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Thassos: Zukunft für die Antike.

Wo Griechenland sich neu erfindet

Thassos: Eine Urlaubsinsel schaufelt sich aus der Krise

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Euro- Krise, Wirtschaftskrise, Beziehungskrise mit den Deutschen – auf Thassos, der nördlichsten Insel in der Ägäis, spüren sie das in jeder Pension: Die Gäste fehlen.

Es ist gerade nicht die große Zeit für griechische Inseln. Dafür hatten Menschen wie Thomas oder Thalia viel Zeit, um mit Christian Deutschländer, unserem Autor, einen zaghaften Blick in die Zukunft zu wagen.

Thassos, im Juli.

Thomas in der Ausgrabungsstätte Aliki.

Beim Zeus, was für ein Lärm in der Basilika! Jahrhundertelang nur Meeresrauschen und der Wind in den Kiefern, jetzt werkelt da einer mit dem Meißel, klopft, scharrt, stapelt, zerrt. Die Marmorsäule hinten steht schon wieder, strahlend weiß und nur ein bisschen schief. Thomas nickt zufrieden, legt die Geräte aus der Hand, lehnt sich auf die Reste der Apsismauer. „Es ist wie ein großes Puzzle“, sagt er. Ein Puzzle aus festem Stein und dehnbarer Religion. Vor zweieinhalb Jahrtausenden haben sie hier im Heiligtum Aliki, wo gerade Thomas’ Bohrer ruht, den Dioskuren gehuldigt, den Göttern der sicheren Seefahrt. Im weiteren Verlauf dem Apollon, relativ nahtlos den zwölf Aposteln. „Alte Griechen, Römer, Byzantiner – jede Kultur hat etwas aus dem Tempel gemacht“, sagt Thomas. Nur in den vergangenen Jahrzehnten, nach der Ausgrabung eines Teils vor 120 Jahren, ist alles verfallen, die letzten Säulen stürzten, die Meeresluft fraß am Stein. Thomas Kyriakidis, ergrauter Bart, ausgebleichte Weste, ist beauftragt, das Heiligtum zu retten.

„Es geht ums Bewahren“, erklärt er, „wir müssen es erhalten.“ Ein Jahr Zeit hat er zur Teilrestauration und zum Bau einer festen Zufahrt. Schließlich soll ja auch mal jemand vorbeikommen können zur Besichtigung. Theoretisch müsste ja eigentlich schon alles fertig sein, vorn am Feldweg steht eine schiefe EU-Tafel, der zufolge das Projekt bis 2013 erfolgreich mit 511 000 Euro gefördert und abgeschlossen wurde. Aber zwischen Theorie und Praxis klafft halt viel in Griechenland. Thomas soll beides wieder annähern.

Thalia in ihrer Taverne in Kinira.

Für die Historiker ist Aliki, die winzige Halbinsel im Südosten von Thassos, ein wichtiger Ort. Für die Touristiker ist es eine kleine Hoffnungsquelle, Urlauber anlocken und unterhalten zu können: ein Heiligtum, umrankt von blühendem Mohn, einen Möwenflügelschlag entfernt eine strahlend saubere Sandbucht mit Tavernen. So schön, dass sich Thomas jeden Abend aufs Neue darauf freut, dort staubig in die Wellen zu springen. „Wenn du mich in ein Büro steckst, gehe ich ein“, sagt er: „Das hier ist das Leben.“ Die Wahrheit ist leider auch: In Thassos, dicht vor der ostmakedonischen Küste, müssen sie zurzeit verdammt hart für ihr Leben arbeiten. Das grüne Eiland in Sichtweite der legendären Mönchsrepublik Athos lebt vom Fremdenverkehr. Die griechische Krise kostet Touristen. Die 15.000 Einheimischen können sich kaum den Tavernenbesuch leisten, die Deutschen zögern bei der Buchung. Die Gästezahlen seien heuer deutlich gesunken, berichten Wirte und Hoteliers. Lange könne es nicht mehr nach unten gehen, sagen sie, bald ist es eine Existenzfrage.

Irgendwie ist deshalb symptomatisch für die Griechen, was Thomas da treibt: Sie müssen sich neu erfinden, aus dem Bestand etwas Neues machen. Das Land, das für die Touristen früher genauso sein wollte wie sein Klischee – ein bisschen faul und gemütlich – will jetzt das Gegenteil verkörpern: fleißig, korrekt, bewahrend. Keine Bierdose ist mehr im Dorfsupermarkt zu kriegen, ohne dass einem energisch ein Kassenzettel mit Mehrwertsteuer in die Hand gedrückt wird – Gesetz, überwacht von Tarneinkäufern.

