entscheidenden #allesdichtmachen-Fehler ein - und bekommt volle Breitseite

Nicht nur die Schauspieler-Aktion #allesdichtmachen spaltet die Nation im Bezug auf die Pandemie. Maybrit Illner wollte wissen: Wo knirscht es noch im Gebälk? 

Ist Corona ein Spalter, der die Gesellschaft in zwei Lager teilt? Die Bürger, die Freiheit priorisieren versus die Menschen, die Schutz vor Erkrankung und Sicherheit brauchen? Maybrit Illner fragte ihre Talk-Gäste „Freiheit, Solidarität, Widerspruch – spaltet Corona das Land?“.

Schauspieler Jan-Josef Liefers hat in der Sendung das erste Wort. Er gehört zu den prominentesten und engagiertesten der über 50 Schauspieler:innen, die die Video-Aktion #allesdichtmachen unterstützten. „Die Videos“, so Liefers rechtfertigend, „wurden sehr persönlich genommen und so persönlich war es ja gar nicht gemeint.“

Der „Tatort“-Star, der in Dresden geboren wurde und kurz vor dem Mauerfall auf dem Berliner Alexanderplatz eine öffentliche Rede für mehr Veränderung hielt, präsentiert sich sehr deutlich als jemand, dem die Freiheit sehr wichtig ist. Doch dem Schauspieler ist anzumerken, dass er unter Anspannung steht. Die Anfeindungen der letzten Tage gingen nicht spurlos an ihm vorbei. Liefers wirkt sehr bemüht, die richtigen Worte zu wählen, ruhig zu bleiben.

„maybrit illner“ - diese Gäste diskutierten mit:

  • Jan Josef Liefers - Schauspieler und Musiker
  • Dr. Peter Tschentscher (SPD) - Laborarzt und Erster Bürgermeister Hamburgs
  • Boris Palmer (Bündnis 90/Die Grünen) - Oberbürgermeister von Tübingen, zugeschaltet
  • Wolfgang Kubicki (FDP) - stellvertretender Parteivorsitzender, zugeschaltet
  • Dr. Mai Thi Nguyen-Kim - Wissenschaftsjournalistin, Moderatorin, Autorin und Youtuberin (maiLab)

Für Aufmerksamkeit habe die Aktion sorgen wollen, gibt Liefers zu. Das Mittel der Satire ließe keine Differenziertheit zu, das liege in der Natur der Sache. Doch alle „anständigen“ Aktionen im Vorfeld - seien „verpufft“, hätten nichts gebracht. Und das habe „natürlich auf die Dauer ganz schön frustriert“. Er selbst sei bezüglich Corona am Anfang „total angeknipst“ und ein „Fan-Boy“ des Podcasts vom Virologen Christian Drosten gewesen, „doch dann“, so Liefers, „kamen so viele Dinge, die sich mir überhaupt nicht mehr erschlossen haben“. 

#allesdichtmachen: Liefers gesteht entscheidenden Fehler bei Illner im ZDF-Talk

Doch Liefers gesteht auch den entscheidenden Fehler: Ihm gut bekannte Kollegen seien der Beweggrund gewesen, bei #allesdichtmachen mitzumachen. Von den beiden Initiatoren habe er nur einen gekannt, Dietrich Brüggemann, „aber auch nicht sehr gut. Was ich nicht gemacht habe, war eine gründliche Recherche“. So habe er sich nicht damit befasst, wer die Initiatoren seien, welche Vergangenheit die Beteiligten hätten, mit wem sie gearbeitet hätten.

Wissenschaftsjournalistin Dr. Nguyen-Kim kann Liefers an dieser Stelle nicht verstehen. Ein wenig altklug kommt sie daher, wenn sie sagt: „Nicht jede Diskussion ist eine gute“, dabei aber offen lässt, wer denn „gut“ grundsätzlich definieren soll. Keinen Zweifel lässt sie aber daran, dass die Aufmerksamkeit um die Schauspieleraktion verschwendete Aufmerksamkeit sei. Doch mit dieser Meinung erntet sie massiven Widerspruch von Tübingens Grünem Bürgermeister Boris Palmer, der Streit fundamental für eine Demokratie findet. Palmer: „Wir müssen miteinander streiten, um im Gespräch, um zusammen zu bleiben.“

Boris Palmer verteidigt Schauspieler Liefers bei Maybrit Illner

Die Angriffe auf Liefers und Co. erinnerten ihn an seine eigenen Erfahrungen in der Politik, mault Palmer: „Man wird so unter Druck gesetzt, bis man nicht mehr zu dem steht, was man gesagt hat.“ Dabei werde die Urteilskraft der Menschen unterschätzt. „Die brauchen keine Vordenker, die ihnen sagen, was die gute Seite der Macht ist“, findet Palmer. Und sagt zum Ende in die Kamera: „Ich finde es großartig, was die Künstler sich getraut haben, danke Herr Liefers für diese Aktion.“ Liefers verzieht keine Miene.

