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Unglaublich: Mit blütenweißem Hemd und frisch gegeltem Haar wartet Fakhre Alame (16) an der Rezeption des Hotels im Ostjerusalemer Vorort Atarot auf Gäste.

Hotel wartet seit 42 Jahren auf Gäste

Atarot - Die Betten sind frisch bezogen. In der Lobby sind die Kaffeetische gedeckt. Die Köche garen Fleischbällchen. Und an der Rezeption steht Fakhre Alame - obwohl er weiß, dass niemand kommen wird, so wie seit 42 Jahren.

Es ist ein wohl einmaliger Fall im Nahen Osten: ein Hotel ohne Namen, ohne Gäste, mit 60 Zimmern, eingeschränktem Service von der Küche bis zur hauseigenen Reinigung - und einer unglaublichen Geschichte. Die Chronik schwärmt von der Eröffnung am 10. Mai 1967 in höchsten Tönen. Der inzwischen verstorbene König Hussein von Jordanien gab sich damals die Ehre. 18 Köche bewirteten 300 Gäste. Die Tische bogen sich unter 750 Kilo Fleisch und 200 Kilo Reis.

Im Vorort Atarot steht ein Hotel ohne Namen, ohne Gäste, mit 60 Zimmern, eingeschränktem Service von der Küche bis zur hauseigenen Reinigung.

"Das Hotel war als Investition in die Zukunft gedacht", sagt Masri Tammimi. Mit dem Gewinn sollte die Ausbildung von palästinensischen und jordanischen Jugendlichen an einer dem Hotel angeschlossenen privaten Berufsschule mitfinanziert werden. Die Lehreinrichtung existiert noch heute, Tammimi ist ihr Direktor.
Der Traum vom erfolgreichen Hotel hingegen war bereits einen Monat nach dem königlichen Bankett ausgeträumt. “Da begann der Sechstagekrieg“, sagt Tammimi. “Die 22 deutschen Lehrer verließen die Schule.“ Dafür hätten israelische Offiziere an die Tür geklopft. “Die Schule steht auf einem Hügel. Und aus militärischer Sicht ist der bedeutsam, weil man das ganze Gebiet bis Jerusalem überschauen kann“, sagt der Direktor. “Wir haben damals die deutsche Regierung gebeten, die Schule zu schützen.“ Das half, und die Verbindung ist seither nicht wieder abgerissen. Der Deutsche Entwicklungsdienst unterstützt das Projekt derzeit mit zwei Ausbildern und fachlicher Beratung.

Der palästinensische Chef Rami Mansur (l) beobachtet seine Schüler in der Küche der Jerusalem Industrial Secondary School im Vorort Atarot beim Gemüse schnippeln.

Und was wurde aus dem Hotel? Nach der israelischen Besatzung landeten auf einem in Sichtweite gelegenen Flugplatz nie die arabischen Geschäftsleute und Touristen, auf die es die Hotelgründer abgesehen hatten. Tammimi spielte deshalb immer wieder mit dem Gedanken, lieber eine Herberge für weniger betuchte Gäste aufzumachen. “Aber das war nur ein schöner Traum“, sagt er. Zum einen könne er die vom Finanzamt veranschlagten Steuern von umgerechnet 33 000 Euro pro Monat nicht aufbringen. Zum anderen schneide die Mauer - die israelische Sperranlage zum Westjordanland - das Hotel vom palästinensischen Hinterland ab. Und: In einem großen israelischen Industriegebiet ist der Schulkomplex auf dem grünen Hügel heute die letzte palästinensische Bastion.

Von der Dachterrasse des Hotels bietet sich ein Blick über den Ostjerusalemer Vorort Atarot.

Geblieben ist von dem ursprünglichen Hotelprojekt aber nicht nur die grandiose Aussicht von der Dachterrasse. Die Eigentümer verwandelten das vierstöckige Hotel ohne Namen in ein Lehrhotel, in dem derzeit 54 junge Palästinenser - alles Männer - von der Pike auf lernen. “Wir müssen einen guten Service bieten und eine gute Qualität des Essens“, sagt Chefausbilder Anwar al-Schamasnoa. “Touristen kommen doch nur zurück, wenn die Qualität stimmt.“
Und so bekochen sich die Köche selbst und testen die Fleischbällchen in Tomatensoße. In fünf voll ausgestatteten Hotelzimmern falten die Jungs vom Zimmerservice akkurat die Bettlaken. In der Lobby servieren geschniegelte Kellner Tee und Gebäck. Und an der Rezeption übt der 16 Jahre alte Fakhre Alame mit frisch gegeltem Haar und strahlendem Lächeln für seinen späteren Auftritt in einem richtigen Hotel.

Hans Dahne

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