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Schöner ist es in der Ägäis auch nicht – oder? Diese beiden Urlauber genießen auf dem Wallberg den Ausblick auf den Tegernsee.

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Ferien in Bayern: Die neue Lust am Urlaub dahoam

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Schliersee –Last-Minute im Oberland statt All-Inclusive in Antalya: Immer mehr Menschen verbringen ihre Ferien in Bayern. Das liegt am Terror in beliebten Urlaubsländern. Doch Experten glauben, das ist nicht der einzige Grund.

Update vom 13. Dezember 2016: Bei der Urlaubsplanung für 2017 sind für viele Eltern die Schulferien nicht ganz unwichtig. Das sind die Termine der Ferien 2017 in Bayern.

In den letzten Wochen hat das Telefon von Astrid Leitner, Bäuerin auf dem Ehard-Hof am Schliersee, noch öfter geklingelt als sonst. Urlauber, die spontan ein paar Tage in ihrer Ferienwohnung verbringen wollen, waren dran. Die schlechte Nachricht für die Anrufer: „Wir sind ausgebucht“, sagt die 57-Jährige – von Mai bis Mitte September kriegt sie keinen Gast mehr unter.

Urlaub auf dem Bauernhof, das ist ein Trend, der seit zehn Jahren zunimmt. Aber warum ist jetzt so viel los wie selten zuvor? Liegt es am Terror, dass die Menschen lieber Urlaub dahoam in Bayern machen?

Astrid Leitner und ihr Mann Andreas haben den Hof von ihren Schwiegereltern 1988 übernommen. Auch die haben schon Urlaub auf dem Bauernhof angeboten, die junge Generation hat weitere Zimmer zu Ferienwohnungen ausgebaut, Kinder dürfen Ponyreiten oder auf der Ehard-Alm Kühe streicheln. Bayern pur – das gefällt immer mehr Touristen.

Einer, der solche Trends erforscht, ist Jürgen Schmude, Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er bestätigt: „Das Interesse an Urlaub in Bayern ist stark gewachsen.“ Ein Grund: die internationale Sicherheitslage. Anschläge in Tunesien, Ägypten, Istanbul, Brüssel mit Dutzenden Toten – vielen nimmt das die Reiselust, vor allem Familien. Schmude sagt: „Der Durchschnittstourist ist auf der Suche nach einem Ersatz. Der Auslöser kann dabei der Terror sein, aber auch Vulkanausbrüche oder Tsunamis.“

Der Hof von Astrid Leitner liegt 250 Meter vom Schliersee entfernt, am Ortsrand von Fischhausen, die Fenster am Bauernhaus haben Holzläden, vom Balkon hängen bunte Blumen. Anschläge und Terror sind hier weit, weit weg. Dennoch spürt Astrid Leitner, dass sich etwas verändert: „Viele rufen kurzfristig an und wollen noch für in zwei Wochen buchen.“ Sie glaubt, dass einige ihre Urlaubspläne spontan ändern und umbuchen. Last Minute ins Oberland – statt All-Inclusive in Antalya.

Als Ersatz für das ansonsten sehr beliebte Urlaubsland Türkei wählen aber viele deutsche Touristen Ziele wie Spanien, Italien oder Griechenland. Dort gab es bislang keine Attentate, und die meisten Urlauber wollen in ihren Ferien eben Sonne und Wärme – das hat die Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen ermittelt. Bayern kann das nicht immer bieten. Die Hoteliers auf Mallorca zum Beispiel können sich vor dem Ansturm der Touristen kaum retten. Doch auch in Bayern steigt die Zahl der Gäste von Jahr zu Jahr. Waren es 1995 noch 77,2 Millionen Übernachtungen, so ist die Zahl im Rekordjahr 2015 auf 88,1 Millionen geklettert. Tendenz steigend. Der Tourismusforscher geht davon aus, dass sich die Zahlen auf hohem Niveau stabilisieren werden. Schwere Einbrüche seien nicht zu erwarten. „Es sei denn, es passiert etwas“, fügt der 60-Jährige an.

Deutschland ist ein sicheres Reiseland, auch Urlauber aus dem Ausland wissen das zu schätzen. Jens Huwald, Geschäftsführer der Bayern Tourismus Marketing GmbH, sagt: „Für asiatische und arabische Gäste ist die Sicherheit ein wichtiger Punkt.“ Aus unterschiedlichen Umfragen gehe hervor, dass der Tourismus in Bayern noch stärker wird. „Viele machen Urlaub in Bayern, weil es ihnen woanders zu unsicher ist“, sagt er. „Wir sind Nutznießer, auch wenn die Umstände furchtbar sind.“

Es gibt aber noch einen Grund für den Boom, und der hat nichts mit Terror zu tun. Tourismus-Experte Huwald beobachtet einen Trend von einem langen Urlaub im Jahr hin zu mehreren kürzeren Trips. Nicht jeder Arbeitnehmer bekommt drei Wochen am Stück frei, schon gar nicht, wenn die Eltern auf die Ferien ihrer Kinder Rücksicht nehmen müssen. Ein Vier-Tage-Trip nach Kuba macht da wenig Sinn. Und was bietet sich dann besser an als Urlaub dahoam? „Die Leute gönnen sich dann eben mehr“, so der 43-Jährige, der mit seinen Kindern in den Ferien ebenfalls gerne in Bayern bleibt.

