Zurück zur lateinischen Messe?

München - Die lateinische Messe steht vor der Renaissance. In einem apostolischen Schreiben an die Bischöfe, das in den nächsten Tagen veröffentlicht wird, erläutert Papst Benedikt XVI. seine Entscheidung, die tridentinische Messe wieder öfter zu erlauben.

Jakob Wimmer schließt die Augen, wenn er über etwas sehr Wichtiges spricht. Und für ihn ist es sehr wichtig, dass in der katholischen Kirche die traditionelle Messe, wie sie nach dem Konzil von Trient im 16. Jahrhundert festgelegt wurde, auf Latein gehalten wird.

 Denn für den Pensionär aus dem Münchner Kreuzviertel sind liturgische Formen keine oberflächlichen Äußerlichkeiten. "Die Liturgie ist die Interpretation des Glaubens. Es ist für mich entscheidend, in welcher Form und Sprache ich zu Gott rede", sagt er - und sucht Blickkontakt.

 Denn Wimmer will überzeugen. Und weil es für ihn so wichtig ist und er selbst von seiner Sicht der Dinge sehr überzeugt ist, führt Wimmer sein Weg jeden Sonntag in die St.-Anna-Damenstiftskirche (Damenstiftsstraße 1) in der Nähe seiner Wohnung. An Sonn- und Feiertagen wird in dieser kleinen Barockkirche um 9 Uhr eine tridentinische Messe gefeiert.

 Priester lesen in der Kirche in der Nähe des Münchner Marienplatzes mit besonderer bischöflicher Erlaubnis diejenige Form der Messe, die durch eine Entscheidung Papst Pauls VI. Anfang der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts eigentlich abgeschafft wurde.

 Der Hauptunterschied zur neuen Messe: Es gibt keinen Volksaltar, und der Priester, der den überwiegenden Teil der Texte auf Latein spricht oder oft auch nur murmelt, dreht der Gemeinde während der Liturgie den Rücken zu.

Papst Paul VI. wollte mit der Messreform die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils, das eine Öffnung der Kirche zur Welt anstrebte, auch auf dem Feld der Liturgie umsetzen. Muttersprachliche Gottesdienste, bei denen der zelebrierende Priester die Gemeinde anschaut und anspricht, sind seit dieser Zeit in der Kirche die Norm.

 Und mit dieser Norm ist Jakob Wimmer nun gar nicht einverstanden und hadert kräftig mit dem damaligen Papst. Das Konzil habe nur gefordert, den einzelnen Muttersprachen mehr Raum im Gottesdienst zu gewähren. "Von einer Abschaffung des Lateins und der alten Messe war beim Konzil nie die Rede", sagt er. Das sei die Entscheidung Pauls VI. gewesen.

 "Und die war falsch. Die lateinische Messe ist ein Erbe der Kirche und es ist eine Schande, wie die Kirche mit ihrem Erbe umgeht", schimpft Wimmer.

 Und wenn von diesen Messfeiern die Rede ist, dann weiß Jakob Wimmer, wovon er spricht. Denn er kennt die alte Liturgie wie seine Westentasche. Früher war er Pfarrgemeinderatsvorsitzender der Münchner Pfarrgemeinde Sankt Peter. Und als Zeremoniar hat Wimmer dafür gesorgt, dass die Gottesdienste im Alten Peter minutiös nach den Regeln abliefen.

 Auch die Ministranten habe er ausgebildet. "Manchmal hattest du als Zeremoniar so viel zu tun, dass du der Messe gar nicht mehr andächtig folgen konntest", erinnert er sich schmunzelnd zurück.

 Doch dann wird er wieder zornig. Die Augen geschlossen und sich konzentrierend fügt er hinzu: "Was heute dagegen in katholischen Gottesdiensten oft aufgeführt wird, ist reine Willkür. Jeder macht, was er will, und das hat nichts mehr mit einem katholischen Gottesdienst zu tun", kanzelt Wimmer die Mehrzahl der katholischen Priester ab.

 Professor Winfried Haunerland, einer der führenden katholischen Liturgiewissenschaftler, weist diese pauschale Kritik an modernen Messfeiern zurück. Wenngleich er zugesteht, dass auch ihm nicht jeder moderne Gottesdienst gefalle.

