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Den Stuhl vor die Tür gesetzt zu bekommen, ist für Politiker hart. Christine Haderthauer will zurückkommen, Erlangens Ex-OB Siegfried Balleis hat sich dagegen mit dem Machtverlust abgefunden.

Zwischen Holzhacken, Demut und Wut

Wie Politiker mit Machtverlust umgehen

Nürnberg - Viele Kommunalpolitiker hatte es im Frühjahr erwischt, für Christine Haderthauer ist die Erfahrung noch ganz frisch: Eben noch standen sie im Rampenlicht, plötzlich interessiert sich kaum noch einer für sie. Viele Politiker trifft der plötzliche Machtverlust hart.

Siegfried Balleis erinnert sich an den 30. März noch so genau, als wäre es gestern gewesen: „Als ich abends in das Rathaus kam – da war ich wie vom Blitz getroffen.“ Der 61-jährige CSU-Politiker hatte gerade erfahren, dass er die längste Zeit Oberbürgermeister von Erlangen gewesen ist. Mit einem Votum von unter 40 Prozent hatten ihn an diesem Wahlsonntag die Wähler in einer Stichwahl gegen seinen SPD-Konkurrenten Florian Janik aus dem Amt gefegt – nach drei Amtszeiten, in der er die Stadt wie nur wenige geprägt hatte.

Anfangs war Balleis vom überraschenden Verlust seines Amtes geschockt. Aber längst hat er seine Balance wiedergefunden, die ihm heute erlaubt, offen über seine damaligen Empfindungen zu reden. Dazu gehören auch Sätze wie: „Dass sich an dem Wahlabend plötzlich alle Journalisten auf meinen Mitbewerber stürzten und sich kein einziger für mich interessierte, das hat verdammt weh getan.“ In dieser Situation sei es wahnsinnig wichtig gewesen, dass seine Frau Angelika „keinen Zentimeter“ von seiner Seite gewichen sei.

Balleis war nicht der einzige, der bei der Kommunalwahl im März überraschend sein Amt verlor. Etliche andere Oberbürgermeister, Landräte und Gemeindeoberhäupter hatte das Wählervotum vom Frühjahr kalt erwischt – im Zusammenhang mit der Modellbauaffäre nun auch die bisherige Staatskanzleichefin Christine Haderthauer. Plötzlich ohne Amt, Macht und Anerkennung zu sein, das – so weiß der Münchner Coach und Psychotherapeut Stephan Lermer – kann betroffene Politiker und auch Manager in eine schwere persönliche Krise stürzen. Dass sie keinen Dienstwagen mehr haben und „keine emsigen jungen Sekretärinnen, die um einen herumwirbeln“, könnten manche noch halbwegs ab. Aber plötzlich bei Empfängen nicht mehr im Mittelpunkt zu stehen, womöglich dazu gar nicht mehr eingeladen zu werden, treffe viele schwer, erläutert Lermer. Auch nicht mehr Macht zu besitzen, sei für manche ein Problem.

Der Münchner Diplompsychologe und Psychotherapeut coacht seit Jahren Manager, Politiker und Spitzensportler, die in ein schwarzes Loch gefallen sind. Lermer beobachtet in solchen Fällen oft eine sogenannte reaktive Depression: „Die Leute richten ihre Aggression oft unbewusst gegen sich selbst. Wenn man einen Amtsverlust nicht total persönlich nimmt, könnte man lernen, professioneller damit umzugehen“, rät Lermer. Verdrängen sollte man eine solche Erfahrung allerdings auch nicht. „Das kann den Betroffenen lähmen.“ Lermer empfiehlt deshalb ratsuchenden Managern und Politikern eine – wie er es nennt – „Schwarz-Rot-Gold-Strategie“: Zunächst Trauer zulassen, dann Wut ablassen und schließlich neue Perspektive entwickeln.

Auch für Georg Krenn (CSU) war der nahtlose Übergang in seinen alten Beruf als Landwirtschaftsberater seiner Ansicht nach ein Segen. Krenn war bis zum Frühjahr Erster Bürgermeister der niederbayerischen Stadt Vilshofen. Dann musste er in die Stichwahl. „Ich habe schon gewusst: In der Stichwahl wird’s eng“. Krenn sollte recht behalten: Er unterlag mit 49,5 Prozent seinem Mitbewerber. Heute ist er froh, dass er schon am 2. Mai wieder beim Amt für Landwirtschaft einsteigen konnte. „Denn Arbeit macht den Kopf frei. Und ich bin dadurch in keine Leere gefallen“, ist der 62-Jährige überzeugt.

Erlangens Ex-OB Balleis räumt ein, manchmal auch so etwas wie Wut empfunden zu haben. Die habe er dann beim Mountainbiken oder beim Holzhacken in seinem Ferienhaus in der Fränkischen Schweiz abreagiert. Geholfen habe ihm aber vor allem eins: „Meine Frau hat mich frühzeitig auf einen möglichen Amtsverlust vorbereitet. Sie hat immer gesagt: Stell Dich darauf ein, dass Du irgendwann nicht mehr OB bist.“

Günther Beckstein (CSU), der nach der Landtagswahl im Jahr 2008 auf parteiinternen Druck hin vom Amt des Ministerpräsidenten zurückgetreten war, empfiehlt Politikern vor allem Demut. „Das ist die Grundlage der Demokratie, dass man Wahlen verliert – auch wenn man das selbst vielleicht für ungerecht und unverdient hält. Der Wähler hat immer recht.“ Seine Niederlage bei der Nürnberger OB-Wahl 1987 habe ihn noch sehr getroffen. Doch daraus habe er gelernt und den Verlust des Ministerpräsidenten-Amtes später weitaus leichter genommen.

Von Klaus Tscharnke

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