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Einsatz im Mittelmeer: Zwei Beiboote der italienischen Küstenwache bergen ein Schlauchboot mit Flüchtlingen von der afrikanischen Küste.

„Sollen wir die Menschen ertrinken lassen?“

Das zynische Geschäft der Schleuser im Mittelmeer

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Catania – Während die Flüchtlingszahlen in Deutschland seit Schließung der Balkanroute deutlich zurückgegangen sind, leidet Italien unter hohem Migranten-Druck. Mit der Grenzschutzagentur Frontex und der Operation Sophia kämpft Europa gegen das Sterben auf See und versucht, den Schleusern das Handwerk zu legen. Ein Ortsbesuch in Sizilien.

Auch die Wahrheit über Flucht, Tod und Geschäft auf dem Mittelmeer hat zwei Gesichter. Pal Erik Tegen kennt beide. Der Polizeikommissar aus Norwegen ist Commander der „Siem Pilot“, eines Schiffes, das die europäische Grenzschutzagentur Frontex angemietet hat, um gemeinsam mit der italienischen Küstenwache das riesige Seegebiet zwischen Sizilien und der afrikanischen Küste zu überwachen. Sein Schiff liegt im Hafen von Catania am Fuße des Ätna. Heute hat Tegen eine Gruppe deutscher Journalisten zu Gast, die sich auf Einladung der EU-Kommission in Sizilien über die aktuelle Lage in der Flüchtlingskrise ein Bild machen wollen.

Von Tunesien über Libyen bis Ägypten verläuft die zentrale Fluchtroute über das Mittelmeer. Zielpunkt: die italienische beziehungsweise sizilianische Küste. Tegen berichtet vom täglichen Kampf gegen das Sterben auf See. Mit seiner Crew hat er bereits mehr als 28 000 Migranten aus den Fluten gerettet, darunter über 3000 Kinder. Aber auch mehr als 90 Leichen eingesammelt, die in einem weißen Kühl-Container auf Deck an Land gebracht wurden. „Es ist eine Achterbahnfahrt der Gefühle“, beschreibt der durchtrainierte Norweger die Erfahrung seiner multinationalen Crew. „An einem Tag freuen wir uns über ein Neugeborenes an Bord, am nächsten Tag bergen wir ein ertrunkenes Kind.“

Der tiefen Befriedigung, Menschenleben zu retten, steht eine bittere Erkenntnis gegenüber. Die Rettungsmaßnahmen der Europäer sind mittlerweile fester Bestandteil des zynischen Geschäftskalküls der Menschenhändler und Schmuggler. Die Beobachtung der Frontex-Mitarbeiter: Die Boote, mit denen die Schleuser Menschen aufs Meer schicken, werden qualitativ immer schlechter. Der Gummi der meist 10 bis 12 Meter langen Schlauchboote – zunehmend Importware aus China – wird immer dünner. Oft haben die Boote nur zwei Luftkammern und so wenig Sprit an Bord, dass sie niemals von Libyen aus die italienische Küste aus eigener Kraft erreichen könnten. Müssen sie mittlerweile auch nicht. Außerhalb der 12-Meilen-Zone wartet eine Armada an Schiffen – angefangen von Marinebooten, über Handelsschiffe bis zu Booten von Hilfsorganisationen, um Flüchtlinge zu retten, die auf dem Wasser treiben. Der UN-Sondergesandte in Libyen, Martin Kobler, nennt das den „Pull-Faktor“. Schleuser brächten die überfüllten Boote an die Grenze der libyschen Hoheitsgewässer und riefen dann sogar selbst die italienische Küstenwache an: „Holt diese Menschen jetzt dort ab“. Dreister geht es nicht.

Das Geschäftsmodell der modernen Menschenhändler boomt. Auch, weil sie die Boote immer dichter befüllen: Waren früher auf einem Schlauchboot nicht mehr als hundert Flüchtlinge zusammengepfercht, sind es heute 150 bis 160. Frontex-Mitarbeiter stellten fest, dass neun von zehn Flüchtlingen für ihre Flucht nach Europa organisierte kriminelle Menschenhändler bezahlt haben. Allein 2015 verdienten Schleuser mehr als vier Milliarden Euro mit der Ausbeutung der in Italien und Griechenland ankommenden Migranten. Da nicht nur die Schleuser selbst, sondern auch ihr organisiertes Umfeld am Menschenhandel verdienen, während alternative Arbeitsplätze fehlen, ist der Ansatz, das Schlepper-Geschäftsmodell zu zerschlagen, ein ambitioniertes Vorhaben.

Wenn man die Besatzung der „Siem Pilot“ fragt, warum sie trotz allem weitermacht, ist die Antwort eindeutig. „Wir sind Europäer. Sollen wir die Menschen sehenden Auges ertrinken lassen?“ Commander Tegen zeigt ein Bild von zwei afrikanischen Kindern, die ihre Retter voller Dankbarkeit anstrahlen. Das empfindet er als seinen wahren Lohn.

Die Koordination der Rettung liegt in italienischen Händen, deshalb ist auch immer ein italienischer Offizier mit an Bord. Neben der Rettung, Erstversorgung und Registrierung der Flüchtlinge geht es immer mehr darum, Helfer von Schleusern zu erkennen und sie den italienischen Behörden an Land zu übergeben. Die Grenzschützer erkennen sie beispielsweise daran, dass solche Männer als einzige Schuhe tragen oder dass sie mit einem Handy telefonieren. Per Telefondaten wird versucht, an die Hintermänner in Europa heranzukommen und sie dingfest zu machen.

Europa geht aber auch militärisch gegen die Schleuser vor, der Einsatz trägt den Titel „Operation Sophia“. Der Name stammt von einem somalischen Mädchen, das am 24. August 2015 an Bord der deutschen Fregatte „Schleswig Holstein“ zur Welt kam. Kernauftrag des Unternehmens, an dem auch die Bundeswehr mit zwei Schiffen beteiligt ist: die Bekämpfung und Zerschlagung der Menschenhandelsnetzwerke. Die Sophia-Schiffe sind ermächtigt, in internationalen Gewässern Boote anzuhalten und zu durchsuchen sowie Schleuserei-Verdächtige an Bord eines Kriegsschiffes zu nehmen und sie einem EU-Mitgliedsstaat zu übergeben.

Doch sie haben noch zwei Zusatzaufgaben: Sie sollen den Waffenschmuggel ins Bürgerkriegsland Libyen unterbinden und vor allem Männer für die libysche Küstenwache ausbilden. Endziel der Operation ist der Einsatz in libyschen Gewässern und auf libyschem Boden, um gegen die Schlepper vorgehen zu können. Hierzu sind aber noch völkerrechtlich die Voraussetzungen zu schaffen.

Der Sophia-Einsatz zeigt Ergebnisse: Von Mai 2015 bis Anfang Dezember 2016 sind allein von deutschen Marinesoldaten 18 960 Menschen gerettet worden. Insgesamt wurden 33 von Schleusern genutzte Seefahrzeuge zerstört und 100 mutmaßliche Schleuser den italienischen Behörden übergeben worden. Letzte Woche hat ein Gericht im sizilianischen Catania den Kapitän eines Schlepperbootes verurteilt. Die Richter machten den Tunesier Mohammed Ali Malek für das schwerste Seeunglück auf dem Mittelmeer seit dem Zweiten Weltkrieg verantwortlich, bei dem im April rund 900 Menschen ums Leben kamen. Sie verurteilten ihn wegen vielfachen Totschlags und Menschenhandels zu 18 Jahren Haft.

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