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Für die Dauercamper Matthias Rantzsch (von links), Dietmar Gebauer und Veronika Rantzsch dauert der Sommer von März bis Oktober. 

Zu Besuch bei Profis am Starnberger See

Villa am See? Die macht Dauercamper nicht glücklich

100 Millionen Nächte haben die Deutschen 2014 im Zelt oder im Wohnwagen verbracht. Nur eine Gruppe im Camping-Kosmos wird kleiner: die der Dauercamper. Zu Besuch bei Profis am Starnberger See.

Charlie lebt im Paradies. Über ihm: Vogelzwitschern. Unter ihm: frisch gemähtes, duftendes Gras. Wenn er aufmerksam lauscht, kann er hören, wie die Wellen im nahen See ans Ufer klatschen. Charlie räkelt sich gähnend in den letzten Sonnenstrahlen des Tages, hebt träge den Kopf, schnuppert kurz. Hat er nicht irgendwo Abendessen gerochen? „Mei, der Charlie“, sagt Herr Kraitmeier mit einem Schulterzucken, „der gehört halt irgendwie uns allen hier. Aber eigentlich gehört er nur sich selbst, der Hallodri.“ Vor 15 Jahren haben sie den dicken roten Kater als Kätzchen hier gefunden, die Dauercamper vom Campingplatz „Beim Fischer“ in Münsing am Starnberger See. Seitdem lebt er hier zwischen ihren Wohnwagen, bei jedem Wetter, das ganze Jahr. Irgendwer ist ja immer hier.

An der Rezeption, erste Sommerferienwoche, alles voll, Stress: Fragt man Campingplatz-Chefin Susanne Huber nach den Dauercampern, schickt sie einen sofort weiter. Zu Herrn Kraitmeier, zweiter Wohnwagen rechts. In eine andere Welt, in Charlies Paradies, wo die Hektik verschwindet hinter Heckenwänden. Herr Kraitmeier hat Zeit. Er ist länger hier als der Kater, länger als Susanne Huber, länger als alle. Mit Ausnahme von Frau Kraitmeier. Früher, da sind sie oft in den Süden gefahren mit ihrem Wohnmobil, aus München-Moosach nach Italien und Frankreich. „Dann haben wir gemerkt, wie schön es hier ist, direkt vor unserer Nase.“ Das war 1962. Seitdem: kein Süden mehr, zumindest nicht weiter als die 40 Kilometer Moosach-Münsing. Jeden Sommer, seit mehr als einem halben Jahrhundert und fast ein ganzes Eheleben lang.

Erna und Rudolf Kraitmeier, er 86, sie 82, sind seit 61 Jahren verheiratet. Früher kamen sie nur am Wochenende, seit dem Ruhestand vor 20 Jahren sind sie drei Sommermonate am Stück hier. Herr Kraitmeier sitzt dann meistens hinter dem Vorzelt im Schatten und malt, so wie jetzt. Mit dünnem Pinsel winzige Striche, die buschigen Augenbrauen zusammengezogen. Gerade hat er eine Eule fertig. Sie sitzt auf einer Karte für die Nachbarin im Wohnwagen nebenan. Neben der Eule wünschen „Erna und Rudi“ alles Gute zum Geburtstag, in Schönschrift, mit Füller. Die Handschrift, die Kraitmeiers, der Füller: Das alles stammt aus einer Zeit, in der man das, was sie hier suchen, „Kameradschaft“ nannte. Sie selbst nennen es heute noch so.

Früher ewig lange Partys, heute ab 22 Uhr Ruhe auf dem Camping-Platz

Herr Kraitmeier zeigt mit dem Pinsel in verschiedene Richtungen, sie sind verbunden mit Erinnerungen. Da unten sind sie alle zusammen immer rausgefahren auf den See, am Jahrestag des Todes vom König Ludwig II. Haben jeder einen Schnaps auf den König getrunken und einen für ihn ins Wasser gekippt. Da hinten hat seine Tochter am liebsten gespielt. Dort am Ufer hat er ein Indianerzelt für seinen Enkel gebaut, Herr Kraitmeier Old Shatterhand, der Enkel Winnetou. Und da vorne, da sind sie jeden Samstagabend zusammengesessen. Alle, die Dauer- und die Kurzzeit-Camper. Mehr als einen Stuhl, einen Bierkrug und einen Holzscheit hat man nicht mitbringen müssen und man war einer von ihnen. Ein Akkordeon oder eine Gitarre hatte ja immer irgendwer. Und dann haben sie gefeiert, bis morgens. Wann genau das war? Ach, lange her. Neulich, da hat wieder einmal eine Gruppe hier gezeltet, lauter junge Leute. Herr Kraitmeier hat nach der Gitarre gefragt. Sie hatten keine. Heute ist ab Punkt 22 Uhr Ruhe auf dem Platz.

Herrn Kraitmeiers Geschichten kennt man auch am anderen Ende des Campingplatzes. Christa Weber sitzt da mit Mann Paul und Hund Robbie am Campingtisch und nennt Herrn Kraitmeier „eine lebende Legende“. Eine mannshohe Mauer aus immergrünen Hecken für die Privatsphäre, eine halbe Zitrone mit Nelken gespickt und eine Zeitung über dem Bierglas gegen die Wespen. Ehepaar Weber: sehr braungebrannt, sehr freundlich, sehr entspannt. Robbie: schläfrig und schon ein bisschen grau um die Schnauze. Die Ruhe auf dem Platz stört die drei nicht. Seit 15 Jahren kommen sie hierher, genauso lange wie Kater Charlie. Aus München, wie die Kraitmeiers. Weil sie die Natur lieben, sagen sie, den See, die Berge. Wandern, Radeln, Schwimmen. Die Freiheit hinter den Hecken.

