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Zwischen Diagnose und Lebensschutz

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- Berlin - Ein "Fortpflanzungsmedizingesetz" soll die Anwendung von Pränatal- und Präimplantationsdiagnostik regeln. So lautet die einmütige Empfehlung des Nationalen Ethikrats (NER), der eine detaillierte, 75-seitige Stellungnahme zum Thema "Genetische Diagnostik vor und während der Schwangerschaft" vorlegte.

Ziel ist es, so der Vorsitzende, Spiros Simitis: "Argumente aufzubereiten und Lösungswege aufzuzeigen." Entscheiden müsse freilich der Gesetzgeber.

"Es geht um Gewissensfreiheit."
Jens Reich

Daher enthält das Papier auch ein von sieben Mitgliedern, darunter dem Münchner SPD-Politiker und Ex-Justizminister Hans-Jochen Vogel unterzeichnetes Minderheitsvotum, das für die Beibehaltung der derzeitigen Praxis des Verbots von "Präimplantationsdiagnostik" (PID) plädiert.
PID ist das derzeit eigentliche brisante Thema der deutschen Diskussion um die Fortpflanzungsmedizin.

Während die Pränataldiagnostik (PND), also die Untersuchung des werdenden Menschen im Mutterleib auf genetische Fehlentwicklungen, auch bei uns mittlerweile üblich ist und in den allermeisten Schwangerschaften mehrfach praktiziert wird, betrifft die PID derzeit noch einen kleineren Teil werdender Eltern: Denn hierbei handelt es sich um die Untersuchung von Stammzellen vor ihrer Einnistung in die Gebärmutter - ein Verfahren, das nur bei den etwa 40 000 Paaren pro Jahr in Frage kommt, die per künstlicher Befruchtung ein Kind bekommen wollen.

Während PID in allen anderen Ländern Europas außer Österreich und der Schweiz praktiziert wird, ist sie bei uns verboten. PID-Gegner begründen dies wie Vogel mit dem "absoluten" Lebensschutz des Grundgesetzes. Der deutsche Verzicht auf PID hat freilich andere unerwünschte Folgen: Zum einen die unnatürlich hohe Zahl von Mehrlingsschwangerschaften sowie von Erkrankungen, die dann erst per PND erkannt werden. Die Folge davon ist in vielen Fällen die - paradoxerweise dann erlaubte - Abtreibung.

Bei schweren Erbkrankheiten, auch solchen, die nicht automatisch zum Tode führen, wie etwa die Trisomie 21 (Mongolismus), liegt die Quote mit über 90 Prozent sehr hoch. Auf diese, in der Bevölkerung offenbar schon längst getroffene Entscheidung berufen sich in der Ethikrats-Stellungnahme auch die PID-Befürworter: "Es geht um Gewissensfreiheit", so der ehemalige DDR-Bürgerrechtler und Biologe Jens Reich.

Seine Kollegin Christiane Woopen ergänzte, dass PID für manche "gerade die Chance auf ein Kind erst eröffnet." Jenen Paaren, die wegen einer eigenen erbliche Belastung nicht schwanger werden wollen - etwa, wenn das Risiko eines Kindstodes weit über 50 Prozent liegt - können per PID feststellen, ob ein Fötus gesund ist, bevor er sich überhaupt über das Zellstadium hinaus weiterentwickelt. Schwierige Fragen, über die die Bundesregierung jetzt entscheiden muss.

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