+
Herrscherin in der Welt der Pflanzen: Dr. Ehrentraud Bayer ist die wissenschaftliche Leiterin des Botanischen Gartens in München.

100 Jahre

Eine Weltreise durch den Botanischen Garten

  • schließen

Es ist ein Kosmos in Grün, Zuflucht der Münchner, wenn sie Lust auf Exotik, auf Gartenkunst oder einfach auf ein sonniges Platzerl in der Natur haben.

In diesem Mai wird der Botanische Garten in Nymphenburg 100 Jahre alt. Christine Hinkofer ging mit der wissenschaftlichen Leiterin Dr. Ehrentraud Bayer auf Weltreise zwischen Grashalmen und Glashäusern.

Ein Frühlingstag Anfang Mai

Amerika liegt gleich hinter dem Kassenhäuschen. Der Kontinent ist zweigeteilt, in Feuchtgebiete und Wüste. Hier eine Ansammlung stacheliger Kugelriesen und baumhoher Kandelaberkakteen, wie man sie aus den Westernfilmen kennt, wenn John Wayne durch den Grand Canyon reitet. Eine Flügeltür weiter Lianen, Farne und sattgrünes Bananenblättergewirr aus dem tropischen Regenwald, wie er in der Karibik oder am Amazonas vorkommt.

Links von der Wüste geht es weiter nach Asien, das momentan vorwiegend aus einem rosafarbenen Azaleen-Blütenmeer besteht. Zweigt man im Regenwald rechts ab kommt man nach Australien und geradeaus weiter gehts nach Afrika. Allerdings wird man unterwegs zwangsläufig einen Zwischenstopp an der philippinischen Jadeliane einlegen. Sie ist mit ihren petrolfarbenen Blütendolden einfach ein echter Hingucker und fast jeder, der hier vorbeigeht, fällt auf die Täuschung der Natur rein: „Hilde, jetzt schau dir das mal an, da habens doch glatt eine Plastikblume reingehängt!“

Wer Afrika nur vom Badeurlaub in Kenia kennt ist zunächst einmal irritiert, wenn er zwischen Aloen und Köcherbäumen steht, die so heißen, weil die Buschmänner der Kalahari die armdicken Äste als Behältnisse für ihre Pfeile verwenden. „Wir sind hier ja auch im südlichen Afrika, in der Sandwüste“, erklärt die Botanikerin. Über mehr als 1,2 Millionen Quadratkilometer erstreckt sich das karge Gebiet in den Ländern Namibia, Angola, Botswana und Sambia, hier ist es auf 100 Quadratmeter reduziert. Aber der (Glasdach-)himmel hängt tief, wie in Afrika. Und es ist heiß, sehr heiß, wie in Afrika.

In Asien: Die gehörnte Stechpalme aus China steht im asiatischen Gewächshaus.

Wer zügig geht braucht im Botanischen Garten für eine Weltreise durch alle Kontinente der Erde vielleicht eine halbe Stunde, wer bis zur Arktis am äußersten Ende des Geländes vordringen will, noch einmal so lange. Weil der Weg von Amerika hinterm Kassenhäuschen über Asien, Australien und Afrika und weiter über das Freigelände (mit bayerischen Schlüsselblumen unterm kaukasischen Ahorn) in die nördliche Polarregion höchstens einen Kilometer lang ist. Praktisch auch: die meisten Kontinente kann man selbst im Winter mit kleinem Gepäck bereisen. Nicht mal einen Mantel muss man anhaben. Die Länder hier sind überdacht und klimatisiert.

In Afrika: Der Köcherbaum, Pfeilhalter der Buschmänner, stammt aus der Kalahari.

Dr. Ehrentraud Bayer (60) macht die Weltreise, die für sie eine Dienstreise ist, mehrmals am Tag. Sie ist seit 20 Jahren die wissenschaftliche Leiterin des Botanischen Gartens und als solche in der kleinen Welt der Pflanzen auch sowas wie eine Diplomatin. Schließlich hat die Biologin mit ihrem Team aus 60 Gärtnern dafür zu sorgen, dass das Miteinander von 14.000 Völkern unterschiedlicher Nationen auf engstem Raum reibungslos funktioniert. Dass sich der Baum der Reise, der eigentlich aus Madagaskar stammt, in der Karibik wohlfühlt. Dass sich der Chinese in Gestalt der gehörnten Stechpalme mit dem Amerikaner verträgt, der sich daneben recht angeberisch in gelbem Blütendekor präsentiert. Dass die südamerikanische Baumtomate und der chilenische Canelo, der heilige Baum der Mapuche-Indianer, in Asien geduldet werden und der mediterrane Ginster in Australien. Ja, es gibt viele Asylanten im Botanischen Garten, denn im Gegensatz zur wirklichen Welt sind die Ländergrenzen für Reisende offen. Hauptsache, sie vertragen das Klima des Gastgeberlandes.

