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Der endgültige Bruch: CDU-Chef Helmut Kohl (li.) und sein geschasster Generalsekretär Geißler in Bremen 1989.

Er wurde 87 Jahre alt

Stratege, Streiter, Schlichter - das war Heiner Geißler

Er schaffte es, sowohl für viele Sozis und Grüne wie auch für den konservativen Flügel der Schwarzen (vor allem der CSU) ein rotes Tuch zu sein. Und gleichzeitig war Heiner Geißler der wohl brillanteste Generalsekretär, den die CDU je hatte. 

Berlin/Rodalben – Streit anzetteln und Streit schlichten – Heiner Geißler konnte beides. Und er konnte beides sehr gut. Nun ist der langjährige Generalsekretär der CDU, Stuttgart-21-Schlichter und Attac-Unterstützer im Alter von 87 Jahren gestorben. In seinem Denken und Handeln blieb Geißler, der sich mit zunehmendem Alter von Positionen seiner Partei entfernte und eher linke Standpunkte vertrat, klar und unabhängig. Geißler selbst meinte indes nicht, dass sich seine Überzeugungen wesentlich geändert hätten.

Der endgültige Bruch: CDU-Chef Helmut Kohl (li.) und sein geschasster Generalsekretär Geißler in Bremen 1989.

Zwei Jahrzehnte lang vermittelte er in Tarifauseinandersetzungen und mühte sich auch, im Konflikt um das Bahnprojekt Stuttgart 21 die Wogen zu glätten – was ihm trotz der aufgeheizten Stimmung teilweise auch gelang. Doch lange Zeit war Geißler weniger als Gegner von Turbokapitalismus und Neoliberalismus, sondern als christdemokratischer Haudrauf in den 70er- und 80er-Jahren bekannt. Legendär ist sein Vorwurf aus der Zeit des Kalten Krieges, die SPD sei die „fünfte Kolonne“ Moskaus. Und für blanke Empörung sorgte sein Vorwurf an die Demonstranten der Friedensbewegung, „ohne den Pazifismus der 30er Jahre wäre Auschwitz nicht möglich gewesen“. Willy Brandt warf Geißler 1985 vor, der „schlimmste Hetzer seit Goebbels“ zu sein.

Rückblickend begründete der promovierte Ex-Richter seine häufig harschen Äußerungen mit Rollenzwängen: „Ich war zwölf Jahre lang Generalsekretär, und in dieser Funktion muss man die Speerspitze sein.“ Sein politisches Engagement sah der Katholik durch Elternhaus, Schule und das Noviziat bei den Jesuiten geprägt. Die ideellen Werte, die er dort erlernt habe, habe er in die Politik mitgenommen: Politik sei Berufung; der Beruf des Politikers durchaus vergleichbar dem des Priesters.

Geißler war Sozialpolitiker und Reformer mit Ehrgeiz: Als Minister setzte er von 1967 bis 1977 in Rheinland-Pfalz das erste Kindergartengesetz durch, führte Sozialstationen ein und erregte Mitte der 70er- Jahre Aufsehen mit seinem Buch über die „Neue Soziale Frage“. Damit wollte er die Situation derer verbessern, deren soziale Sicherung nicht aus einem Arbeitsverhältnis abgeleitet oder deren Interessen nicht durch Verbände und Gewerkschaften vertreten wurden. Gemeint waren Rentnerinnen, Familien oder Studenten.

Geiser war Vordenker und Modernisierer

Als CDU-Generalsekretär von 1977 bis 1989 und als Bundesminister für Familie, Jugend und Gesundheit von 1982 bis 1985 war er Vordenker und Modernisierer: So bereitete er dem Erziehungsurlaub und der Anrechnung von Erziehungsjahren in der Rentenversicherung den Weg. Das führte aber auch zu Streit um das Familien- und das Frauenbild der Union. Er interpretierte seine Rolle als CDU-General so offensiv, dass es fast zwangsläufig zum Konflikt mit Parteichef und Bundeskanzler Helmut Kohl kam. Als Kohl Geißler 1989 nicht wieder zum Parteimanager vorschlagen wollte, kam es auf dem Bremer Parteitag zum Showdown. Im Bunde mit Rita Süssmuth und Lothar Späth versuchte Geißler die Rebellion – und scheiterte kläglich. Der Bruch mit Kohl wurde nie mehr gekittet. Der Tod ereilte beide mit nur wenigen Wochen Abstand.

An die 20 Bücher veröffentlichte Geißler und befasste sich dabei mit der Modernisierung der Gesellschaft, mit der katholischen Soziallehre und der Bibel. Nach eigenem Bekunden war der gelernte Jurist mehr ein Zweifler als ein Glaubender. Ob Gott existiere, so Geißler, wisse kein Mensch, „das weiß auch der Papst nicht“. Zugleich betonte er: „Ich glaube an das Evangelium und an Jesus.“ Immer wieder mahnte er seine CDU als Volkspartei zu einer Programmatik, die den Kapitalismus so zähmt, dass er die Demokratie nicht frisst. „Freiheit ist nicht wichtiger als Gerechtigkeit. Beide sind gleichwertig“, so sein Credo.

Neben der Politik galt Geißlers große Leidenschaft dem Bergsteigen und der Gleitschirmfliegerei, bis er sich 1992 bei einem Absturz schwer verletzte. Im Tegernseer Tal gedenkt man Geißlers Tod besonders: Seit Gründung des Internationalen Bergfilmfestivals 2003 in Tegernsee war er der Schirmherr und geschätzter Bergsport-Kamerad.

Von Michael Jacquemain und Alexander Weber

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So reagieren Politiker auf Geißlers Tod

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