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„So schlecht war’s noch nie.“ Mehmet Tekerek (Mitte), Betreiber einer Wassersportanlage in Antalya.

Urlauber bleiben aus

Nach Anschlägen: Türkei-Tourismus bricht zusammen

Ein Urlaubsland ohne Urlauber: In der Türkei ist die Krise der Tourismus- Industrie deutlich zu spüren. Nach dem Anschlag von Istanbul rechnen die Einheimischen mit dem schlimmsten Jahr seit Jahrzehnten. Ein Besuch an den Traumstränden der Türkei, an denen kaum eine Liege besetzt ist.

Istanbul/Antalya – Vor der Wassersportanlage an der türkischen Riviera dümpeln zwei Jetski im türkisblauen Wasser. Mehrere Kanus liegen unbenutzt am Strand. Es ist Mittag, die Sonne brennt, und Mehmet Tekerek hat noch keinen einzigen Euro verdient: „Dieses Jahr ist die reinste Katastrophe. Es sind keine Touristen da.“

Der berühmte Konyaalti-Strand in Antalya: Ein Bild aus dem Jahr 2006, als noch Massen an internationalen Touristen zum Baden kamen.

Nach dem Anschlag in Istanbul mit mindestens 44 Toten bereitet sich das Land endgültig auf eine furchtbare Urlaubssaison vor. Erste Reiseveranstalter wie Thomas Cook, DER Touristik, FTI und Tui bieten ihren Kunden bereits an, gebuchte Reisen nach Istanbul kostenlos umzubuchen oder zu stornieren. Die Gastronomen und Hoteliers in der Hauptstadt werden schwer unter dem Anschlag leiden. Aber noch schlimmer ist es in den Urlaubs- und Strandregionen. Seit 15 Jahren sei er im Geschäft – aber so eine schlechte Saison habe er noch nie erlebt, sagt Mehmet Tekerek. Er sitzt in Shorts auf einem Drehstuhl. Von hier aus hat er einen guten Blick über den Strand, der bis auf einige Urlauber leer ist.

Der berühmte Konyaalti-Strand in Antalya: Eine aktuelle Aufnahme.

Dabei ist Konyaalti einer der bekanntesten Strände in Antalya. Normalerweise tummeln sich hier Urlauber aus Russland, Deutschland und anderen Ländern Europas. Doch dieses Jahr steckt der Tourismus in der Türkei in einer schweren Krise. Im Bezirk Belek, der fast ausschließlich vom Tourismus lebt, protestierten erst kürzlich Gewerbetreibende, weil sie wegen der Flaute ihre Mieten und Kredite nicht mehr zahlen können. Schon Ende des vergangenen Jahres blieben Besucher aus Russland weg, nachdem Präsident Wladimir Putin wegen des Abschusses eines Kampfflugzeuges Sanktionen gegen die Türkei beschlossen hatte. Damals hofften die Unternehmer, die eingebrochenen Zahlen mit Urlaubern aus Europa auszugleichen. Doch Anschläge wie der in Istanbul verunsichern viele. Auch die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK hat immer wieder angedroht, in Zukunft Urlauber anzugreifen – auch wenn das bisher noch nicht geschehen ist.

Diese Unsicherheit lässt sich an der Statistik ablesen. Laut dem türkischen Tourismus-Ministerium ist die Zahl der Besucher, die im Mai kamen, um 34,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat gesunken. Betrachtet man die Region Antalya, wo die Menschen hauptsächlich vom Tourismus leben, sind die Zahlen noch dramatischer. Türkische Medien berichten, in den ersten Juni-Wochen seien rund 59 Prozent weniger Besucher angekommen – 45 Prozent weniger Deutsche, fast keine Russen. „Schwarzer Juni“ titelten die Zeitungen.

Für Wassersportbetreiber Tekerek bedeuten diese Zahlen die drohende Pleite. 2015 habe er etwa 500 Euro am Tag umgesetzt. Nun seien es mal 100 Euro – und manchmal komme überhaupt kein Geld rein. Er zählt seine Ausgaben auf: Miete für den Liegeplatz, Steuern, Gehalt und Versicherung für seine Mitarbeiter. Von fünf Angestellten habe er vor Saisonbeginn zwei entlassen müssen. Mit dem Geld vom Sommer muss er eigentlich noch über den Winter kommen, erzählt Tekerek.

Schuld an der Misere ist seiner Meinung nach eine falsche Politik. „Ständig explodiert irgendetwas, und die Außenbeziehungen sind auch schlecht. Dann das Theater wegen der Armenien-Resolution.“ Seine Forderungen an die islamisch-konservativen AKP-Politiker sind deutlich: „Sie müssen ihre Beziehungen zu anderen Ländern verbessern, und sie müssen die Tourismus-Industrie stützen.“ Ähnlich klagen viele in der Region. Händler verkaufen nichts, Hotels werden ihre Zimmer nicht los und müssen mit den Preisen runter. Die Schuldzuweisungen sind immer dieselben: schlechte Außenpolitik, Terrorismus und ein schlechtes Image durch Präsident Erdogan.

Der weltgrößte Reisekonzern Tui schätzt derweil, dass er heuer mit einer Million Urlaubern nur rund halb so viele Gäste in die Türkei bringt wie 2015. Die Buchungen liegen bis jetzt 40 Prozent niedriger als im Vorjahr. Tui-Chef Fritz Joussen erwartet, dass manch türkischer Hotelier den Umsatzeinbruch nicht über längere Zeit aushält – und verkaufen muss. Für Hotel-Investoren könnte es dann Schnäppchen geben, vermutet er.

Im Ferienort Side, rund 60 Kilometer östlich von Antalya, ist es am Strand etwas lebendiger – glaubt man den Einheimischen, ist es jedoch totenstill im Vergleich zum Vorjahr. Hier machen vor allem Deutsche Urlaub. Viele der Touristen, die gerade hier sind, gelten schon als Stammgäste. Das Ehepaar Wackernagel aus Sachsen-Anhalt etwa ist zum zweiten Mal in der Türkei. „Viele haben Angst vor Terror, aber das kann überall passieren, deswegen haben wir uns nicht abschrecken lassen“, sagt Ingeborg Wackernagel, 72. Hajo Hayati Simsek ist Reiseführer in Side, er hat gerade fast nichts zu tun. Er sagt: „Nächste Saison wird sich garantiert was ändern. Die, die jetzt in Spanien oder Italien Urlaub machen – die werden die Freundlichkeit der Türken vermissen.“

Die Türken sind verzweifelt, aber wenigstens haben sie noch Hoffnung.

Auswärtiges Amt rät zu „erhöhter Vorsicht“

Das Auswärtige Amt rät allgemein in Istanbul, Ankara und anderen Großstädten der Türkei zu erhöhter Vorsicht – insbesondere an touristischen Attraktionen. Landesweit sei weiter mit Anschlägen zu rechnen. Reiserechtler Paul Degott rät Pauschalurlaubern, mit ihrem Veranstalter Kontakt aufzunehmen und zu erfragen, wie er die Situation vor Ort einschätzt. Wer eine gebuchte Türkeireise etwa nach Bodrum oder Antalya lieber stornieren oder umbuchen will, ist auf die Kulanz des Veranstalters angewiesen, solange es keine Reisewarnung des Auswärtigen Amts gibt. Die Angst vor Terror allein reiche nicht aus, um den Vertrag kostenlos zu kündigen, sagt Degott.

Von Mirjam Schmitt

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