Pannonische Steppe: Reiseredakteurin Christine Hinkofer und Dr. Bayer durchqueren die Schilfzone.

Auch Ureinwohner hat Münchnes schönster Park, Pflanzen, die immer schon auf dem Gelände hinter dem Nymphenburger Schlosspark standen, das der damalige Direktor K. E. von Goebel vor 100 Jahren als Standort für sein neues Gartenparadies auswählte. Die Eichen am großen Teich zum Beispiel. Mit ihren Stammumfang von gut dreieinhalb Metern dürften sie inzwischen an die 300 Jahre alt sein. Oder Pflanzen, die Goebel schon aus dem Alten Botanischen Garten mitbrachte, der ursprünglich einmal „Auf den Ängern vor dem Karlstor“ errichtet wurde, wie es in der Chronik der Königlich Bayerischen Akademie der Wissenschaften heißt. Das Alter der Palmenfarne im Cycadeenhaus schätzt Ehrentraud Bayer auf 200 Jahre. Und sagt: „Man muss sich das vorstellen: So wie hier sah die Natur zu Zeiten der Dinosaurier aus!“ Dagegen ist der Elefantenfuß in der Amerika-Halle mit geschätzten 100 Jahren ein echter Jüngling. Als besonders zäh und standhaft erwies sich der große Bambus. Als das Gewächshaus im zweiten Weltkrieg zerbombt wurde überlebte er als einzige Pflanze.

Der Botanische Garten hat viel er- und überlebt. 100 Jahre alt wird er heuer, und als ob die Natur es nicht erwarten konnte, sich für dieses Jubiläum aufzuhübschen, grünt und blüht es schon fast hochsommerlich. Erstmals nach 40 Jahren trägt sogar die Faser-Banane im Haus der tropischen Nutzpflanzen wieder eine Blüte. Schließlich will man ja was hermachen als Jubilar.

In Amerika: Kakteen wie in Arizona stehen hier. Der Elefantenfuß ist eine der ältesten Pflanzen.

Die kleine Weltreise, die endet übrigens für die meisten Besucher des Botanischen Gartens im Café mit Blick auf den Rosengarten. Die Speisekarte dort ist vorwiegend bayerisch, der Espresso italienisch und Zoe (40), die hübsche Bedienung, erklärt mit blitzendem Schalk: „Vor Ihnen steht die einzige griechische Pflanze hier!“

Christine Hinkofer

Botanische Leserreise nach Madeira

Ein botanischer Kosmos ist auch Madeira, die Blumeninsel im Atlantik. Bedingt durch das milde Klima gibt es dort nicht nur eine Vielzahl endemischer Pflanzen, sondern auch „Einwanderer“ aus der ganzen Welt, die die Portweinproduzenten und Kaufleute in den vergangenen Jahrhunderten von ihren Reisen mit auf die Insel brachten. Dr. Ehrentraud Bayer, die wissenschaftliche Leiterin des Botanischen Gartens, begleitet uns im November als Expertin auf einer einwöchigen Reise nach Madeira. Auf dem Programm stehen Wanderungen, Gartenbesichtigungen und ein Besuch auf dem prachtvollen Blumenmarkt von Funchal. Termin und Preise veröffentlichen wir demnächst im Reiseteil und auf der Homepage unserer Zeitung.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Warum Sie vermeiden sollten, an Flughäfen auf Toilette zu gehen
Der Abflug verzögert sich, lieber nochmal auf die Toilette, bevor der Flieger startet. Doch Vorsicht: Das ist an den meisten Flughäfen nicht bedenkenlos möglich.
Warum Sie vermeiden sollten, an Flughäfen auf Toilette zu gehen
Krasse Aufnahmen: Blitz schlägt in Flugzeug ein
Eine Boeing 777 war gerade in Amsterdam gestartet. Als die Maschine in einen Sturm geriet, passierte es: Das Flugzeug wurde vom Blitz getroffen.
Krasse Aufnahmen: Blitz schlägt in Flugzeug ein
Urlaub in Italien: Dolce Vita an Meer, See, Stadt und Gebirge
Historische Städte, romantische Sandstrände und italienische Kulinarik: So stellt man sich Urlaub in Italien vor. Die besten Orte und Zeiten für Italien-Reisen.
Urlaub in Italien: Dolce Vita an Meer, See, Stadt und Gebirge
Beliebt wie nie: Alle News zu Kreuzfahrten im Mittelmeer
Nicht nur die deutschen Kreuzfahrt-Fans bereisen gerne das Mittelmeer. Etwa die Hälfte aller Reisen führen dorthin. Immer mehr Europäer machen eine Fahrt in die Karibik.
Beliebt wie nie: Alle News zu Kreuzfahrten im Mittelmeer

Kommentare