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„Maybrit Illner“: Erster Landeschef schließt Lockdown nicht mehr aus - „Diese vierte Welle ist gefährlicher“

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Die Talkrunde bei „Maybrit Illner“ (ZDF)
Die Talkrunde bei „Maybrit Illner“ (ZDF) © ZDF/Maybrit Illner (Sceeenshot)

Bei Maybrit Illners Corona-Talk im ZDF fliegen die Fetzen: Michael Kretschmer und Wolfgang Kubicki werden laut - letzterer hat auch mit Fragen einer Expertin zu kämpfen.

Berlin - Alles neu macht die Ampel? In Sachen Corona sieht es so aus. Beim ZDF-Talk „Maybrit Illner“ führt FDP-Vize Wolfgang Kubicki aus, wo die Reise hingehen soll: Maßnahmen werden Ländersache, eine einheitliche, flächendeckende Regelung soll es nicht mehr geben. 2G und 3G sollen als Modelle vorrangig bleiben. Außerdem gibt es wieder Gratis-Bürgertests. Was es nicht geben soll: die Einführung einer allgemeinen Impfpflicht gegen das Coronavirus, genauso wenig wie bundesweit gleichzeitig angeordnete Kontaktbeschränkungen und Lockdowns - wie sie nun womöglich in den Niederlanden kommen könnten.

Doch die Pandemie-Politik unter „liberalen“ Merkmalen stößt in der Runde auf erhebliche Kritik. Die 35 Jahre junge Juniorprofessorin Anika Klafki bemängelt Fehler der neuen Regelung: „Es verkürzt den Maßnahmenkatalog erheblich“ und das sei momentan - bei Infektionszahlen jenseits der 50.000 - die vollkommen „falsche Richtung“. Auch die Biochemie-Professorin und Unternehmerin Helga Rübsamen-Schaeff zeigt sich irritiert über die Corona-Politik der designierten Dreier-Regierung und kommentiert lakonisch: „Da reibt man sich die Augen!“.

„Maybrit Illner“ - diese Gäste diskutierten mit:

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer findet drastischere Worte: „Die vierte Welle“, prognostiziert Kretschmer, werde alles Bisherige „in den Schatten“ stellen. Der Regierungschef prognostiziert „ein dramatisches Aufbäumen der Infektionszahlen. Zahlen, wie wir sie bisher nie erlebt haben!“ Die Entscheidung, das Ende der pandemischen Lage zu verkünden, sei „fahrlässig“ gewesen, so Kretschmer, der - ungeachtet der Tatsache, dass der Vorstoß ursprünglich von Gesundheitsminister und CDU-Kollege Jens Spahn kam - der Ampel den Ausruf zuschreibt: „Die Krankenhäuser sind jetzt schon an der Belastungsgrenze!“

Klafki findet es falsch, die Hoheit den Ländern zu überlassen und stellt kritische Fragen in Richtung Kubicki: „Kann man 2G auch einführen für Supermärkte, Arztpraxen und Apotheken?“ Denn das würde bedeuten, dass sich Ungeimpfte gar nicht mehr versorgen können. Die Juristin will wissen, was für Kinder gilt, die derzeit noch nicht geimpft werden könnten. Und: „Was gilt für private Feiern? Was soll an Weihnachten gelten?“ Gelten die Feierlichkeiten als Veranstaltung, wenn beispielsweise Gottesdienste gefeiert würden? Solche Grundsatzfragen den Ländern zu überlassen könne einen verfassungsproblematischen Flickenteppich bedeuten, warnt Klafki.

FDP-Vize Kubicki und CDU-Ministerpräsident Kretschmer geraten bei Illner aneinander

Kubicki fühlt sich sichtlich angegriffen und poltert los: „Wenn in Bayern und Sachsen mehr geimpft worden wäre, hätten wir das Problem gar nicht“, schimpft der FDP-Mann auf die beiden von CDU und CSU regierten Länder. Und wird bissig: „Dass wir in Schleswig-Holstein 2G einführen sollen, in dem Glauben, dass dann in Sachsen die Inzidenzen sinken, ist intellektuell wirklich erbärmlich!“

„Hochmut kommt vor dem Fall!“, ruft Kretschmer ebenfalls aufgebracht von seinem Monitor ins Studio und attestiert auch dem nördlichsten Bundesland bald eine bedrohliche Wende: „Hier geht es um einen Virus, und den kann man nicht durch politische Spielchen bekämpfen!“, lästert Kretschmer. Kubicki wird wütend: „Fundamentalversagen der CDU/CSU-Bundestagsfraktion“, attestiert er. Das habe sich vor allem nach der gescheiterten Osterruhe gezeigt - ihm sei damals „die Hutschnur geplatzt“. Kretschmer feuert zurück: „Diese Schuldzuweisungen helfen überhaupt nichts! Sie verunsichern die Bevölkerung!“

Kretschmer schließt eine „Bergamo-Situation“ nicht aus

Auf Nachfrage von Illner schließt Kretschmer auch einen Lockdown nicht mehr aus. „Was machen Sie denn, wenn die Krankenhäuser nicht mehr können?“, fragt der MP und fügt dramatisch hinzu: „Wir können doch nicht sehenden Auges in Situationen wie in Bergamo kommen wollen!“ Kubicki kann sich eine süffisante Bemerkung nicht verkneifen: „Lockdown kann er mit dem neuen Gesetz ja dann in Sachsen machen …“ Kretschmer wird erneut dramatisch: „Diese vierte Welle ist härter, ist schwerer, ist gefährlicher als das, was wir erlebt haben. Bleiben Sie zu Hause! Vermeiden Sie Kontakte!“

Kubicki will den Notstand im Gesundheitswesen thematisieren: „Wir haben 5.000 Intensivbetten weniger als im Vorjahr.“ Die Vize-Präsidentin des Deutschen Pflegerates, Annemarie Fajardo, redet daraufhin Klartext: „Wir sind seit 50 Jahren im Pflegenotstand. Jetzt kommt auf den Notstand eine Pandemie obendrauf.“ Die Folge, so Fajardo: Das System befinde sich bereits im „Kollaps“.

Wirksame Medikamente gegen Corona werden zugelassen

Wenigstens eine gute Nachricht meldet Rübsamen-Schaeff: Es gebe inzwischen zwei Pillen gegen Corona. Eine davon, Molnupiravir, sie sei in Großbritannien bereits zugelassen: „Die haben 250.000 Packungen gekauft. Das könnte hier auch geschehen.“ Die Medikamente könnten die Zahl der Todesfälle bis zu 90 Prozent senken, erläutert die Virologin. Journalist Reitz kann sich im Hinblick auf die verschleppte Impfstoff-Beschaffung den Kommentar nicht verkneifen: „Ich kann nur hoffen, dass man nicht wieder Brüssel den Auftrag gibt, diese Medizin zu beschaffen…“

Fazit des „Maybrit Illner“-Talks

Eines machten die Diskussionen der Sendung deutlich: Die Ampel will in Sachen Pandemie andere Schwerpunkte und Herangehensweisen an den Tag legen als die scheidende Bundesregierung unter Angela Merkel. Welche Strategie diejenige mit dem geringsten Schaden sein wird, wird vermutlich erst im Nachhinein zu beantworten sein. Sicher scheint aber: Es werden weiter Menschen an Corona-Infektionen sterben. (Verena Schulemann)

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