+
Prag, immer wieder Prag: Im Garten der deutschen Botschaft bedankt sich 2014 ein Mann, der wie 4500 andere DDR-Bürger 1989 hierher geflüchtet war, bei Hans-Dietrich Genscher. Der hatte 25 Jahre zuvor mit seinem berühmten halben Satz zur Maueröffnung Geschichte geschrieben.

Zum Tod des ehemaligen Außenministers

Hans-Dietrich Genscher: Das freundliche Gesicht Deutschlands

  • schließen

Berlin - Er war so lange Deutschlands Außenminister und Vizekanzler wie keiner sonst – über 18 Jahre hinweg. Und er war einer der Architekten der Wiedervereinigung. Nun ist Hans-Dietrich Genscher mit 89 Jahren gestorben.

Der Mann konnte reden, reden, reden. Aber den wichtigsten Satz seines Lebens brachte er nicht richtig zu Ende. Mehr als ein Vierteljahrhundert ist das jetzt schon her. 30. September 1989, auf dem Balkon der bundesdeutschen Botschaft in Prag: „Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise ...“ Weiter ließen die 4500 DDR-Bürger, die auf das Botschaftsgelände geflohen waren, Hans-Dietrich Genscher nicht kommen. Der Rest ging im Jubel unter.

Die Szene – so schlecht ausgeleuchtet, dass man Genscher auf den Bildern von damals kaum erkennt – war für Deutschlands längstgedienten Außenminister die Erfüllung seines politischen Lebens. Als er im September 2014, zum 25. Jahrestag des Falles des Eisernen Vorhangs, in Prag war, schüttelten ihm Bürger die Hand, immer noch voller Dankbarkeit. Er war „das freundliche Gesicht Deutschlands in der Welt“, würdigt ihn am Freitag der grüne Außenpolitiker Omid Nouripour so treffend. 1989 konnte sich kaum jemand vorstellen, dass der bundesdeutsche Außenminister und Vizekanzler jemals anders heißen könnte. Am Donnerstagabend ist Genscher an einem Herz-Kreislaufversagen gestorben. Er wurde 89 Jahre alt.

Genscher mit den Sozialdemokraten Helmut Schmidt und Willy Brandt.

Im Lauf von dreieinhalb Jahrzehnten politischer Karriere wurde der studierte Anwalt für viele zur Personifizierung der „Bonner Republik“ – auch wenn er im Osten geboren worden war, in Halle an der Saale. Sein Vater starb früh, Genscher war erst neun Jahre alt – der Junge wuchs allein bei der Mutter auf. Bei Kriegsende war er 18, kam in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Kurz darauf erkrankte er an Tuberkulose, die damals kaum heilbar war. Insgesamt drei Jahre verbrachte er in Krankenhäusern und Lungenheilstätten. 1952 kam er mit der Mutter in den Westen, nach Bremen. 1956, als junger Jurist, zog er nach Bonn. Dort in der Nähe war er bis zum Schluss mit seiner Frau Barbara zu Hause. Die ARD erhob ihn sogar zum „Mister Bundesrepublik“.

Genscher war aber auch selbst namensgebend. Im Kalten Krieg galt der „Genscherismus“ eine Zeit lang als eigene politische Doktrin: zunächst geschmäht als deutsche Schaukelpolitik zwischen Ost und West, dann gelobt als eine der Grundlagen für den Wegfall der Grenzen in Europa. Genscher war 1987 einer der ersten, die den sowjetischen Reformer Michail Gorbatschow beim Wort nehmen wollten – lange Zeit vor dem eigenen Kanzler, Helmut Kohl.

Dann folgten die Momente, in denen Genscher während seiner 18 Jahre im Auswärtigen Amt vermutlich am besten war. Der Mann, der die diplomatische Kunst des bedeutungsvollen Nichtssagens zur Perfektion entwickelt hatte, wurde zu einem der Macher der deutschen Einheit – auch wenn er gerade mit den Nachwirkungen von zwei Herzinfarkten zu kämpfen hatte.