Wie die Kraitmeiers waren auch die Webers schon sehr lange nicht mehr woanders in ihren Ferien. Hamburg, die Nordsee, das würde er sich schon gerne noch einmal anschauen, sagt Paul Weber. Weiter weg? Muss nicht sein. „Wissen Sie: In anderen Ländern, da kracht’s und scheppert’s doch überall“, sagt Christa Weber, „da muss man ja nur Nachrichten schauen.“ Hier kann sie nachts manchmal den Igel schmatzen hören, in der Hecke gleich neben dem Wohnwagenfenster.

"Können Sie so etwas Schönes, so eine Freiheit, in der Stadt erleben?"

Herr Kraitmeier sagt: „Wenn ich male, dann hüpft mir manchmal eine Amsel direkt vor die Füße.“ Und dann die Schmetterlinge im Sommerflieder, so viele, dass sich die Stängel biegen unter ihrer Last. Und die jungen Meisen im Baum darüber. „Ich frage Sie: Können Sie so etwas Schönes, so eine Freiheit, in der Stadt erleben?“ Sie schlafe besser hier draußen, sagt Frau Kraitmeier, viel besser, „hier in unserer Sommer-Residenz“.

Innen sieht die so aus: Durch einen Vorhang in einen kleinen Quader, vielleicht zwei auf drei Meter, sehr sauber, sehr ordentlich, sehr bayrisch. Überall Holz: Decke, Boden, Wände. Eine Sitzecke mit Schnitzereien, eine kleine Kochnische. In den Regalen Motivteller und Bierkrüge. Komprimierte Gemütlichkeit, so greifbar, als könne man mit den Fingerspitzen daran stoßen, wenn man in der Mitte des Raumes die Arme ausstreckt. Hinter einem zweiten Vorhang geht es in den Wohnwagen. Das Letzte, woran man in diesem Raum denkt, ist das Wort „Zelt“. „Das ist das Vorzelt“, sagt Herr Kraitmeier. Als sie vor ein paar Jahren innerhalb des Campingplatzes einmal umgezogen sind, mussten sie es komplett anheben mit schweren Maschinen – das ganze Holz, alle Motivteller, alle Krüge – und hierher transportieren, vorsichtig, Meter für Meter. Umziehen werden sie wohl so bald nicht mehr, sagt Herr Kraitmeier. Dauercampen ist eine sichere Freiheit, keine heute-hier-morgen-dort-Freiheit. Trotzdem: kein Zuhause, sagt Frau Kraitmeier, sondern eine Sommer-Residenz, nicht mehr, nicht weniger.

Will man wissen, wie es im Winter auf dem Campingplatz ist, muss man andere fragen. Die drei Herren aus München zum Beispiel, die sich im letzten sonnigen Winkel die nackten Bäuche wärmen: Matthias, Eric und Dietmar. Sie gehören zum harten Kern, der hier sogar zusammen Silvester feiert. Nachnamen haben sie auch, aber das ist hier draußen eigentlich egal, sagen sie.

Dauercamper Rantzsch fährt vom Platz aus zur Arbeit nach München

Matthias Rantzsch, Eric Schnell und Dietmar Gebauer haben sich auf der Eisstock-Bahn des Campingplatzes kennengelernt. Man kann die Jahreszeiten wechseln sehen hier draußen, sagt Matthias, wie sich die Blätter verfärben, wie es jeden Morgen kälter wird. „Und man sieht die Sterne.“ So oft es geht, fahren sie raus, sagt Eric. Im Sommer ist er ständig hier, sogar zur Arbeit nach München fährt er vom Platz aus. Erics Sommer dauert von März bis Oktober. Man lernt Genügsamkeit hier draußen, sagt Dietmar. Dass die Quadratmeterzahl keine Rolle spielt zum Glücklichsein. Ob das auch die Villenbesitzer wissen, die keinen Kilometer weiter direkt unten am See residieren? Die tun Dietmar leid. Eric sagt, er versteht sie nicht, wie sie da alleine hinter ihren Zäunen sitzen: Zum Alleinsein, sagt er, muss er nur zurück nach München fahren.

Matthias’ Frau Veronika ruft zum Abendessen. Um ihren Wohnwagen haben die Rantzschs einen Garten angelegt, haben ihr Stückchen Freiheit bepflanzt mit Blumen und Tomaten. „Wenn man so oft hier ist, will man sich’s ja ein bisschen schön machen, nicht wahr?“ Einer sitzt schon bereit am Tisch unter dem Sonnenschirm: Camping-Kater Charlie. Der hat sich eben ein Stück Leber erbettelt und schmiegt sich jetzt ins Stuhlkissen. „Mei, der Herr Kraitmeier“, sagt Veronika Rantzsch, „der erzählt ja immer, wie schön es früher war. Aber das liegt wohl vor allem daran, dass er selbst früher mal ein richtiger Draufgänger war. Jetzt ist es doch auch schön, nur anders.“

Charlie streckt sich und springt vom Polster. Wenn es jetzt bald Nacht wird und 22 Uhr und Ruhe – dann gehört der Platz ganz ihm. Die vielen kleinen Paradiese, manche hinter Hecken, manche mit Garten, manche in Erinnerungen. Die Paradiese der Rantzschs, der Webers und der 80 anderen hier. Das von Charlie, dem Hallodri. Und das von Herrn Kraitmeier, dem Draufgänger.

Anne-Nikolin Hagemann

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