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In dem Felsenkeller-Labyrinth herrschen auch im August acht Grad - die perfekte Temperatur zur Gärung und Lagerung von Bier.

Kühle Unterwelt: Die Schwandorfer Felsenkeller

Bierkeller, Luftschutzbunker, Müllhalde - das Schwandorfer Felsenkeller-Labyrinth hat eine bewegte Geschichte. Archäologe Hans-Werner Robold hat sie wiederentdeckt - für Einheimische und Touristen.

Die Felsenkeller von Schwandorf (Oberpfalz)

Es ist kalt hier unten. Die kleine Besuchergruppe rückt enger zusammen. Ein Mann zieht den Reißverschluss seiner Jacke zu, ein Mädchen hüpft von einem Bein aufs andere. Im Schwandorfer Felsenkeller-Labyrinth in der Oberpfalz herrschen auch im August acht Grad - die perfekte Temperatur zur Gärung und Lagerung von Bier. Das fanden auch die Menschen am Ende des 15. Jahrhunderts - und schlugen die ersten Keller in den Eisensandstein des Schwandorfer Berges. Mit der Zeit entstanden immer mehr Räume. Heute gibt es regelmäßig Führungen durch die denkmalgeschützte Anlage.

Um 1850 habe es in Schwandorf etwa 80 sogenannte Brauberechtigte gegeben, sagt Felsenkellerführer Hans Hermann (61). “Das ist ganz schön rund gegangen. Bier wurde nicht getrunken - Bier war Nahrungsmittel.“ Auch Kinder seien damals “ordentliche Biertrinker“ gewesen. Später dann dienten die Räume als Kohle- oder Eiskeller sowie als Lagerstätte für etwa Kartoffeln, Rüben, Spirituosen, Würste und Kaffee - ein gefundenes Fressen für die “Kellerdiebe“ von 1931/32.

Diesen drei Langfingern verdanken es die heutigen Besucher, dass sie durch ein Felsenkeller-Labyrinth laufen können. Denn anfangs gab es zwischen den Räumen noch keine Verbindungen. Die Diebe brachen in die Unterwelt ein und schlugen mit schwerem Werkzeug Schlupflöcher in die Kellerwände - so verbanden sie etwa 60 der rund 130 Keller miteinander. “Eine Schweinearbeit“ müsse das gewesen sein, sagt Hermann. “Was die gestohlen haben, das haben sie sich hart verdient.“

Am Ende des 15. Jahrhunderts schlugen Menschen die ersten Keller in den Eisensandstein des Schwandorfer Berges.

Das eigentliche Labyrinth, wie es heute aussieht, hat allerdings der Archäologe und Felsenkeller-Beauftragte Hans-Werner Robold geschaffen. Der 58-Jährige ließ die schmalen Löcher zu Durchgängen erweitern und Ziegelbögen zur Sicherung errichten. Die Felsenkeller sind “sein Kind“, wie er gern sagt. Vor gut zwei Jahren waren die Sanierungsarbeiten abgeschlossen, aber schon 1999 führte Robold die ersten Besucher durch einen kleinen, gesicherten Bereich. Die Tour, der die Gruppen heute lauschen, hat er ausgearbeitet.

Viele Felsenkeller in der Region seien heute verfallen, sagt der Archäologe. Gegeben habe es sie in fast jeder Kommune, die einst Bier herstellte. Manche Keller seien zwar intakt, aber unverbunden. Die Verbindungen zwischen den Räumen machten die Schwandorfer Attraktion zu Bayerns größtem Felsenkeller-Labyrinth.

Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs dienten die Keller Tausenden als Luftschutzbunker. In der Nacht zum 17. April 1945 erlebte Schwandorf einen schweren Bombenangriff. “Die ganze Stadt hat gebrannt“, sagt Felsenkellerführer Hermann. 6000 Menschen drängten sich in den Räumen, viele von ihnen waren verletzt. Eine Schwandorfer Zeitzeugin habe ihm einmal während einer Führung erzählt, noch heute den Geruch verbrannten Menschenfleischs in der Nase zu haben, sagt er.

Nach dem Krieg wollte dann niemand mehr etwas von den Kellern wissen, zu traumatisch waren die Erinnerungen an die Zeit in der Unterwelt, an die wimmernden und schreienden Menschen, die ständige Kälte. So verkamen die Keller mit der Zeit - zur Müllhalde. “Alles, was an der Oberfläche gestört hat, wurde in die Felsenkeller geworfen“, erzählt Archäologe Robold. Und so fand er sie Ende der 90er Jahre denn auch vor - zugemüllt. 500 Kubikmeter an Schrott und Müll seien herausgeschafft worden - in etwa so viel wie in ein Einfamilienhaus passe.

Das Wissen um die Geschichte der Keller war kurz vor der Jahrtausendwende in Vergessenheit geraten. “Die Schwandorfer wussten noch nicht einmal mehr, dass es Gär- und Lagerkeller waren“, sagt Robold. “Die Keller waren nur noch Löcher im Berg, für die niemand mehr Verwendung hatte.“ Heute locken sie Besucher nach Schwandorf, von denen viele sonst vielleicht nie in das oberpfälzische Städtchen gekommen wären. 2010 waren es immerhin rund 12 000.

Christine Cornelius, dpa

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