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Kugelrobben allein am Strand von Helgoland.

Made im Speck

Sturm und Schietwetter herrscht im Winter auf den Inseln der Nordsee. Ideale Reisezeit? Auf Helgoland allemal. Im Dezember ist dort nämlich Babyzeit und zwar Robbenbaby-Zeit am Strand.

Und ein Blick in die großen Knopfaugen der kleinen Kerle lässt Sturm und mieses Wetter schnell vergessen.

Wenn sich Frank Gutzke an dieses Bild erinnert – die Seehund-Mama, die nach der Geburt ihres Babys völlig wider der Natur weiterhin vertraut mit dem Bullen zusammenlebte – dann wird ihm trotz kalter Nordsee-Böen ganz warm ums Herz. Normalerweise halten die Mütter die Väter nach der Geburt nämlich fern von den Babys. Hier aber wälzte sich der Alte aus dem Wasser und begrüßte sein Weibchen Nase an Nase – und fast sah es aus, als küssten sie sich. Rentner Gutzke, das Gesicht vom Wetter gegerbt, hält Wacht auf der Düne, der kleinen Sandinsel vor Helgoland.

Kleine Robbenbabys mit ihren Knopfaugen

Ab Dezember werfen hier die Kegelrobben ihre Jungen, und Gutzke und seine Kollegen vom Vogelschutzverein Jordsand achten darauf, dass sie dabei nicht zu sehr gestört werden. Lange Zeit galten Kegelrobben an deutschen Küsten als ausgestorben. 1989 kehrte die erste nach Helgoland zurück. Seitdem wächst der Bestand kontinuierlich. 31 Geburten wurden im vergangenen Jahr gezählt.

Die kleinen Robbenbabys mit ihren Knopfaugen sind eine Touristen-Attraktion. Doch verträgt sich der Wunsch der Besucher, den Tieren möglichst nahe zu kommen, nur begrenzt mit dem Bedürfnis der Tiermütter, ihre Kleinen ungestört großzuziehen. Damit die Gratwanderung gelingt, trotzen Gutzke und seine Kollegen täglich freiwillig kaltem Niesel und Böen. Von Helgoland setzen die Besucher mit einer kleinen Fähre zur Düne über. Dann stapfen sie los, querfeldein über die Sandstrände, die die 0,7 Qudratkilometer große Insel von drei Seiten einrahmen. Und da liegen sie schon, vereinzelt in Kuhlen und halb zugeweht: 60, 70 Zentimeter lange, regungslose dicke Maden.

Der Wind beißt, und manchmal befürchtet man, sie seien erfroren – bis einen aus dem Sand doch wieder zwei schwarze Kulleraugen anblicken. Die Mutter daneben, eine hellgraue, fast zwei Meter lange Speckrolle, hebt aufmerksam den spitzen Kopf. Und aus der Gischt am Meeressaum behält der Robbenvater, eine schwarzglänzende Walze von fünf Zentnern Lebensgewicht, sein Revier aufmerksam im Blick. Herumliegen, schlafen, saugen – junge Robben bersten nicht gerade vor Aktivität. Aber schließlich besteht ihre Hauptaufgabe darin, sich pro Tag ein Kilo Speck auf die Rippen zu saugen.

Helgoland ist ein Unikum

Manchmal wiegen sie sich auf dem Rücken oder robben, auf die Vorderflossen gestützt, wie tolpatschige Bundeswehrrekruten ein Stück durch den Sand. Näher als 30 Meter sollten sich Beobachter den Tieren nicht nähern. Verhält sich jemand gar zu penetrant, redet Gutzke schon mal Klartext: „Sie bleiben jetzt einfach mal ruhig stehen!“ Zwei drei Stunden – mehr Zeit verbringen nur wenige Besucher bei den Robben.

Typisch Helgoland: Die Hummerbuden.

Schließlich gilt es, auch Helgoland zu erkunden, dieses Unikum von einer Insel mit ihren alten Molen, dem Aufzug zwischen den Stadtteilen Unter- und Oberland und den Fußgängerzönchen voller Parfüm-, Tabakund Schnapsgeschäfte. Durchlöchert wie eine wurmstichige Planke, zerbombt, eingeebnet, aufgeschüttet – einem Teil der wechselvollen Vergangenheit des roten Sandsteinbrockens kommt man bei einer Bunkerführung auf die Spur.

Museum und Aquarium erzählen von der Geschichte der Hummerfischerei, und natürlich muss auch das Hochplateau auf dem drei Kilometer langen Klippenweg umrundet werden – je stürmischer das Wetter, desto besser. Der letzte Besuch aber gilt noch einmal den Robben.

Frank Gutzke wacht heute in der Nähe zweier Jungtiere. Sie sind schon ergraut und verlieren gerade die letzten Büschel des flauschigen Babyfells. Rund vier Wochen alt sind die beiden. Jeden Morgen kann es soweit sein, dass sie sich auf den Weg machen hinunter zur See. Das Vagabundenleben ruft, mit Ausflügen nach Schottland und Norwegen. „In fünf, sechs Jahren“, sagt Gutzke, „wenn sie sich die Hörner abgestoßen haben, kommen sie zurück nach Helgoland und gründen hier ihre eigene Familie.“

Franz Lerchenmüller

DIE REISE-INFOS ZU HELGOLAND

REISEZIEL Helgoland ist die einzige Hochseeinsel Deutschlands. Rund 70 Kilometer vom Festland entfernt erhebt sich der rote Buntsandstein-Felsen aus der Nordsee. Mit ihren rund 1400 Einwohnern gehört die Insel zum Kreis Pinneberg und damit zum Bundesland Schleswig-Holstein. Zu der nur etwa einen Quadratkilometer großen Hauptinsel, die an ihrer höchsten Stelle rund 60 Meter aus dem Wasser ragt, gehört auch eine vorgelagerte Badedüne.

ANREISE Mit Auto oder Bahn bis Cuxhaven. Die Fähre „Funny girl“ verkehrt im Winter viermal wöchentlich. Dauer der Überfahrt: 2,5 Stunden. Hin- und Rückfahrt: 43 Euro. Reederei Cassen Eils, Cuxhaven, Tel. 04721/32211, Internet: www.helgolandreisen.de
Auf Helgoland sind alle Weg zu Fuß zu erledigen. Zur Düne verkehrt eine Fähre stündlich (4 Euro).

WELCHER REISETYP Für Luftholer und Reise-Exoten, die gegen den Strom rudern und sich nach den Feiertagen mal so richtig durchpusten lassen wollen.

ROBBEN SCHAUEN Die Robbenbabys werden im Dezember und Januar geboren. Bis Mitte Februar sind auf den Dünen die Jungtiere zu beobachten.

VERANSTALTER Lamar Reisen bietet viertägige Reisen zur Robbenbeobachtung an, die neben zahlreichen anderen Aktivitäten auf Helgoland auch eine GPS-Schatzsuche für Kinder umfassen. Termine: 2.1. bis 5.1., Fotoreise: 3.1. bis 6.1., 7.1. bis 11.1.09, Ab 578 Euro. Tel. 040/ 5945-7064, www.lamar-reisen.de

PAUSCHALEN Im Winter gibt es dreitägige Kennenlernpauschalen ab 149 Euro. Helgoland Touristik, Tel. 01805/643737 (14 Cent/Min.), info@helgoland.de, www.helgoland.de

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