Sogar Menschen, die schon die ganze Welt gesehen haben, zieht es nicht mehr so oft in die Ferne. Katja Wegener 44, aus Bad Tölz ist Reise-Bloggerin, sie schreibt auf ihren Seiten wellness-bummler.de und wellspa-portal.de über ihre Urlaubserlebnisse. Sie sagt: „Es gab Zeiten, da habe ich meine Wohnung fast nur zum Koffer aus- und einpacken betreten.“ Aber: „Zuletzt war ich mehr in Bayern unterwegs.“ Na gut – im Moment ist sie im Urlaub in Melbourne, Australien. Aber am Telefon erzählt die Tölzerin, dass sie zuletzt in ihrer Heimat den Tourismus-Boom gespürt hat: „Ich hatte schon das Gefühl, mehr Urlauber anzutreffen.“ Über die Gründe hat sie immer mal wieder mit Touristen und auch Hoteliers gesprochen. Und die Meinungen gehen in die gleiche Richtung. „Die meisten sagen, dass sie den einen Teil der Reiseziele aus Angst vor dem Terror meiden.“ Selbst sie als erfahrene Urlauberin ist bei manchen Zielen, zum Beispiel Istanbul, sensibel geworden. Im anderen Teil der Urlaubsländer, die als sicher gelten, hätten hingegen die Preise stark angezogen. Auch eine Folge des Terrors, die vor allem Familien von großen Reisen abhält. Und, so komisch das klingt: Katja Wegener glaubt, dass die wachsende Globalisierung den Urlaub in Deutschland stärkt. Denn: „Wer auf seinem Handy oder Tablet dauernd die ganze Welt zur Verfügung hat, der sehnt sich nach Heimat.“

Vielleicht spielt auch das wachsende Öko-Bewusstsein eine Rolle: Anfang der Woche ermunterte das Umweltbundesamt die Deutschen, auf Flugreisen möglichst zu verzichten – dem Klima- und Umweltschutz zuliebe. „Die umweltfreundlichste Variante ist der Urlaub auf Balkonien oder im Schrebergarten“, hieß es da. Alternativen seien Rad- und Wanderurlaube. Urlaub dahoam – nicht nur sicherer, sondern auch grüner.

Man könnte meinen, Bayerns Touristiker haben es so leicht wie nie. Aber das stimmt nicht, sagt Peter Staudacher, 47, vom gleichnamigen Hotel in Garmisch-Partenkirchen. „Die Anfragen sind deutlich zurückgegangen“, erzählt der Hotelier, der das Vier-Sterne-Haus 2008 mit seiner Frau Dagmar übernommen hat. Seither ging es steil bergauf, auch sein Haus ist gut gebucht. Vielen, die kurzfristig kommen möchten, muss er absagen wie auch Astrid Leitner vom Ehard-Hof. Aber Staudacher sagt: „Es verharrt gerade auf einem hohen Niveau.“ Der Grund für die Stagnation: In Oberbayern und Tirol haben in den vergangenen Jahren viele Hotels auf ähnlichem Niveau eröffnet – sie alle kämpfen um die gleichen Kunden. Hotelier Staudacher bestätigt zwar: „Die Berge sind extrem in.“ Das heißt aber nicht, dass das Geschäft von ganz allein läuft.

Auf Mallorca treten sich die Urlauber auf die Füße

Hoteliers, Restaurantbesitzer und Souvenirladenbetreiber in Spanien frohlocken: Erwartet werden 2016 rund 72 Millionen Touristen, nach 68 Millionen im Vorjahr. Die spanische Wirtschaft, die mit 21 Prozent immer noch unter einer der höchsten Arbeitslosenquoten der EU leidet, jubelt. Und stellt auch ein: Gegenüber Mai wurde ein Rückgang der Arbeitslosen um gut 124 000 oder 3,2 Prozent verzeichnet – der beste Juni seit 2006.

Nicht nur in der Nähe der Kathedrale von Palma de Mallorca, auch am Ballermann, auf Flaniermeilen und an Bushaltestellen treten sich die Touristen – vor allem Deutsche und Engländer – auf Mallorca schon jetzt auf die Füße. Bis Ende Oktober soll Palmas Flughafen 26,4 Millionen Passagiere abfertigen, 4,3 Millionen mehr als im Vorjahr. Tui-Chef Fritz Joussen warnte bereits: „Es werden nicht alle nach Mallorca kommen, die nach Mallorca wollen.“

Den Boom hat Spanien vor allem den großen Problemen der Konkurrenz zu verdanken: Terroranschläge, politische und soziale Instabilität in Nordafrika und der Türkei oder die Folgen der Flüchtlingskrise in Griechenland schrecken viele Urlauber ab. Sie suchen sich andere Ziele. Durch einen billigeren Euro gibt es zudem so viele Besucher aus Asien, Afrika, USA und Lateinamerika wie selten zuvor. Die Balearen-Inseln um Mallorca und Ibiza, aber auch Teneriffa und weite Teile der Mittelmeerküste und sogar die Metropolen seien für den Sommer zum Teil bereits zu über 90 Prozent ausgebucht, teilte der Hoteldachverband Cehat mit. Dazu tragen vor allem auch die Deutschen bei. Cehat-Chef Juan Molas warnt die Unentschlossenen: „Dieses Jahr wird es keine Rabatte und auch keine Last-Minute-Angebote geben.“

Aber nicht alle freuen sich. Biel Barceló, Tourismus-Minister der Balearen-Regierung, sagt: „Nein, wir können auf keinen Fall so weiter wachsen.“ Man hoffe, dass die zum 1. Juli eingeführte Touristensteuer von bis zu zwei Euro pro Kopf und Nacht eine regulierende Wirkung haben werde. Der Politiker hat dabei nicht nur die Nachhaltigkeit und die Umwelt im Kopf – sondern wohl auch den zunehmenden Verdruss der Bevölkerung. Im Frühjahr wurde in Palma bereits mehrfach gegen den Besucheransturm protestiert.

Von Nina Probst und Emilio Rappold

Mallorca-Urlauber immer unzufriedener

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