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Beliebtes Ziel: Die Akropolis in Athen.

Interview mit Reise-Experten

Urlaub: Sollten Deutsche nach Griechenland reisen?

München - Bei den Politikern im Schuldenstreit mit Griechenland geht es momentan heiß her. Viele Urlauber sind verunsichert. Muss man als Deutscher in Griechenland mit Ressentiments rechnen?

Besteht die Gefahr, in politische Unruhen zu geraten? Warum sind die Buchungszahlen trotz allem so gut? Würde durch einen Ausstieg Griechenlands aus dem Euro der Urlaub viel billiger? Diese Fragen stellten wir sowohl Thomas Bausch, Professor für Tourismus an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften München, als auch Sibylle Zeuch vom Deutschen Reiseverband (DRV).

Die schwierige politische Lage in Griechenland verunsichert viele Urlauber. Würden Sie über Ostern oder Pfingsten nach Griechenland reisen?

Bausch: Ich reise über Ostern nach Griechenland, Lesbos.

Haben Sie keine Bedenken?

Bausch: Nein, warum?

Manche Urlauber befürchten zum Beispiel, als Deutsche schief angesehen zu werden.

Sibylle Zeuch vom Deutschen Reiseverband (DRV).

Bausch: Ich war in letzter Zeit beruflich sehr oft in Griechenland unterwegs. Man muss unterscheiden zwischen einigen Standorten in Athen und den Urlaubsgebieten Griechenlands. Auf den Inseln wird man nach wie vor äußerst freundlich empfangen. Die Leute differenzieren sehr genau zwischen der aufgeheizten, oft unsäglich unsachlichen politischen Ebene und den bilateralen, menschlichen Begegnungen.

Zeuch: Im Augenblick merken wir nicht, dass die Urlauber verunsichert sind, was Reisen nach Griechenland anbelangt. Anfang des Jahres lagen die Buchungen im Vergleich zum Vorjahr im Plus – und zwar im zweistelligen Prozentbereich. Wir denken, dass sich das auch so fortsetzen wird. Griechenland zählt nach wie vor zu den zehn beliebtesten Reiseländern der Deutschen – vor allem in der Sommersaison.

Also muss man als Deutscher keine Ressentiments befürchten?

Bausch: Ich denke, in den Urlaubsgebieten nicht. Ich will nicht ausschließen, dass es, wenn man sich als deutscher Urlauber im Umfeld der Demonstrationszone des Parlaments in Athen aufhält und dort vielleicht noch ein „I love Angie“-T-Shirt trägt, Konflikte geben könnte. Aber bei eigenem höflichen und verständnisvollen Auftreten den Menschen gegenüber, sehe ich da keine Risiken.

Thomas Bausch, Professor für Tourismus an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften München.

Zeuch: Wir haben bislang keine Hinweise, dass es Ressentiments der Griechen gegenüber den Deutschen gibt. Der Tourismus ist auch in Griechenland ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Viele Menschen arbeiten im Tourismus und bestreiten daraus ihren Lebensunterhalt. Die Griechen freuen sich daher sicher über jeden Gast.

Würden Sie Urlaubern raten, lieber eine Pauschalreise zu buchen?

Bausch: Ich will da keine Empfehlungen abgeben. Aber Verbraucher, die das Risiko ausschließen wollen, dass das Hotel oder die Airline während ihres Aufenthaltes insolvent geht und damit zusätzliche Kosten verbunden sind, sind beim Reiseveranstalter durch den Sicherungsschein besser aufgehoben. Andererseits: Griechenland ist ja nicht die hintere Mongolei. Es gibt immer alternative Verkehrsmittel.

Zeuch: Alle, die mit einem Veranstalter verreisen, haben den Vorteil, dass sie bei Problemen einen Ansprechpartner haben. Streiks werden in der Regel angekündigt, der Reiseveranstalter kümmert sich dann um Ersatz – also zum Beispiel um einen früheren oder späteren Flug. Bei einer Veranstalterreise sind Urlauber auf der sicheren Seite.

Und was ist mit Individualreisen?

Zeuch: Bei gebuchten einzelnen Reiseleistungen müssen sich Urlauber selbst kümmern. Das heißt, wenn der Flug ausfällt, beispielsweise die Fluggesellschaft und das Hotel kontaktieren.

Warum sind die Buchungszahlen für Griechenland trotz allem derzeit so hoch?

Zeuch: In den Jahren 2011 und 2012 sind die Gästezahlen deutscher Touristen deutlich zurückgegangen. Damals war der Reiseverkehr stark von Streiks beeinträchtigt. Flughäfen und Fähren wurden bestreikt. Außerdem gab es viele Demonstrationen – allerdings beschränkt auf die Großstädte Athen und Thessaloniki. Dort war die Stimmung sehr aufgeheizt und negativ gegenüber Deutschland. Die Bilder, als zum Beispiel deutsche Fahnen verbrannt wurden, haben viele über die Medien verfolgt. Das hat die deutschen Urlauber sehr stark irritiert. Heute ist die Situation eine andere.

Bausch: Zum einen haben die Reiseveranstalter in Griechenland bessere Preise durchsetzen können. Aber nicht nur das, auch die Kosten in den Zielgebieten selbst, also zum Beispiel die Verpflegung vor Ort, sind günstiger geworden. Man könnte auch spekulieren, dass viele durch die ständige Präsenz des Landes in den Medien erst wieder auf Griechenland als Urlaubsland aufmerksam geworden sind. Auch ein Solidarisierungseffekt ist denkbar.

Glauben Sie denn, dass Leute aus Solidarität mit den Griechen, gerade jetzt dort Urlaub machen?

Zeuch: Viele Deutsche sind Wiederholer oder sogar Stammkunden, die seit Jahren nach Griechenland reisen und die Gastfreundschaft dort sehr schätzen. Ich denke, darunter gibt es einige, die Griechenland in diesem Jahr bewusst mit ihrem Urlaub unterstützen wollen.

Würde bei einem Euro-Austritt des Landes alles noch viel billiger?

Bausch: Zunächst vermutlich ja. Natürlich würden die Löhne und Gehälter vor Ort sinken, ebenso die Preise für Produkte aus Griechenland selbst. Doch alles, was aus dem Ausland eingekauft werden müsste, zum Beispiel Energie, die man in Hotels etwa für die Klimaanlagen braucht, würde massiv teurer. Der erste Preisrutsch wäre also wohl nur ein kurzfristiger Effekt.

Zeuch: Im Augenblick ist das reine Spekulation. Wichtig ist aber zu wissen, dass die Katalogpreise für diese Saison fix sind. Wer eine Reise bei einem Veranstalter gebucht hat oder noch bucht, für den gelten die im Katalog veröffentlichten Reisepreise. Es sind eher die Nebenkosten im Urlaub, auf die sich eine Rückkehr der Drachme auswirken könnte.

Wenn sich die Situation verschärft, kann ich dann einen Urlaub stornieren oder umbuchen?

Zeuch: In der Regel gibt es nur wenige Gründe, bei denen man eine Reise kostenfrei stornieren kann – zum Beispiel, wenn das Auswärtige Amt eine Reisewarnung ausspricht. Das ist für Griechenland nicht zu erwarten.

Die Interviews führten Corinna Maier und Manuela Dollinger.

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