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Rio kämpft vor der Austragung der olympischen Sommerspiele 2016 mit Umweltproblemen: "Wenn man nicht ins Wasser schaut: ein malerisches Ambiente."

Brasilien

Rio vor den Spielen: Umweltprobleme sind ein Ärgernis

Führende Baufirmen in einen Korruptionsskandal verwickelt, enorme Umweltprobleme in der Guanabara-Bucht und Sicherheitssorgen. In genau einem Jahr beginnen die ersten Olympischen Spiele in Südamerika. Rio soll zeigen: Brasilien kann es. Doch das Land ist im Krisenmodus.

Und dann schwimmt auch noch ein toter Hahn vorbei. Die Krallen nach oben, die Flügel ausgebreitet. Daneben treiben ein Plastiksack, Colaflaschen und weiße Styroporstücke im Wasser. Zum Schwimmen lädt es nicht ein. Es stinkt. Und der Ölfilm wäre für die Haut auch nicht förderlich. Wird das bis 2016 besser?

„Das Wasser ist so dunkel wie Coca Cola“, sagt der brasilianische Fischer Romario. (Symbolbild)

Das ist längst nicht das einzige Ärgernis für Staatspräsidentin Dilma Rousseff ein Jahr vor Eröffnung der Olympischen Spiele am 5. August 2016 in Rio. Romario steuert sein Boot leise tuckernd durch die Guanabara-Bucht, in Sichtweite des Zuckerhuts soll 2016 hier gesegelt werden. Wenn man nicht ins Wasser schaut: ein malerisches Ambiente. „Die Politiker sind nur interessiert an Bauten, die sichtbar sind, ein neues Stadion, eine neue Metro“, schimpft Romario. „Seit 40 Jahren gibt's jedes Jahr mehr Verschmutzung.“ Vom Fischfang kann er nicht mehr leben, man will auch keinen Fisch essen, der hier gefangen wird. Der Kanal, durch den die großen Schiffe zum Hafen fahren, ist das Hauptproblem. Durch den Verkehr wird das Wasser verunreinigt.

Etwas besser dürfte es für Langstreckenschwimmer und Triathleten aussehen, die vor der saubereren Copacabana-Bucht um Olympia-Gold kraulen werden. Beim Triathlon-Testlauf am Sonntag war das Wasser in Ordnung. Aber oft ist die Qualität von der Tagesströmung abhängig.

Das Misstrauen ist groß: Das Internationale Olympische Komitee will das Wasser nun selbst auf gesundheitsgefährdende Bakterien und Viren testen lassen. Die Fischer haben für die Sorgen der Olympioniken nur ein müdes Lächeln übrig - ihnen wird die Verdienstgrundlage entzogen.

"Ich habe hier noch keinen gesehen, der Müll rausfischt"

Freddson Dos Santos Ferreira taucht in einem kleinen Fischerboot mit seinem Bruder aus dem Schatten der großen Pötte auf. „Sie haben uns versprochen, dass die Bucht zu 80 Prozent sauberer wird. Ich habe hier noch keinen gesehen, der Müll rausfischt.“ Das Problem fängt schon im Supermarkt an. Dort gibt es beim Kauf von vier Flaschen Wasser vier Tüten, überall fliegt Plastikmüll herum und gelangt ins Meer - doch ein wirksames Plastikmüll-Vermeidungsprogramm fehlt.

Das Internationale Olympische Komitee will das Wasser in den Buchten Rios nun selbst auf gesundheitsgefährdende Bakterien und Viren testen lassen.

Und dann sind da die vielen Abwässer, die in die Bucht reingeleitet werden. „Das Wasser ist so dunkel wie Coca Cola“, meint Romario. Aber: Durch Olympia wächst auch der Druck, das Problem anzugehen. Ortswechsel, Treffen mit Leonardo Gryner, einem der lokalen Organisationschefs für Rio 2016. Er fährt mit dem Finger über ein wandfüllendes Bild der besagten Bucht. „Wir haben nie gesagt, dass die Guanabara-Bucht komplett sauber sein wird.“ Ziel ist es nun, dass 80 Prozent des Wassers behandelt werden - was nicht gleich gesäubert bedeutet. Auch ein Sofa sei schon rausgefischt worden, berichtet er.

