Sturmerprobt: Adenauer, hier mit dem damaligen Regierenden Bürgermeister Willy Brandt beim Berlin-Besuch von John F. Kennedy 1963, war innenpolitisch fintenreich. War er deswegen auch ein Antidemokrat?

Zum 50. Todestag des Alt-Bundeskanzlers

Konrad Adenauer – der autoritäre Demokrat

  • schließen

Er sah aus wie ein Indianerhäuptling – fand jedenfalls der amerikanische Außenminister. Und so markant wie sein Gesicht war auch die Persönlichkeit des ersten deutschen Kanzlers Konrad Adenauer.

Bonn/München Am 13. April war Konrad Adenauer noch einmal zu Bewusstsein gekommen. „Do jitt et nix zo kriesche“, sagte er auf Kölsch zu seinen sieben Kindern: Kein Grund zum Weinen. Am 19. April 1967 – heute vor 50 Jahren – starb dann der erste Kanzler der Bundesrepublik Deutschland im Alter von 91 Jahren.

Wenn heute Schulklassen sein Haus in Rhöndorf bei Bonn besuchen, in dem er 30 Jahre lang gelebt hat und dann auch gestorben ist, hört man oft die Überraschung heraus: „So einfach hat der gewohnt?“ Alles ist schlicht und durch die kleinen Fenster auch etwas düster. Vor allem in der Küche hängt noch ein undefinierbarer Geruch, den ältere Besucher aus ihrer Kindheit kennen mögen. Es mieft. Vermutet wird, dass es die alten Möbel sind, die das Aroma der Nachkriegszeit verströmen.

Heute ist Adenauer eine Ikone

50 Jahre nach seinem Tod ist Adenauer zum Denkmal erstarrt. Der Flughafen Köln/Bonn trägt seinen Namen, die Parteizentrale der CDU und mindestens 437 Straßen, so schätzt die Konrad-Adenauer-Stiftung. Angela Merkel hat ihn in Öl gemalt hinter ihrem Schreibtisch hängen, und CDU-Generalsekretär Peter Tauber verbreitet die Weisheiten des großen Alten aus Rhöndorf neuerdings täglich im Internet über Twitter. Hashtag: „#wasKonradsagt“.

Maskenhaft erscheinen die Züge Adenauers. Das Gesicht mit der platten Nase und den hohen Wangenknochen hat immer wieder wilde Vergleiche herausgefordert. So fragte der amerikanische Außenminister John Foster Dulles ernsthaft, ob unter seinen Vorfahren ein Indianer gewesen sein könnte. Die Wahrheit war nüchterner: 1917 hatte Adenauers Chauffeur in Köln den Dienstwagen gegen eine Straßenbahn gelenkt. Adenauer brach sich bei dem Unfall Nase und Wangenknochen. Sein Sohn sagte später, er habe dadurch ein „anderes Gesicht“ bekommen.

Adenauer galt als Schlitzohr

Ein wesentlicher Charakterzug war seine Schlitzohrigkeit. Das wohl berühmteste Beispiel dafür lieferte er an einem glühend heißen Augustsonntag des Jahres 1949, eine Woche nach der ersten Bundestagswahl. Es ging um die Frage: Welcher CDU-Politiker wird erster Bundeskanzler? Adenauers erster Schachzug war, dass er die Parteispitze zu sich nach Rhöndorf einlud. Dadurch hatte er als Hausherr automatisch die Fäden in der Hand. Einer der Gäste, der junge Franz Josef Strauß, erinnerte sich später: „Überwältigender Eindruck für uns ausgehungerte Großstädter war ein Buffet von einer Reichhaltigkeit, wie ich es auf Privatkosten Adenauers weder vorher noch nachher jemals erlebt habe.“ Als alle satt waren, verkündete Adenauer, „aus Parteikreisen“ sei der Wunsch an ihn herangetragen worden, sich als Kanzler zur Verfügung zu stellen. Welche Parteikreise das gewesen sein sollten, blieb sein Geheimnis. Ehe man groß darüber nachdenken konnte, erklärte er schon: „Ich bin trotz meiner Jahre grundsätzlich hierzu bereit.“ Angesichts seines Alters (73) könne er höchstens ein bis zwei Jahre im Amt bleiben. Es wurden dann 14.

