Eine Million Neuankömmlinge

Zuwanderer zieht’s nach Bayern

Wiesbaden/München – Die Krise in Südeuropa und die EU-Osterweiterung haben Deutschland die stärkste Zuwanderung seit 1995 gebracht. Knapp über eine Million Menschen verlegten 2012 ihren Wohnsitz in die Bundesrepublik.

Zieht man die Auswanderer ab, bleibt ein Einwohnergewinn von 369 000 Menschen. Arbeitsministerin von der Leyen spricht von einem Glücksfall.

In ihrer Heimat Madrid fanden Klimatechniker David Gonzalez und Krankenpfleger Ignacio Rodríguez Úbeda keinen Job. Die beiden Spanier entschieden sich angesichts einer Jugendarbeitslosigkeit von mehr als 50 Prozent dafür, ihr Glück in Deutschland zu versuchen.

Zuwanderer aus den südeuropäischen Krisenländern bescherten Deutschland 2012 zusammen mit Osteuropäern das größte Zuwandererplus seit 17 Jahren. Die Republik wuchs nach den Zahlen des Statistischen Bundesamtes so um etwa 369 000 Menschen und damit um eine Stadt der Größe von Bochum oder Wuppertal. Die meisten Menschen kamen wieder aus Polen (176 000). An zweiter Stelle der Herkunftsländer stand Rumänien (116 000), an dritter Bulgarien (59 000).

Besonders starke Zuwächse gab es aus den südeuropäischen EU-Staaten, die besonders von der Finanz- und Schuldenkrise sowie hoher Arbeitslosigkeit betroffen sind, wie Spanien (plus 45 Prozent), Griechenland und Portugal (je 43 Prozent mehr), aber auch Italien (40 Prozent). Die Neuankömmlinge zog es vor allem nach Bayern (192 000), NRW (186 000) und Baden-Württemberg (171 000).

„Deutschland entwickelt sich zum Magneten für gut qualifizierte, junge Zuwanderer aus der EU“, sagt die Vorsitzende des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR), Christine Langenfeld. Dies sei angesichts des Fachkräftemangels ein Gewinn. „Es entsteht ein echter europäischer Arbeitsmarkt.“

Auch Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) sprach von einer positiven Entwicklung. „Es geht nicht nur um die Zahl, vor allem die neue Qualität der Zuwanderung ist ein Glücksfall“, sagte die Ministerin der „Welt“. „Das hilft unserem Land, macht es jünger, kreativer und internationaler.“ Im Idealfall werde der europäische Arbeitsmarkt zur Drehscheibe für Berufswissen und Wohlstand.

Davon profitierten auch die Zuwanderer: „Sie finden in Deutschland eine Arbeit und können dadurch auch ihre Qualifikation erhalten. In den Herkunftsländern verringern sich die sozialen Transferleistungen“, erläutert Jura-Professorin Langenfeld. „Europa wird damit im Alltag für immer mehr Menschen ganz konkret als Chance erfahrbar.“

Rund 300 000 Zuwanderern jährlich könnten den demografisch bedingten Rückgang an Arbeitskräften in Deutschland fast aufhalten, bei 400 000 Zuwanderern pro Jahr sinke die Zahl der Fachkräfte kaum noch, sagt Johann Fuchs vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg.

Über die berufliche Qualifikation der Menschen, die 2012 nach Deutschland kamen, gebe es noch keine Erhebungen. Fachmann Fuchs geht davon aus, dass die meisten eher zwischen 20 und 40 Jahre alt und „nah am Arbeitsmarkt“ sind. „Viele gerade aus den Krisenländern suchen ja einen Job.“ Wer deshalb nach Deutschland komme, gehöre meist zu den agileren und mutigeren Leuten. Erfahrungsgemäß seien mehr Männer als Frauen darunter, und der Familiennachzug spiele nicht so eine Rolle wie bei der Zuwanderung früherer Jahre.

„In der Mehrheit kommen gut qualifizierte Personen“, sagt auch Steffen Kröhnert vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. Das Bildungssystem in den Ländern Osteuropas sei gut. Unterm Strich seien die Ressourcen für den Arbeitsmarkt besser als bei den Zuwanderungswellen früherer Jahrzehnte. „Dennoch ist es sinnvoll, Zuwanderung zu steuern und sie nicht nur geschehen zu lassen.“ Gerade angesichts des Lehrlingsmangels in vielen Branchen sei eine Art Anwerbung und Vorbereitung in den Herkunftsländern sinnvoll.

David Gonzalez und Ignacio Rodríguez Úbeda etwa haben von Initiativen der hessischen Landesregierung, der Handwerkskammer und des Verbands privater Anbieter sozialer Dienste profitiert. Gonzalez kam kürzlich zusammen mit fast 50 anderen jungen Landsleuten zu einem Schnupperpraktikum ins Rhein-Main-Gebiet.

Unabhängig von der Ausbildung zieht es die meisten Zuwanderer in prosperierende Ballungsräume. „Die Zuwanderung mildert die Verwerfungen zwischen Stadt und Land nicht ab“, sagt Kröhnert. Bei Rodríguez, den es ins ländliche Wölfersheim verschlagen hatte, war dann doch das Heimweh stärker. Nach rund drei Monaten beendete er seinen Job in einem Altenheim wieder – wegen der Entfernung in die nächste Großstadt und wegen der Liebe. Seine Freundin, eine Krankenschwester, habe dann doch einen Job in Madrid gefunden und sei nicht nachgekommen.

Ira Schaible

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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