Nachhaltige Spiele: Der Traum vom neuen Rio

Bürgermeister Eduardo Paes bietet jedem Wetten an, dass alles fertig und gut werden wird. Und Gryner betont: Durch die Spiele werde das Umweltproblem in der Bucht überhaupt erstmals richtig angegangen - das Argument zielt auf das große Oberthema ab: Nachhaltige Spiele. Vom neuen Rio wird geträumt, moderne Infrastruktur und neuer Wohnraum durch das Olympiadorf - sowie moderne Sportanlagen für den Nachwuchs.

Das Fecht- und Judo-Stadion soll nach Olympia in eine Schule für 1000 Schüler umgewandelt werden, die Kanu-Strecke in ein Freibad. „Wir wollen keine weißen Elefanten“, sagt Paes. Sprich Sportstätten, die viel Geld kosten und danach vergammeln. Aber auch so werden die Spiele fast elf Milliarden Euro kosten. 85 000 Sicherheitskräfte sollen Athleten und Gäste schützen. Favelas wurden befriedet, die Mordrate ist so niedrig wie seit 25 Jahren nicht mehr. Aber die Sicherheitsoffensive in der Stadt hat auch ihren Preis: Ein jetzt veröffentlichter Report von Amnesty International kommt zu dem Ergebnis, dass 5132 Tote seit 2005 auf das Konto der Polizei gingen.

Die Begeisterung für Olympia hält sich in Grenzen

Die Olympiabegeisterung hält sich in der Stadt bisher in Grenzen, aber eines scheint trotz Korruption und Kloaken sicher: Es wird dennoch schöne Bilder aus Rio de Janeiro geben.

Die Olympiabegeisterung hält sich in der Stadt bisher in Grenzen, fast jeden Tag gibt es den gleichen Aufmacher in den Zeitungen: Lava Jato, Lava Jato. Lava Jato. Noch nie gehört? Steht für die seit Monaten andauernde Polizeioperation, die schon Dutzende Industrielle und Politiker hinter Schloss und Riegel gebracht hat. Darunter den Chef des größten Baukonzerns Odebrecht, dieser baut auch wichtige Olympiaprojekte. Bei der Vergabe von Aufträgen - vor allem im Zusammenhang mit Bauten für den Petrobras-Konzern - soll über Jahre in Milliardenhöhe geschmiert worden seien. Laut Aussagen eines Ex-Petrobras-Direktors sollen bei überhöhten Vertragsabschlüssen zwei Prozent der Vertragssumme an die Arbeiterpartei von Präsidentin Dilma Rousseff geflossen sein. „Das Gute ist, dass die Policia Federal so durchgreift, es geht an die Wurzel der Korruption. Und alle haben nun Angst“, meint der Präsident einer wichtigen brasilianischen Stiftung.

Aber das ist auch ein Risiko für Rio: Können die Bauten alle fertig werden, wenn weitere Skandale öffentlich werden? Ohne die Metro zum 40 Kilometer von der Copacabana entfernten Olympiapark von Barra droht ein Verkehrschaos. Kann es wieder Proteste geben, wie vor der Fußball-WM? Der Unmut wächst bei vielen Bürgern, da die Wirtschaft auf Talfahrt ist und alles teurer wird, während die Spiele viel Steuergeld verschlingen. Inzwischen ist die Zustimmung zu Rousseff (7,7 Prozent) niedriger als die Inflationsrate (fast 9 Prozent).

Eine Lehrerin in Rio formuliert es so: „Mit dem Geld der armen Leuten werden Stadien gebaut, in die sie niemals hineingehen können.“ So sind erfolgreiche, fröhliche Spiele nicht ausgemacht. Nur eines scheint sicher, trotz Korruption und Kloaken: Es wird sicher schöne Bilder aus Rio de Janeiro geben. Auch aus der Guanabara-Bucht.

dpa

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