„Wir sagen, es gibt drei wichtige Dinge im Leben: Gesundheit, Freiheit, und jeden Morgen aufwachen mit einer Arbeit, die du liebst“, erklärt Thomas. Oha – nach dem alten Klischee hätte man ja viel unter den Top 3 der Griechen vermutet, ein Stamperl Ouzo zum Beispiel, aber „Arbeit“? Ein paar Kilometer weiter im Örtchen Kinira steht Thalia auf der Terrasse ihrer Taverne. Ihre Gäste haben gerade fantastische Mezze verdrückt, eine lange Folge von Vorspeisen, der Gipfel die luftgetrockneten Oktopusarme mit Zitronensaft. Natürlich kommt das Gespräch auf die Politik. Auch Thalia will weg von den Klischees: „Meine Mutter ist 58 und arbeitet hier von 6 bis 23 Uhr. Mein Vater steht um vier auf und fährt mit dem Boot raus.“ Sie selbst arbeitet Vollzeit, zieht gleichzeitig die Drillinge auf. Sie sagt nicht das F-Wort, aber sie meint es: Wir sind nicht faul hier, wir sind nicht die Pleitegriechen und Steuerschummler. Steuern? „Ja, aber nicht nur wir, sondern alle“, auch die Reichen. Für die Einwohner von Thassos spricht: Sie waren schon ein paar Mal weit unten. Vom Glück verfolgt ist die bergige und doch grüne Insel nicht gerade. Immer wieder wüteten Waldbrände im Landesinneren, fraßen sich durch die Landschaft. Ein Erdbeben letztes Jahr, dazu die Umwälzungen immer wieder im Tourismus: als die Balkanroute dicht war zum Beispiel und Tausende Camper ausblieben.

Man hat sich jedes Mal neu erfunden, neue Gäste gewonnen: Pauschaltouristen, Wanderer. Thassos hat den Vorteil, klein zu sein. „In kleineren Regionen wie bei uns“, erklärt mir ein Hotelier, „sind die Leute freundlicher. Fachwissen kann man lernen, Charakter nicht.“ Also packen sie an, jeder auf seine Weise. Bei Skala Prinos putzen sie gerade das winzige Olivenölmuseum heraus, streichen die alten Maschinen frisch. Die Nonnen im Kloster Michael-Archangelos sperren die Pforte auf, erweitern den Laden. Neben Ikonen gibt es jetzt auch Quittenschnaps, wahlweise beides im Doppelpack – einen Flachmann mit Bildnis der Gottesmutter.

Thomas schickt die Gäste derweil wieder aus dem Ausgrabungsfeld, Pause beendet, er will weitermeißeln. Und Thalia will sich wieder um ihre Gäste kümmern. Sie redet schonungslos über die Krise. Erzählt, wie man sich jedes Jahr Mut gemacht habe, wenn die Gästezahl immer weiter sank, keine Spur von griechischer Passt-schon- Schönfärberei. Thalia debattiert mit den Gästen über Vorurteile. „Griechenland“, sagt die junge, zierliche Frau energisch, „das sind nicht die zehn Leute, die du im Fernsehen siehst.“ Also Varoufakis und „die anderen neun irren Linken“. Thalia lehnt an einem Tavernenstuhl, kippelt, gestikuliert, kippelt weiter. Ein bisschen wie ganz Griechenland: nicht stabil, nicht umgefallen, in einem Kippelzustand in der Mitte.

 

Von Christian Deutschländer

 

Die Reise-Infos

Reiseziel: Thassos liegt im Nordosten Griechenlands in der Region Thrakien, etwa elf Kilometer von der ostmakedonischen Küste entfernt. Mit 380 Quadratkilometern ist die Insel etwa so groß wie das Stadtgebiet Münchens (310 Quadratkilometer).

Anreise: Den Flughafen Kavala auf dem Festland im griechischen Nordosten steuern mehrere Fluglinien an, unter anderem Air Berlin. Thessaloniki liegt anderthalb Autostunden entfernt. Autofähren pendeln zwischen dem Festland und Thassos – manchmal sogar mit Delfin-Begleitung. Auf der Insel führt eine 110 Kilometer lange Ringstraße durch alle Küstenorte.

Reisezeit: Zwischen Mai und Oktober, Hauptsaison Juli und August.

Reisetyp: Wanderer (zu erklimmen sind bis zu 1200 Meter hohe Berge), Familien, Neugierige, Ruhesucher. ZU SEHEN Die 2500 Jahre alte Stadtmauer von Limenas; Kastro, ein altes verlassenes Dorf auf 500 Metern Höhe im Inselinneren. Die Ausgrabung in Aliki im Osten kann derzeit nur von außen besichtigt werden.

Veranstalter: Rhomberg Reisen, eigentlich Korsika-Marktführer, hat Thassos relativ neu im Programm. Der Veranstalter bietet eine Woche zum Beispiel im Vier-Sterne- Hotel Alea Hotel & Suites im touristisch wenig berührten Westen bei Skala Prinos mit Flug ab München, Halbpension und Flughafentransfer ab 641 Euro. Aufpreis für All-inclusive- Verpflegung: 133 Euro pro Person. Kinderpauschale: 333 Euro pro Kind (2 bis 11 Jahre, unabhängig von der Aufenthaltsdauer).

Tipp: Thalias Taverne und Pension „Agorastos“ in Kinira.

Weitere Infos: Rhomberg-Servicehotline 0800/589 30 27 oder unter www.rhomberg-reisen.com.

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