Genschers Meisterwerk: der "2+4-Vertrag"

Genscher (oben links) mit Kohl (r.), Gorbatschow (M.), und Schewardnadse (2.v.r.) im Juli 1990. Bei diesem Treffen soll die Deutsche Einheit ausgehandelt worden sein.

Genscher war ein begnadeter Netzwerker, bestens verdrahtet in nahezu alle Hauptstädte der Welt. Einer seiner Grundsätze: „Es geht darum, sich in die Schuhe des anderen zu stellen. Ihn zu gewinnen, aber nicht zu besiegen.“

Sein Meisterwerk lieferte er 1990 mit dem „2+4-Vertrag“ ab. Darin regelten die damals noch beiden deutschen Staaten mit den vier Siegermächten des Zweiten Weltkriegs (USA, Russland, Großbritannien und Frankreich) die außenpolitischen Aspekte der Wiedervereinigung. Das war die Zeit, in der Genscher besonders populär war.

Als FDP-Außenminister führte er die Umfragen an – keineswegs eine Selbstverständlichkeit, wie man heute weiß. Das Satiremagazin „Titanic“ verschaffte ihm als allgegenwärtigem „Genschman“ (mit schwarzer Maske) ungewollt zusätzliche Beliebtheit. Mit seinem ewig gleichen gelben Pulli wurde er stilbildend für ganze Generationen von deutschen Rentnern.

Im Mai 1992, mit 65 Jahren, trat Genscher als Außenminister zurück – aus freien Stücken und zur allgemeinen Überraschung. Die Nachfolger hatten es schwer. Frank-Walter Steinmeier, SPD, adelte ihn trotzdem später zum „immerwährenden Außenminister“ ehrenhalber. Vergessen wird jedoch gern, dass Genscher auch vor seiner Zeit im Auswärtigen Amt schon Politik gemacht hatte – und dass er öfters auch sehr umstritten war.

München 1972, das war der Tiefpunkt

Nach einigen Jahren als wissenschaftlicher Assistent der FDP-Fraktion war er 1965 zum ersten Mal in den Bundestag eingezogen. Als Fraktionsgeschäftsführer gehörte er gleich zu den wichtigen Strippenziehern. In der ersten sozial-liberalen Koalition wurde er Innenminister.

In diese Zeit fiel einer seiner schlimmsten Momente: Als ein Palästinenserkommando 1972 in München das israelische Olympia-Team überfiel, bot sich Genscher als Ersatzgeisel an. Die Befreiungsaktion missriet komplett. Viel fehlte nicht zum Rücktritt. Später, als er Lebensbilanz zog, meinte Genscher: „Der Tiefpunkt war ganz sicher München 1972.“

Es wäre das vorzeitige Ende einer großen Karriere gewesen. Genscher war Vize von zwei verschiedenen Kanzlern unterschiedlicher Couleur, was ihm den Vorwurf der Wendigkeit einbrachte. Als die FDP 1982 von der SPD zur Union wechselte, war er sogar zwei Wochen lang ohne Ministerposten. Die Partei flog damals fast auseinander, musste um den Wiedereinzug in den Bundestag bangen, er selbst wurde als „Wendehals“ beschimpft. 1985 trat Genscher nach zehn Jahren als Parteichef zurück.

Auch nach dem Abschied aus dem Bundestag spielte er immer wieder wichtige Rollen

Hans-Dietrich Genscher und seine Frau Barbara bei den Bayreuther Festspielen 2013.