 Der an der Ludwig-Maximilians-Universität lehrende Wissenschaftler kritisiert die kompromisslosen Anhänger der alten Messfeier, zum einen, weil sie einfach historische Fakten ausblenden würden. Die katholische Liturgie sei in der Spätantike und im frühen Mittelalter langsam entstanden und habe dann im 7. Jahrhundert ihre auch heute in der modernen Messe noch gültige zentrale Form gefunden.

 Das seien im Kern die im "Canon Romanus" zusammengefassten Hochgebete, die die Messfeier zwischen Sanctus und Wandlung bestimmten. Doch natürlich hätten sich die konkreten Formen immer wieder gewandelt. "Das ganze Mittelalter über sind Elemente dazugekommen und auch wieder verschwunden. Auch damals gab es einen Zeitgeist", so Haunerland.

 In der Folge des Konzils von Trient im 16. Jahrhundert sei dann eine Form festgeschrieben worden und den Beschlüssen des Zweiten Vatikanischen Konzils folgend dann die heutige Liturgie.

 Auch die Verklärung der traditionellen Messe, wie sie deren Anhänger betreiben würden, stört Haunerland. "Natürlich ist ein altes, lateinisches Hochamt mit allen seinen Zeremonien eine herrliche Feier. Doch die gab es ja nur in Ausnahmefällen", erklärt Haunerland.

Die Realität habe ganz anders ausgesehen. "Ein Priester hat mehr oder minder für sich die Messe gelesen, und die Gläubigen haben währenddessen gebetet. Die Gemeinde war von der Messfeier praktisch ausgeschlossen", kritisiert Haunerland. Das habe man reformieren müssen.

 Die Liturgie sei gestrafft und vereinfacht worden, ohne dass allerdings die alten Kernbestandteile verschwunden seien. Die Verwendung der jeweiligen Landessprache und die Hinwendung des Priesters zur Gemeinde habe zu einer viel größeren Gemeinschaftsbildung geführt, sagt Haunerland.

 Doch gerade diese Hinwendung zur Gemeinde kritisieren Jakob Wimmer und andere Anhänger der alten Messe wie Monika Rheinschmitt. Die 45-jährige Ingenieurin und Mutter von zwei Buben im Alter von 7 und 11 Jahren ist Vorsitzende des Vereins "Pro Missa Tridentina".

 Die Stuttgarterin setzt sich mit ihrem Verein dafür ein, dass die traditionelle Messe wieder öfter gefeiert werden darf. Zur Zeit sei das an nur 60 Kirchen in ganz Deutschland möglich, so ihre Kritik.

 Vehement wehrt sich die Vereinsvorsitzende gegen den Vorwurf, eine altmodische Traditionalisten zu sein. "Ich war als Studentin in der Katholischen Hochschulgemeinde tätig, engagierte mich damals für Nicaragua und gestaltete oft moderne Gottesdienstformen mit", erzählt Rheinschmitt.

 Doch ihr sei das alles zu wenig ehrfürchtig gewesen. "Es ist der falsche Weg, in der Messe Musik zu spielen, die es auf der CD von Abba zehnmal besser gibt", glaubt sie.

Doch eines sei ihr noch wichtiger. "Gott und der Opfergedanke stehen im modernen Gottesdienst nicht mehr im Zentrum, sondern die Menschen und das gemeinsame Mahl. Und das ist falsch", sagt Rheinschmitt klipp und klar. Wenn der Priester die Gemeinde ansehe und seinen Blick nicht mehr auf Gott richte, sei die Relation Gott - Mensch durcheinandergekommen, zeigt sich Rheinschmitt sicher.

Argumente, die bei Professor Haunerland wiederum nur Kopfschütteln auslösen. Auch die neue Messe halte den Opfergedanken sehr hoch. Es seien sogar zusätzliche Opfergebete aufgenommen worden. "Diese starke Betonung des Opfers wird uns Katholiken von Seiten der Evangelischen Kirche ja gerade vorgehalten", sagt Haunerland.

 Und die Hinwendung des Priesters zu den Menschen als Abwendung von Gott zu sehen, sei abwegig. Haunerland: "Priester und Gemeinde wenden sich gemeinsam zum Altartisch. Der Altar ist das Christussymbol und der Altar ist bei einer Messe die Mitte."

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