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Luftaufnahme des Kernkraftwerks Tschernobyl

Katastrophen-Tourismus boomt in Tschernobyl

Die Reaktor-Explosion von Tschernobyl ist nun schon 25 Jahre her. Und immer mehr Touristen besuchen die atomare Sperrzone. Der Katastrophen-Tourismus setzt auf die Fußball-Europameisterschaft 2012.

Touristenführer Nikolai Fomin mit seinem persönlichen Strahlenmessgerät vor der Informationszentrale in Tschernobyl.

Sein kleines gelbes Strahlenmessgerät hat der Touristenführer Nikolai Fomin in der atomaren Sperrzone Tschernobyl immer bei sich. Der 24-jährige Ukrainer sieht in seinem Tarnanzug eher wie Soldat aus. “Lesen Sie Sicherheitsregeln aufmerksam und unterschreiben Sie“, sagt Fomin, bevor er seine Reisegruppe im Bus durch das radioaktiv verseuchte Gebiet begleitet. Dass mit dem Segen der ukrainischen Regierung 25 Jahre nach dem bisher folgenschwersten Atomunfall nun eine Art Massentourismus einsetzt, sieht er gelassen.

“An einem Tag hier in der Sperrzone, da nehmen Sie dieselbe Strahlung auf, wie bei einem Transatlantikflug zwischen Europa und den USA“, antwortet Fomin denen, die solche Reisen skeptisch sehen. Die Meinungen über den Sinn der Extremtouren durch das karge radioaktive Gebiet gehen auch unter den Überlebenden der Katastrophe auseinander. Immerhin ist Tschernobyl ein Ort, von dem Tod sowie Krebsleiden und andere schwere Krankheiten für Zehntausende Menschen ausgingen.

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Außerhalb des engen Sektors um das Atomkraftwerk (AKW) leben in anderen Teilen der 30 Kilometer großen Sperrzone noch Menschen - überwiegend Rentner. Als der Reaktor 4 des AKW am 26. April 1986 in die Luft flog, war Fomin zwar noch nicht einmal geboren. Dennoch hat der Mitarbeiter von “Tschernobylinterinform“, wie der Betrieb mit den 16 Mitarbeitern heißt, allerhand gelesen und sich mit einigen der fast 8000 hier noch arbeitenden oder lebenden Menschen unterhalten.

“Wir wollen über das Unglück und die Geschichte von Tschernobyl hautnah aufklären“, sagt Fomin vor dem Reaktor. Der Koloss ist nur notdürftig mit einem rissigen Schutzmantel aus Stahl und Beton geschützt und von einer Mauer und Stacheldraht umzäunt. Nur wenige Minuten ist der Aufenthalt hier erlaubt, weil die Strahlung weiter extrem hoch und gesundheitsgefährlich ist. Besucher tragen Atemmasken und Handschuhe zum Schutz vor radioaktivem Staub.

Das rostende Riesenrad steht auf dem Festplatz der verseuchten ukrainischen Stadt Pripjat im Sperrgebiet nahe dem Unglücksreaktor von Tschernobyl

In die Sperrzone um das AKW mit insgesamt vier Reaktorblöcken, dessen letzter aktiver Meiler erst 2000 abgeschaltet wurde, kommen nur Besucher mit Sondergenehmigung. Das Wohnen ist hier verboten - wie auch in der früheren sozialistischen Modellstadt Pripjat, rund zwei Kilometer vom Reaktor entfernt. Die sowjetische Plattenbausiedlung, in der einst 50 000 Menschen - meist junge Familien - lebten, wird noch einmal zusätzlich bewacht. Sie ist bis heute hoch radioaktiv und bleibt wohl für immer unbewohnbar.

“Viele Familien haben damals hier die besten Bedingungen in der ganzen Sowjetunion gehabt, Kindergärten, Schulen, Freizeitangebote und gefüllte Geschäfte“, sagt Fomin. Er spricht mit trauriger Stimme auf dem Festplatz, wo verlassene Karussells Zeugen der Kinderfreuden von einst sind. Rund 7000 Menschen besuchen jedes Jahr die Zone, die auch Teile Weißrusslands einschließt. Überall zerfallen verlassene Häuser im Dickicht der Bäume. Immer wieder gibt es gelbe Warnschilder für radioaktive Strahlung.

Bustouren von Kiew in die atomare Sperrzone

Von der ukrainischen Hauptstadt Kiew aus bietet der Reiseunternehmer Arseni Finberg Bustouren in die rund 100 Kilometer weit entfernte Zone an. “Das ist natürlich eine Form von Extremtourismus“, sagt der 28-Jährige. Das Verhältnis zwischen Gästen aus dem Westen und denen aus der früheren Sowjetunion sei etwa 50:50. Sie zahlen zwischen 500 und 3000 Griwna (45 und 275 Euro) pro Kopf, je nach der Zahl der Reisenden. Die höheren Preise gelten für westliche Touristen, etwa aus Deutschland, den USA und England.

Ortseingangsschild von Tschernobyl, einst Verwaltungszentrum des ungefähr 15 km entfernten Atomkraftwerks.

Finberg beruft sich auf die offizielle Linie des ukrainischen Ministeriums für Katastrophenschutz, dessen Minister Viktor Baloga die Tschernobyl-Touren ausdrücklich als Attraktion empfiehlt. Baloga hatte im vergangenen Herbst angekündigt, den “geordnet organisierten und systematischen Tourismus“ zu erlauben.

Die Ukraine will gemeinsam mit Polen im kommenden Jahr die Fußball-Europameisterschaft ausrichten. Aber nicht nur wegen der Euro-2012 und dem Jahrestag habe der Tschernobyl-Tourismus Konjunktur, sagt Finberg. Auch das in der Ukraine beliebte Computerspiel Stalker, bei dem Strahlenmonster in der Sperrzone gejagt werden, sei für viele Menschen Anlass, das Gebiet zu besuchen. Die Nachfrage sei größer als die Zahl der erlaubten Reisen. Aber Monster gibt es hier nicht.

Verstümmelte Fehlgeburt eines Hundewelpens aus der Todeszone von Tschernobyl im Tschernobyl-Museum in Kiew

Dennoch ist etwa im Kiewer Tschernobyl-Museum zu sehen, wie verheerend die Strahlung auf ungeborenes Leben wirkt. Unter den vielen erschütternden Exponaten findet sich eine verstümmelte Fehlgeburt eines Hundewelpen. Insgesamt verbreitet die Ausstellung mit ihren vielen Fotos vom menschlichen Leid der Katastrophe eine Stimmung wie in einem Kriegsmuseum. Finberg betont, dass der Besuch hier für interessierte Ukraine-Besucher der erste und wohl wichtigste Ort für die Erinnerung an Tschernobyl sei.

Ulf Mauder, dpa

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