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Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman A. Mazyek, hat die Morde der IS-Terroristen im Irak scharf verurteilt.

Zentralrat der Muslime nach IS-Taten

"Wir müssen aus dem Schneckenhaus heraus"

München - Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman A. Mazyek, hat die Morde der IS-Terroristen im Irak scharf verurteilt.

Die Morde der IS-Terroristen im Irak sorgen weltweit für Abscheu. Auch unter den deutschen Muslimen. Wir sprachen darüber mit dem Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime (ZMD), Aiman A. Mazyek.

Die IS-Milizen begehen im Irak und in Syrien unglaubliche Grausamkeiten. Von Empörung ist in der islamischen Welt leider wenig zu hören.

Das kann ich nun überhaupt nicht bestätigen. Weltweit gibt es erstmals eine einheitliche Position, und das vom sufischen liberalen bis hin zum salafistischen Islam, die die Schandtaten dieser Barbaren und marodierenden Banden scharf verurteilt. Der ZMD hat das schon immer gemacht und vor einigen Tagen wiederholt deutlich gemacht, dass diese Untaten mit dem Islam, dem Koran und der muslimischen Lebensweise nichts zu tun haben. Darüber wird aber zu wenig in deutschen Medien berichtet.

Wann hat der Zentralrat der Muslime diese Kritik denn formuliert?

Zuletzt im Kontext der Vertreibung der Christen in Mossul. Wer sie nachlesen will, kann dies im Internet tun.

Die IS hat einen US-Journalisten ermordet und geköpft, die Tat per Video aufgezeichnet und brüstet sich nun auch noch damit. Ist das nicht widerlich?

Das ist in jeder Hinsicht widerlich. Der Fairness halber sollte aber gesagt werden, dass dies bereits mehrfach in Syrien passiert gegen die sunnitische Bevölkerung, ohne dass es hier eine große Entrüstung gab. Neben Sunniten sind auch Schiiten und Kurden auf ähnlich bestialische Weise im Namen des Islams ermordet worden.

Was wollen Sie damit sagen?

Dass wir genau hinschauen müssen, Ursache und Wirkung nicht vertauschen dürfen. Das Übel begann in Syrien und nicht im Irak, nicht erst mit dem Völkermord an den Jesiden und den Vertreibungen von Christen. Damals hat die Welt weggeschaut, die unterlassene Hilfeleistung rächt sich jetzt bitterlich. Es ist übrigens eine Schande, die 1600 Jahre alte christliche Gemeinde aus Mossul zu vertreiben. Kein muslimischer Staat oder Herrscher hat in der muslimischen Geschichte auch nur ansatzweise zu solchen Taten aufgerufen, geschweige denn umgesetzt. Wie gesagt, die Schande beginnt in Syrien, wo die Welt viel zu lange weggesehen hat, wo die Welt zugelassen hat, dass ein Diktator sein eigenes Volk abschlachtet und Terrorgruppen auf diesen Nährboden erst entstehen konnten.

Wenn ein palästinesischer Bub ermordet wird, was grausam und verwerflich ist, ist die Wut zu Recht groß. Wird ein „Nichtgläubiger“ ermordet, scheint dies bei manchen Muslimen Schadenfreude auszulösen.

Dass es Häme und Schadenfreude auf beiden Seiten gibt, muss ich leider bestätigen. Wir müssen deshalb vor allem in Deutschland dafür sorgen, dass der Funke, den die Krisen und Verwerfungen im Nahen Osten erzeugen, nicht auf Deutschland überspringt. Das erfordert, dass alle Religionsgemeinschaften zusammenhalten. Wenn ein Gotteshaus angegriffen wird, dann macht es keinen Unterschied, ob es eine Moschee, eine Synagoge oder eine Kirche ist.

Wie groß ist die Sympathie, die Dschihadisten in deutschen muslimischen Kreisen genießen?

Wir haben innerhalb der über 2000 muslimischen Gemeinden keine Sympathisanten. Bei diesen handelt es sich um junge Leute aus kaputten Familien und mit desaströsen Biografien, die Diskriminierungen erfahren haben und sich von Scharlatanen einlullen und anheuern lassen.

Wie geschieht dies?

Durch Rekrutierer, die diese jungen Menschen abfangen. Und das mit den Argumenten: „Hier hast du eh’ nichts zu gewinnen. Das sind ja nur lasche Muslime. Ich zeig’ dir mal, was eine Harke ist. Lass uns kämpfen.“ Wobei der Dschihad wieder ein Missbrauch des Islam ist, denn Dschihad heißt, sich anstrengen auf dem Wege Gottes – und nicht morden. Hier müssen unsere Sicherheitsbehörden genauer hinschauen.

Die islamische Religion galt als offen und tolerant. Tun Ihre Repräsentanten zu wenig, um das mittlerweile viele Menschen schockierende Bild zu korrigieren?

Man kann immer noch mehr tun, als bisher schon geschieht. Was mit Blick auf die enorm vielen Krisen aber schwierig ist. Viele Muslime haben den Eindruck, dass gerne mit zweierlei Maß gemessen wird. Es ist gut und richtig, dass jetzt den Jesiden geholfen wird. Aber warum hat man mit der Bekämpfung der Ursachen des Übels zum Beispiel in Syrien so lange gewartet? Das könnte manchen Muslim verleiten, lethargisch zu sein und zu sagen: Es hat ja eh keinen Sinn.

Und was sagen Sie?

Ich sage, das ist falsch. Wir müssen raus aus dem Schneckenhaus und uns deutlich positionieren. Ein deutscher Muslim muss und sollte nicht nur für Gaza und den Frieden demonstrieren, so richtig dies auch ist. Er muss es auch für Menschen tun, die fälschlich im Namen des Islams leiden, und ihnen seine Solidarität zeigen. Es gibt dazu keine Alternative.

Wie alle vernünftigen Menschen wollen auch gläubige Muslime in Frieden leben. Ist es unmöglich, die radikale Minderheit zu isolieren, die ihren Glauben pervertiert?

Wir müssen das Thema enttabuisieren und offen angehen. Wenn wir etwa über die Bekämpfung von Neosalafismus und radikalen Muslimen in Deutschland sprechen, dann dürfen wird das nicht mit einem Vorwurf an die Mehrheit der Muslime verbinden, damit treiben wir die orientierungslosen Muslime in die Fänge von Extremisten, weil sie die Mär erzählen können, alle hassen den Islam. Vielmehr müssen wir die absolute Mehrheit der friedliebenden Muslime einbeziehen in die Prävention. Den sogenannten Islamismus bekämpft man nun mal am besten mit dem Islam. Also mit Unterstützung der Gemäßigten. Den Muslimen entgegenzuhalten: Ihr habt das Problem hierher gebracht, also löst es oder geht, ist zu kurz gegriffen, zumal wir hierzulande die Kriege dort nicht lösen können. Wir haben ein gesamtgesellschaftliches Problem, und natürlich haben wir Muslime eine besondere Verantwortung. Aber wir müssen uns als Einheit begreifen, statt uns gegenseitig Steine in den Weg zu werfen.

Interview: Werner Menner

 

 

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