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Lena Rimpel (19) ist in Istanbul auf ihre Kosten gekommen.

Istanbul im Vater-Tochter-Test

Mit kulturbeflissenen Eltern eine Stadt zu besichtigen, kann für Kinder ganz schön nervig sein. Doch Klaus Rimpel und seine Tochter Lena haben die 14-Millionen-Metropole Istanbul besucht...

beide sind in Istanbul auf ihre Kosten gekommen sind – alt und jung.

Das sagt der Vater

Klaus Rimpel (47) in Istanbul

Dass uns der Muezzin frühmorgens weckt, das hatte ich in Istanbul ja erwartet. Aber in unserem Hotel direkt am Galata-Turm, dem Wahrzeichen des einstigen mondänen Europäer-Viertels Beyoglu, hören wir kurz nach den Rufen des Moschee-Vorbeters auch noch die Kirchenglocken der nahegelegenen katholischen Antonius-Kirche läuten! Istanbul widersetzt sich eben allen Klischees – und erfüllt sie im nächsten Moment doch wieder: Denn Momente aus 1001 Nacht kann man hier an der Grenze zwischen Europa und Asien genauso finden wie hypermoderne, verglaste Wolkenkratzer – oder eben katholische oder orthodoxe Gotteshäuser einträchtig nebeneinander.

Orientalisch einkaufen: Im über 500 Jahre alten Großen Basar gibt es 4000 Läden.

Wobei mich, einen Vertreter der Karl-May-Filme-Generation, 1001 Nacht viel mehr interessiert als die Moderne: Beim Flanieren durch den ägyptischen Gewürzmarkt wird meine Kara-Ben-Nemsi-Sehnsucht jedenfalls voll befriedigt. Den Duft von Anis oder Rosmarin in der Nase schlürfen wir dort Ayran – das leckere türkische Joghurtgetränk – und Schwarztee in einer winzigen, aber über und über mit Messingkannen, Wasserpfeifen und anderem orientalischem Schnickschnack ausgestatteten Imbissbude. Essensbestellungen reicht der Wirt der Mini-Gaststätte per Handy weiter – und kurze Zeit später eilt ein Kollege aus den Untiefen des Markt-Labyrinths mit einer Plastiktüte herbei, in der sich leckere Fleischtaschen oder Kebab-Spieße für uns verbergen.

Im Großen Basar, dem ältesten und größten Shopping-Center der Welt, findet jeder die Gassen für seinen Geschmack: Schmuck, Teppiche, alte Uhren… Mein Favorit ist jedenfalls der Büchermarkt, in dem man stundenlang in Bildbänden des alten Istanbul oder antiquarischen Stichen schmökern kann. Noch tiefer in die orientalische Märchenwelt eintauchen können wir dann bei der Besichtigung des größten Palastes des Osmanen-Reiches, dem Topkapi Saray. Auch wenn unser Reiseleiter klarstellt, dass die reale Welt des Palast-Harems doch ein wenig anders aussah, als in den erotischen Fantasien französischer Maler wie Ingres: Die blau-grünen Kacheln und das durch filigrane Glasmalereien gedämpfte Licht lassen auch den Touristen des 21. Jahrhunderts ahnen, wie die von Eunuchen bewachten Schönheiten hier noch bis ins 19. Jahrhundert gelebt haben.

Die schönsten Metropolen der Welt

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Die Eunuchen ließen keine Männer durch – und falls sich doch einer den Gemächern der Haremsdamen näherte, warnte ein Spiegel die Frauen rechtzeitig vor der streng verbotenen Begegnung mit dem anderen Geschlecht.

Der schönste Ort Istanbuls liegt jedoch unter der Erde: die Basilika-Zisterne. Der im 6. Jahrhundert erbaute Wasserspeicher unter der Hagia Sophia sieht mit seinen 336 im Wasser stehenden Säulen wie ein versunkener Palast aus.

Eine faszinierende Atmosphäre – weshalb die fast 9000 Quadratmeter riesige Zisterne auch schon als Dreh­ort für einen James-Bond-Film (Liebesgrüße aus Moskau) diente. Über hölzerne Stege spazieren wir an den effektvoll indirekt beleuchteten Säulen vorbei, einige der Sockel sind gruselige Medusenhäupter… Ein Ort, der Lena und mich gleichermaßen verzaubert – historische Stätten sind eben auch für junge Leute alles andere als langweilig!

Das sagt die Tochter

Türme über der Stadt: Blaue Moschee am Sultan-Ahmed-Platz.

Die Blaue Moschee ist schon beeindruckend – aber nach dem dritten Besuch in einem Gotteshaus wird diese Art von Istanbul-Sightseeing ein wenig langweilig. Dabei hat diese Stadt gerade für junge Leute viel mehr zu bieten als Moscheen und Paläste der Osmanen. In der Türkei liegt das Durchschnittsalter bei 27,7 Jahren – rund 15 weniger als in Deutschland. Entsprechend groß ist das Angebot in Istanbul für junge Leute: trendige Bars und Clubs, eine lebendige Kunst-Szene, Design-Studios…

Wie zum Beispiel das vielfach preisgekrönte Design- und Architektenbüro Autoban. Im noblen Viertel Besiktas, gegenüber vom Dabulyu-Hotel, können Istanbul-Besucher die schicken Stühle, Betten oder Tassen des Design-Büros bewundern, das sich ironisch nach der deutschen Autobahn benannt hat („Bei uns fehlt aber das H!“). Alt wird von den Designern geschickt mit neu verwoben – wie beispielsweise eine barocke Uhr mit hypermodernem Elektronik-Display.

