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Weg mit den Floskeln

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Altkanzler Gerhard Schröder setzte seine Rhetorik-Kniffe gezielt ein. Davon können die aktuellen Kanzlerkandidaten noch etwas lernen.
Altkanzler Gerhard Schröder setzte seine Rhetorik-Kniffe gezielt ein. Davon können die aktuellen Kanzlerkandidaten noch etwas lernen. © dpa

Berlin - “Redekunst ist die Kunst, Glauben zu erwecken“, wusste schon Aristoteles - und so kommt es in diesem “Superwahljahr“ 2009 auch darauf an, wie es den Spitzenpolitikern vom Redepult aus gelingt, das Volk auf ihre Seite zu ziehen und vielleicht sogar zu begeistern.

Allzu viel dürften die Wähler dabei allerdings nicht erwarten, sagt Kommunikationsberater Vazrik Bazil vom Vorstand des Verbandes der Redenschreiber deutscher Sprache (VRDS). Die Zeiten von herausragenden Rhetorikern wie Franz-Josef Strauß oder Herbert Wehner seien vorbei.

“Wir sind viel zu pragmatisch geworden. Es gibt keine Utopien und Ideologien mehr und darum auch keine so emotionalen Reden wie damals“, beobachtet Bazil. Der Verband will die Wahlkampfauftritte der Spitzenleute aller Parteien aufmerksam verfolgen und analysieren. “Es gibt Politiker, die aus schlechten Redetexten sehr gute Reden machen - wie Ronald Reagan zum Beispiel - und Redner, die aus guten Redetexten sehr schlechte Reden machen. Richard Nixon war so einer“, sagt Bazil.

Inhalt einer Rede macht nur 22 Prozent aus

Nach einer Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach aus dem Jahr 2006 kommt es bei der Wirkung einer Rede nur zu 22 Prozent auf ihren Inhalt an, 19 Prozent machen Stimme und Gestik aus, 59 Prozent die Art des Vortragens und die Persönlichkeit des Redners. Dabei ist Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ihrem Herausforderer Frank-Walter Steinmeier (SPD) gegenüber nach Ansicht des VRDS derzeit noch überlegen. “Frau Merkel hat einen leichten Vorsprung. Sie hat ihre Rolle gefunden, ist Kanzlerin und in dieser Rolle ist sie authentisch - auch wenn ihre Körpersprache manchmal etwas antrainiert wirkt.“

Steinmeier müsse in die Rolle des Kanzlerkandidaten noch “hineinschlüpfen“, sagt Bazil. “Man merkt bei ihm noch Unsicherheiten in der Rede, vor allem in der Betonung.“ Das rhetorische Format von Alt-Kanzler Gerhard Schröder (SPD) habe keiner von beiden. “Er war ein sehr guter Redner, der frei gesprochen hat. Ihn zeichnete seine Körpersprache aus, er war sehr telegen, sprachlich sehr gut, seine Reden waren inhaltlich klar gegliedert“, sagt Bazil, betont aber: “Die Kanzlerin ist live wesentlich besser als über Bildschirme. Es gelingt ihr doch auch, Menschen zu motivieren und Emotionen auszulösen“.

Eine ähnliche Euphorie wie der neue Präsident der USA wird Merkel aber wahrscheinlich kaum auslösen, Steinmeier auch nicht, auch wenn er sich bei der Vorstellung des SPD-Wahlprogramms im Berliner Tempodrom an einer ähnlichen Inszenierung versuchte. Bazil warnt davor, US-Präsident Barack Obama zu kopieren.

“Würde ein deutscher Politiker seine Reden übersetzen und vor einem deutschen Publikum halten - sie würden wahrscheinlich als “blabla“ kritisiert werden.“ Von deutschen Politikern erwarte man vor allem Präzision. Jede Rede sage nicht nur etwas über den Redner, sondern auch über das Publikum aus.

Weg mit den Floskeln

Einen Tipp will Bazil den Wahlkämpfern mit auf den Weg geben: “Verzichten Sie auf Floskeln“, rät er. Politiker und ihr Publikum hätten sich an eine standardisierte Sprache gewöhnt. Der Kommunikationsberater wünscht sich frischere Begriffe. “Alles hat “höchste Priorität“, jeder ist “gut aufgestellt“ und hat “Zukunftsperspektiven“ - von “Vergangenheitsperspektiven“ habe ich im Übrigen noch nichts gehört. Warum lässt sich denn da niemand etwas Neues einfallen?“ Auch das Wort “Visionen“ werde absolut inflationär gebraucht. “Schon Helmut Schmidt wusste: “Visionen haben nur Propheten oder Geisteskranke““, sagt Bazil.

Britta Schultejans

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