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Martin Zeil

Ex-Minister in der Kirche

Zeil liest den Erben die Leviten

München – Mit einer Gardinenpredigt meldet sich Ex-Vize-Ministerpräsident Martin Zeil zurück. Bei seinem Auftritt in einer Kirche knöpft sich der FDP-Mann die Nachfolger in den Regierungen vor.

Der APO-Aktivist tritt brav in Krawatte auf, er spricht im Angesicht eines Kruzifixes an der Holzwand, vor sich ein Bündel Tulpen in einem Wasserkrug. Die außerparlamentarische Opposition war auch schon mal wilder. Für seine Verhältnisse ist Martin Zeil, Ex-Minister der FDP, aber recht auf Krawall gebürstet. Es ist eine der nicht mehr häufigen Gelegenheiten zur öffentlichen Abrechnung mit der Berufspolitik; jener Kaste also, der Zeil nicht mehr angehört seit der Wahl.

Eine Art Kanzelrede soll es sein im Zentrum der evangelischen Kirchengemeinde Immanuel-Nazareth in München. „Ist die Marktwirtschaft noch sozial?“, soll Zeil referieren. Herrjeh – hätten sich Münchens Protestanten nicht früher für Marktwirtschaft interessieren können? Also ehe sie Steuer-Millionen in desaströsen Fehlinvestitionen versenkten? Das ist natürlich nicht fair, die Anlagen verbockte das Dekanat, die Gesprächsreihe pflegt eine wackere, an ehrlichem Dialog interessierte Kirchengemeinde.

Zeil, seit Herbst kaum gealtert, ist ent-amtet, aber längst nicht entpolitisiert. Sein Plädoyer für die Soziale Marktwirtschaft wird, sobald er endlich die theoretischen Grundlagen durchgekaut hat, leidenschaftlich und sehr liberal. „Es geht um Chancengerechtigkeit und nicht um Gleichmacherei“, ruft er den Kirchengästen entgegen, ein Saal, mittel besetzt wie das Landtagsplenum früher an schlechteren Tagen. Soziale Marktwirtschaft sei „gerade keine sozial verbrämte Umverteilungsmaschinerie“, kein „allumsorgender Wohlfahrtsstaat“, der abhängig mache von Transferzahlungen.

In protestantischen Kirchenkreisen für FDP-Positionen zu werben, ist wahrlich nicht dankbar. Zeil tut’s unverzagt. Schimpft auf den gesetzlichen Mindestlohn, „wie er ja ab und zu auch von Kirchen gefordert wird“. Erklärt, warum die Schlecker-Rettung aus seiner Sicht unsozial gewesen wäre. Warum staatliche Transfergesellschaften trügerisch seien, weil sie die Arbeitslosigkeit nur hinausschieben. Und lästert über das „soziale Helfersyndrom der Politik“, wenn sie meine, Firmen retten zu müssen. Der Name Seehofer fällt nicht. Aber Zeil haut schon verbal auf den tulpengeschmückten Tisch, wenn er über all die anderen Parteien schimpft, die sich jetzt vermeintlich liberal geben. „Politische Erbschleicher“ nennt er sie. Zeil wirft allen zusammen vor, im Steuersystem „die Prinzipien der Sozialen Marktwirtschaft zu missachten“. Auch bei der Rente verkünde die Große Koalition „schön klingende Versprechen wie Lebensleistungs- und Mütterrente“ auf Kosten künftiger Generationen.

Manchmal schütteln die Herrschaften im Gemeindezentrum sanft den Kopf. Großen Zuspruch hat er indes, wenn er Ärger über Auswüchse des Kapitalismus mit Kritik an der Regierung verknüpft. „Die Aufsichtsräte sind oft so eine Inzuchtgemeinschaft“, brummt Zeil unvermutet, „man kennt sich. So wie früher der Verwaltungsrat der Bayerischen Landesbank.“

Christian Deutschländer

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