Auch Kubicki bricht eine Lanze für die Meinungsfreiheit. Und stellt noch mal klar, dass die „Freiheit der Kunst“ alles darf. Dann schießt er scharf gegen SPD-Vizekanzler Olaf Scholz: „Wir müssen aufpassen, dass bei der Corona-Debatte nicht alle die, die nicht die Maßnahmen der Regierung sofort mit ganzem Herzen mittragen, zu denjenigen gemacht werden, die schwere Krankheitsverläufe und Todesfälle wollen.“ Diese Methode hätte Scholz aber in einem Illner-Talk vor ein paar Wochen bei FDP-Parteichef Christian Lindner angewandt.

Bei „maybrit illner“ bricht ein Streit zwischen Tschentscher und Kubicki aus

Die Kritik bietet Anlass für SPD-Bürgermeister Tschentscher wiederum für seinen Parteigenossen in die Bresche zu springen: „Herr Kubicki sagt, jede Meinung ist okay, man muss alles sagen dürfen, und dann kritisiert er Herrn Scholz, für das, was Herr Scholz gesagt hat.“ Und lobt im Anschluss die Ausgangssperren seiner Hansestadt und die Lockdown-Politik der Bundesregierung.

Kubicki sieht das anders: „Wir haben in Schleswig-Holstein keine Ausgangssperren, und gleichwohl sinken bei uns die Inzidenzen genauso wie in Hamburg.“ Tschentscher: „Sie wissen, dass Sie auf den Inseln und an der Nordsee viel leichtere Bedingungen haben.“ Einen Einwand, den der Liberale streitlustig für sich ummünzt: „Warum jetzt in Helgoland, wo wir überhaupt keinen Covid-Fall haben, Inzidenzwert Null, die Leute eine Ausgangssperre ab 20 Uhr über sich ergehen lassen müssen, können Sie niemandem mehr erklären.“

Und Tschentscher tappt in die Falle: „Niemand hat behauptet, dass man in Helgoland bei einer Inzidenz von Null eine Ausgangssperre haben muss.“ Doch Kubicki hat Recht: „Helgoland gehört zum Kreis Pinneberg, das sollten Sie wissen. Und dort liegt die Inzidenz über 100.“

Kubicki nutzt das Beispiel Helgoland, um die Ausgangssperren in Frage zu stellen

„Das ist eine extreme Spezialität“, wehrt sich Tschentscher sauer und holt die Corona-Keule raus. „Was Sie tun, ist irreführend und in dieser Lage nicht verantwortungsvoll.“ - „Hören Sie doch mit solchen Sachen auf!“, brummt Kubicki, und fasst an andere Stelle zusammen: „Mit dem Virus verhandelt man nicht, aber man verhandelt auch nicht mit der Verfassung.“

Dr. Nguyen-Kim hat das letzte Wort: „Man kann den Bund beim Impfen und Testen kritisieren“, sagt sie, doch dann kommt ein großes Aber: Den Hauptfehler sieht sie aufseiten der Länder, die vor allem im Herbst nicht „geschlossen auf den wissenschaftlichen Konsens“ gehört hätten. Nguyen-Kim: „Dann hätten wir diesen Streit nicht.“ Zeit für ein Gegenwort bleibt nicht, Lanz wartet. 

Fazit des „maybrit illner“-Talks

Interessantes Thema: die Meinungsfreiheit. Doch der Talk verzettelte sich zu sehr im Kleinklein. Das hätte man größer aufziehen können und den Fokus auf grundsätzliche knifflige Punkte legen können oder auch die Frage debattieren: Diskutieren wir zu viel oder zu wenig? So brachte die Sendung wenig Neues, das Parteipolitik-Gebell von Kubicki und Tschentscher hatte immerhin etwas unfreiwillig Komisches.

Auch interessant

Kommentare