+
Hartz-IV-Empfänger sind gesetzlich verpflichtet, sich aktiv um ein Ende ihrer Hilfebedürftigkeit zu bemühen und das Jobcenter so oft wie möglich zu besuchen. 

Leben am Existenzminimum

Zu wenig zum Leben? Verfassungsgericht prüft Hartz-IV-Kürzungen

Mit fast einer Million Sanktionen jährlich bringen die Jobcenter Hartz-IV-Empfänger auf Linie: Wer nicht kooperiert, bekommt weniger Geld. Sozialrichter wollen dem in Karlsruhe ein Ende bereiten.

Update vom 5. November: Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden: Hartz-IV-Sanktionen sind teils verfassungswidrig.

Karlsruhe - Hartz-IV-Empfängern, die ihre Pflichten vernachlässigen, wird auf Monate Geld gestrichen - aber darf der Staat überhaupt Menschen in Existenznot bringen, um Druck auszuüben? Am Dienstag nimmt das Bundesverfassungsgericht die Leistungskürzungen unter die Lupe, die im schlimmsten Fall so weit gehen können, dass jemand ohne Unterstützung dasteht. Zur Verhandlung in Karlsruhe wird Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) erwartet. (Az. 1 BvL 7/16)

Die Überprüfung angestoßen hat das Sozialgericht im thüringischen Gotha. Die Richter dort halten die Sanktionen für verfassungswidrig. Sie sehen unter anderem das vom Grundgesetz garantierte menschenwürdige Existenzminimum verletzt: Betroffenen drohten Schulden, Obdachlosigkeit, Krankheit und Hunger. Weil sie sich nicht eigenmächtig über Gesetze hinwegsetzen dürfen, haben sie ein Verfahren ausgesetzt, um die Vorschriften in Karlsruhe vorzulegen.

Der Arbeitslose, der in Gotha geklagt hat, hatte vom Jobcenter Erfurt eine Stelle als Lagerarbeiter angeboten bekommen. Er lehnte ab, weil er lieber im Verkauf arbeiten wollte. Einen Gutschein über eine Art Probepraktikum in diesem Bereich ließ er später verfallen. Das Jobcenter kürzte ihm deshalb 2014 die monatliche Grundsicherung - erst um 30 Prozent um 117,30 Euro, dann um 60 Prozent um 234,60 Euro.

Hartz-IV-Empfänger sind gesetzlich verpflichtet, sich aktiv um ein Ende ihrer Hilfebedürftigkeit zu bemühen. Kommen sie dem ohne wichtigen Grund nicht nach, drohen Leistungskürzungen in mehreren Stufen. Auch die Übernahme der Kosten für die Unterkunft kann gestrichen werden. Im äußersten Fall fallen sämtliche Leistungen weg. Junge Menschen unter 25 Jahren werden besonders scharf sanktioniert.

Im Jahr 2017 wurden Hartz-IV-Empfänger mit fast einer Million Sanktionen konfrontiert

2017 verhängten die Jobcenter fast eine Million Sanktionen. Davon kann allerdings mehrfach dieselbe Person betroffen sein. In gut drei Viertel der Fälle hatten die Betroffenen einen Termin beim Jobcenter versäumt. Dafür werden die Leistungen um zehn Prozent gekürzt.

In der bereits veröffentlichten Verhandlungsgliederung werfen die Richter eine Vielzahl von Fragen auf. Beispielsweise wollen sie wissen, ob die Kinder von Hartz-IV-Empfängern vor den Auswirkungen der Leistungskürzungen ausreichend geschützt sind. Nachfragen provoziert auch, dass das Geld gleich für drei Monate gestrichen wird - auch wenn der Betroffene inzwischen Besserung gelobt hat.

Die ganztägige Verhandlung ist die erste, die von dem früheren Unionsfraktionsvize Stephan Harbarth geleitet wird. Der 47-Jährige war Anfang Dezember als neuer Vorsitzender des Ersten Senats und Vizegerichtspräsident nach Karlsruhe gewechselt. 2020 wird er aller Voraussicht nach Nachfolger von Gerichtspräsident Andreas Voßkuhle.

14 Jahre nach der Zusammenführung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe zu Hartz IV wird auch in der Politik über eine Reform diskutiert. SPD-Partei- und Fraktionschefin Andrea Nahles hatte im November angekündigt: „Wir werden Hartz IV hinter uns lassen.“ Minister Heil will noch in diesem Jahr die scharfen Sanktionen für Unter-25-Jährige und die Kürzung der Unterkunftskosten abschaffen. In der großen Koalition mit der Union dürfte das aber nicht leicht umzusetzen sein.

Beanstandet das Verfassungsgericht das Sanktionssystem, würde das eine Reform erzwingen. Nach der Verhandlung berät der Senat im Geheimen. Das Urteil wird meist einige Monate später verkündet.

Auch interessant: Lebensmittelgutscheine für Hartz IV-Empfänger: Rettung oder Bevormundung?

Die Zahl der deutschen Hartz-IV-Bezieher sank in den letzten Jahren deutlich. Die Gesamtausgaben sind aber dennoch gestiegen.

dpa

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Kommt die Corona-Maskenpflicht in Deutschland? Söder mit klarer Ansage: „Höchstwahrscheinlich“
Schutzmasken werden im Kampf gegen das Coronavirus ein immer wichtigeres Thema. Markus Söder äußerte sich nun zu einer möglichen Trage-Pflicht und zur Produktion von …
Kommt die Corona-Maskenpflicht in Deutschland? Söder mit klarer Ansage: „Höchstwahrscheinlich“
Corona-Krise in Deutschland: Merkel mit neuer Tendenz - Bund plant Sonderregelung zu Arbeitszeitgesetz
Angela Merkel gibt eine Erklärung zur Corona-Krise ab und äußert eine Tendenz in Sachen Maskenpflicht. Der Bund billigt außerdem ein Novum, was den Freiwilligendienst …
Corona-Krise in Deutschland: Merkel mit neuer Tendenz - Bund plant Sonderregelung zu Arbeitszeitgesetz
„Hart aber fair“: Mediziner warnen vor fatalem Corona-Umgang mit Älteren - „Könnte zu Katastrophe führen“
Altenheime sind Risikoorte der Corona-Krise. Die Menschen dort werden von Besuchern isoliert - in der ARD diskutieren Experten über Sinn und Unsinn solcher Maßnahmen. 
„Hart aber fair“: Mediziner warnen vor fatalem Corona-Umgang mit Älteren - „Könnte zu Katastrophe führen“
Premier Johnson wegen Coronavirus auf der Intensivstation
Er gab sich nach seiner Corona-Infektion noch optimistisch, wirkte aber schon ziemlich angeschlagen. Plötzlich hat sich Boris Johnsons Zustand so stark verschlechtert, …
Premier Johnson wegen Coronavirus auf der Intensivstation

Kommentare