Istanbuls Mekka für Liebhaber moderner Kunst ist das im Dezember 2004 gegründete Kunstmuseum Istanbul Modern: In einem alten Hafengebäude am Pier von Karaköy gibt es hier auf 8000 Quadratmetern Ausstellungsfläche nicht nur witzige türkische Video-Künstler, sondern auch international bekannte Namen wie Cindy Sherman. Das Beste am Museum ist aber das Museums-Café mit wunderbarer Terasse direkt am Bosporus! Hier könnte man den ganzen Tag sitzen, Tee schlürfen und Tankern und Frachtern zuschauen.

Nach so viel Kultur ist es dann aber höchste Zeit, sich mit ein bisschen weniger Hochgeistigem abzulenken: Shopping! Auf der Haupteinkaufsstraße, der Istiklal Caddesi im Stadtteil Beyoglu, gibt’s nicht nur die üblichen Läden wie H & M und Co., sondern auch die türkische Version der Levis-Jeans: Mavi.

Die Mavi-Gründer waren zunächst Zulieferer für die US-Jeans und dachten sich dann: Machen wir das Geschäft lieber selbst! Jetzt gibt es dort nicht nur schicke Jeans, sondern auch ganz besondere Mitbringsel: Mavi ließ Istanbul-T-Shirts von bekannten türkischen Modemachern und Künstlern designen – und dabei kam weit Originelleres heraus als das weltweite „I-love-New-York“-T-Shirt-Einerlei.

Shoppen macht hungrig: Bei der Konditorei Inci, ebenfalls auf der Istiklal Caddesi, wurden angeblich die Profiteroles erfunden. Aber egal ob man glaubt, dass wirklich die Türken und nicht die Italiener diese Windbeutel zuerst hergestellt haben: Die in Schokosauce geradezu ertrinkenden Profiteroles von Inci muss man probiert haben! Die Läden in Istanbul haben bis spät in die Nacht offen, und all die jungen Istanbuler, die sich nicht die schicken Clubs am Bosporus wie Reina oder Sortie leisten können, drängeln sich am Abend dann rund um die Istiklal Caddesi. In versteckten Passagen findet da jeder das Lokal nach seinem Geschmack: rustikale Gasthäuser, wo man sich das Effes-Bier schmecken lässt. Oder nüchtern-coole Bars, wo man Cocktails schlürfen kann.

Schlafen müsste man in Istanbul eigentlich nicht – aber frühmorgens weckt einen der Muezzin-Ruf – und Papa will ja wieder Moscheen und Paläste anschauen…

DIE REISE-INFOS ZU ISTANBUL

REISEZIEL Istanbul liegt auf beiden Seiten des Bosporus, der Meerenge zwischen Mittelmeer und Schwarzem Meer, und damit auf europäischem und asiatischem Boden. Die Stadt mit rund 14 Millionen Einwohnern ist die einzige Metropole der Welt, die auf zwei Kontinenten liegt.

ANREISE Lufthansa und Turkish Airlines fliegen mehrmals täglich von München zum Flughafen Istanbul Atatürk (24 Kilometer südwestlich des Zentrums). Der Flughafen Istanbul Sabiha Gökcen (rund 40 Kilometer östlich des Bosporus) wird von München aus von Pegasus Airlines und Sun Express angeflogen. Der Transfer vom Flughafen in die Stadt leidet meist unter den chaotischen Verkehrsverhältnissen und dauert entsprechend lange.

ANGEBOT Viele Veranstalter haben Istanbul-Städtereisen im Angebot. Studiosus beispielsweise bietet die fünftägige Städtereise ­Citylights Istanbul mit Flug ab München und Übernachtungen und Frühstück im zentral gelegenen Vier-Sterne-Hotel, mit allen Eintrittspreisen, einem Abendessen und Führungen ab 845 Euro pro Person (im DZ) an. Info und Buchung bei Studiosus, www.studiosus.com, Tel. 008 00/24 02 24 02 (kostenlos).

TIPP Früh aufstehen lohnt sich! Denn vor ­Istanbuls Hauptsehenswürdigkeiten, der Hagia Sophia und dem Topkapi-Palast, bilden sich spätestens ab 11 Uhr lange Schlangen. Geöffnet ist ab 9 Uhr.

MUSEUM Am 28. April wurde das „Museum der Unschuld“ von Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk eröffnet – das weltweit erste Museum zu einem Roman. Dort werden Alltagsgegenstände ausgestellt, die im Roman „Museum der Unschuld“ eine wichtige Rolle spielen. Adresse: Dalgic Cimazi 2, Beyoglu.

LESE-TIPPS REISEFÜHRER: Andrea Gorys: Istanbul, Dumont, 14,95 Euro, Merian: Istanbul, 7,95 Euro. HINTERGRUND: Kai Strittmater: Gebrauchsanweisung für Istanbul, Piper, 14,95 Euro. LITERARISCHES: Orhan Pamuk: Istanbul – Erinnerungen an eine Stadt, 9,95 Euro.

AUSKUNFT Allgemeine Informationen zum Reiseland Türkei beim Kultur- und Tourismus-Büro in Frankfurt, Tel. 069/23 30 81, Internet: www.tuerkei-tourismus-kultur.de; oder auf der deutschsprachigen Internetseite www.goturkey.com.

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