Bündnisse statt Nationalismus

Die wohl wuchtigste Adenauer-Biografie – zwei Bände, je über 1000 Seiten stark – stammt vom konservativen Historiker Hans-Peter Schwarz, der die Linie bis heute vorgibt: In der Außenpolitik brach Adenauer grundlegend mit der nationalistischen deutschen Tradition und band zum ersten Mal einen deutschen Staat in ein Bündnissystem westlicher Demokratien ein. Mit der Westbindung lenkte er die deutsche Geschichte auf Dauer in die richtige Richtung. Den Aufstieg des jungen Franz Josef Strauß, der diese Linie ebenso kompromisslos betrieb, begleitete Adenauer wegen ständiger Alleingänge des Bayern aber mit Misstrauen. Dass Strauß 1962 über die Spiegel-Affäre stolperte, sah er wohl nicht ungern.

Tief gläubig und auch autoritär

Kennzeichnend für den Katholiken Adenauer war sein unerschütterlicher Glaube daran, dass er – und nur er allein – Recht hatte. Bei der Bekämpfung innenpolitischer Gegner schreckte der autoritäre Demokrat Adenauer vor kaum einem Mittel zurück, er ließ wohl sogar, wie Aktenstücke belegen, aus denen der „Spiegel“ zitiert, über den BND private Details des Konkurrenten Willy Brandt ausspionieren. „Wer war die erste Ehefrau von Brandt?“ lautete angeblich ein „Arbeitsauftrag“, den der erste BND-Chef Reinhard Gehlen nach einer Besprechung im Bundeskanzleramt 1960 mit nach Pullach nahm. Ob der BND, eigentlich ein Auslandsgeheimdienst, dem nachging, ist unbekannt. Verstieß Adenauer also „gegen elementare Grundsätze der parlamentarischen Demokratie“, war er ein Antidemokrat, wie der „Spiegel“ meint?

Trauer um Adenauer – hier ein Ausriss aus unserer Zeitung. Auch US-Präsident Johnson kam zum Staatsbegräbnis.

Legendär sein Zusammenstoß mit Faulhaber

Dazu passt eine Episode aus den 1920er-Jahren nun gar nicht. Adenauer, Jahrgang 1876, war zwar im wilhelminischen Kaiserreich politisch sozialisiert worden – 1917 wurde er Oberbürgermeister von Köln –, doch die junge Weimarer Republik verteidigte er. Legendär ist der Zusammenstoß des Juristen mit dem erzkonservativen Kardinal Faulhaber beim Münchner Katholikentag im August 1922. Faulhaber hatte die Republik mit den Worten geschmäht: „Die Revolution war Meineid und Hochverrat und bleibt in der Geschichte erblich belastet und mit dem Kainsmal gekennzeichnet.“ Adenauer, Präsident des Katholikentags, antwortete scharf. Dem Kardinal warf er „grobe Geschichtsfälschung“ vor – denn im Kaiserreich waren die Katholiken lange schikaniert worden.

Ein Glücksfall für die junge Republik

Solche Standhaftigkeit zeigte Adenauer mehrmals. Nach dem Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 wurde der schlagfertige Kölner verhaftet. Ein Gestapo-Kommissar bat ihn, doch bitte keinen Selbstmord zu begehen, denn das würde ihm große Scherereien verursachen. Auf Adenauers verwunderte Frage, warum er das tun sollte, antwortete der Gestapo-Mann, er habe doch vom Leben nichts mehr zu erwarten. Doch da irrte er sich – Adenauer legte ein Jahr später erst richtig los und wurde zum Glücksfall für die junge Bundesrepublik.

Christoph Driessen und Dirk Walter

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Autos von SPD-Politikerin Michelle Müntefering angezündet
In Herne in Nordrhein-Westfalen sind in der Nacht zum Dienstag zwei Autos der SPD-Bundestagsabgeordneten Michelle Müntefering in Flammen aufgegangen.
Autos von SPD-Politikerin Michelle Müntefering angezündet
Kommentar: Strafen allein helfen nicht
Nach langer Diskussion hat sich die CSU-Landtagsfraktion nun zu einem Modellversuch mit dem Heroin-Gegenmittel Naloxon durchringen können. Das ist ein Schritt in die …
Kommentar: Strafen allein helfen nicht
Funkstille zwischen AfD-Spitzenkandidaten und Petry
Die AfD spricht auch in Wahlkampfzeiten selten mit einer Stimme. Die Spitzenkandidaten Gauland und Weidel nervt das manchmal. Gerüchten über eine mögliche Spaltung nach …
Funkstille zwischen AfD-Spitzenkandidaten und Petry
Trump will Kampf in Afghanistan verschärfen
Seit 16 Jahren kämpfen US-Soldaten in Afghanistan. Der Erfolg ist umstritten. Donald Trump war einer der größten Kritiker der US-Operation am Hindukusch. Er ließ sich …
Trump will Kampf in Afghanistan verschärfen

Kommentare