1998, bevor es nach Berlin ging, verabschiedete er sich nach 33 Jahren auch aus dem Bundestag. In der neuen Hauptstadt war er immer nur Gast. Manchmal, wie bei der Freilassung des Kreml-Kritikers Michail Chodorkowski kurz vor Weihnachten 2013, spielte er noch eine wichtige Rolle. Monatelang hatte sich Genscher für Chodorkowski eingesetzt, zweimal traf er sogar Präsident Wladimir Putin und bat ihn um eine Begnadigung, weil die Mutter Chodorkowskis krank sei. Tatsächlich lenkte Putin ein, und Genscher organisierte eine Cessna, mit der der Kreml-Kritiker nach Berlin ausgeflogen wurde. „Einen Mann, der so viel gelitten hat, in Freiheit zu sehen, hat mich sehr berührt“, sagte Genscher damals.

Bis kurz vor seinem Tod meldete er sich mit Meinungsbeiträgen zu Wort, naturgemäß vor allem zur Außenpolitik. Weniger gern redete er über das Siechtum der FDP, deren Ehrenvorsitzender er war. Seine letzte öffentliche Mitteilung verbreitete sein Büro vor zwei Wochen – zum Tod seines politischen Ziehsohns Guido Westerwelle, der seinem Kampf gegen Krebs erlegen war. „Er war eine große politische Begabung und ein herzensguter Mensch“, so würdigte er den Verstorbenen.

Auf dem Balkon in Prag - der glücklichste Augenblick

Das Kondolenzbuch für den verstorbenen Hans-Dietrich Genscher in der FDP-Zentrale in Berlin.

Die letzten Monate trat Genscher in der Öffentlichkeit allerdings kaum noch in Erscheinung. Im September vergangenen Jahres, zum 25-jährigen Bestehen des „2+4-Vertrags“, zeigte er sich noch einmal in Berlin. Damals saß er schon im Rollstuhl. Nach München kam er noch einmal am 25. November, in der BMW Welt bekam er den „Querdenker Award“ überreicht, zusammen mit seinem Freund Thomas Gottschalk. Zuletzt war Genscher, wie sein Büro mitteilte, „überwiegend bettlägerig“. An der Trauerfeier und dem Staatsakt für Helmut Schmidt im November konnte Genscher bereits nicht mehr teilnehmen. Auch für die Beerdigung von Westerwelle, die an diesem Samstag in Köln stattfindet, hatte er abgesagt.

Im Herbst 2014 allerdings war er nochmals an der Stelle, wo er seinen „glücklichsten Augenblick“ (so Genscher selbst) erleben konnte: auf jenem Balkon in Prag. Bei der Gelegenheit erlaubte er auch einen Einblick in seine Gedanken über den eigenen Nachruf. „Wenn der Akteur Genscher einmal die Augen schließt, wird so viel da sein. Da kann unendlich geschrieben werden.“ Auch damit lag er nicht falsch.

von Christoph Sator und Carina Zimniok

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Totenmesse für Altkanzler Helmut Kohl in Berlin
Berlin (dpa) - Viele Bundestagsabgeordnete gedenken heute des gestorbenen Altkanzlers Helmut Kohl. Die Unionsfraktion im Bundestag hat zu der Totenmesse in der St. …
Totenmesse für Altkanzler Helmut Kohl in Berlin
Srebrenica: Wie viel Schuld trifft die Niederlande?
Den Haag (dpa) - Mehr als 20 Jahre nach dem Völkermord von Srebrenica im Bosnienkrieg wird ein Gericht in Den Haag heute über eine Mitverantwortung der Niederlande …
Srebrenica: Wie viel Schuld trifft die Niederlande?
Report zur sozialen Lage an Hochschulen
Woher die 2,8 Millionen Studenten kommen, wie Bafög zum Leben reichen kann, ob es genug günstigen Wohnraum gibt: Darum geht es im Sozialreport des Studentenwerks. Kurz …
Report zur sozialen Lage an Hochschulen
Merkel rückt vom Nein der CDU zur Ehe für alle ab
Die SPD hat der Kanzlerin einen "Anschlag auf die Demokratie" vorgeworfen. Und die Ehe für alle zur Bedingung für eine Koalition gemacht. Doch im Handstreich nimmt …
Merkel rückt vom Nein der CDU zur Ehe für alle ab

Kommentare