Erdogan rüffelt Gabriel: "Beachten Sie Ihre Grenzen!"

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Dem Himmel besonders nah: Das „Pilegrimsrefugio“ liegt hoch auf einem Berg, von dem aus man einen spektakulären Blick ins Tal hat. Wer will, kann sich in der Hütte in ein Gästebuch eintragen.

Ich bleib’ dann mal weg

Unterwegs auf dem Olavsweg in Norwegen

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Der Jakobsweg im Sommer, das war gestern – der Olavsweg im Herbst, das ist was für Männer. Wer es wagt, kämpft vor allem gegen die rauen Gewalten der Natur.

Und er erfährt, dass die Suche nach Gott ziemlich gottverlassen sein kann. Ein Selbstversuch.

Jan Gunnar Hageliens Grinsen ist verräterisch. Zum Beispiel verrät es, dass er mich für übergeschnappt hält. „Du willst also pilgern?“ – „Genau.“ – „Es wird kalt da oben.“ – „Hab’ ich gehört.“ – „Und du wirst einsam sein.“ Jan Gunnar zippt den Reißverschluss seiner moosgrünen Winterjacke zu. Dann sagt er: „Ich würd’s ja nicht machen.“

So, denke ich, der Wikinger hat die Hosen voll. Ganz kalt lässt mich Jan Gunnars Warnung aber nicht. Immerhin ist der St. Olavsleden, über den wir da reden, sein Job. Der 46-Jährige ist so was wie der Wächter eines 180 Kilometer langen Abschnitts des uralten skandinavischen Pilgerwegs. Einmal im Jahr geht er ihn zur Kontrolle ab, von Lillehammer nach Norden, bis zu dem kleinen Ort Dovre. Zu seinem Job gehört es auch, sich um Touristen wie mich zu kümmern, selbst jetzt, Wochen nach Ende der Pilgersaison. „In meinem Job“, sagt Jan Gunnar und schaut mich an, „da trifft man schon seltsame Menschen.“

Männer unter sich: Wächter Hagelien (l.), Autor Mäckler.

Seltsam. Das Wort geht mir noch durch den Kopf, als ich mich auf den Weg mache – wenn auch nur für einen Tag. Jan Gunnar hat mich bei Syggards Grytting abgesetzt, einer historischen Pilgerherberge aus dem 13. Jahrhundert, die heute wieder bewirtschaftet ist. Hausherrin Helga macht tolle Suppe, steht im Gästebuch. Wurscht. Jetzt geht es erst mal rauf auf den Gipfel eines Berges, möglichst nahe ran an den Himmel. Wer pilgert, der sucht Gott. Der Blick vom Berg ins „Gudbrandstal“ hinein muss gewaltig sein.

Bis dahin also den roten Pfählen mit dem Pilgersymbol folgen, kann ja so schwer nicht sein. An einem kleinen Bach entlang stapfe ich gefühlt senkrecht nach oben, in Zeitlupe-Schritten, weil der Regen die Steine schmierig gemacht hat. Pfeilspitze Tropfen fallen mir hart und kalt in den Nacken, links und rechts frisst der graue Nebel langsam die Bergspitzen auf. Kann ja was werden, denke ich und stapfe und denke und stehe plötzlich vor einem Zaun. Ende Gelände. Irgendwo ein roter Pfahl? Nirgends. Keine Stunde unterwegs und schon gestrandet. Ich denke an Jan Gunnar und das, was er mir vorhin sagte: „Man muss schon ziemlich blöd sein, um sich hier zu verlaufen.“

Noch ein Schritt, noch einer

Ist dem alten König Olav sicher nicht passiert. Der kannte sich aus, schließlich trägt das Wegenetz, das sich insgesamt über 5000 Kilometer in Norwegen und Schweden erstreckt, seinen Namen. Die Geschichte ist historisch belegt: Als er aus dem Exil zurückkehrte, um seine Landsleute zu christianisieren, soll er genau die Routen des heutigen Pilgerweges genutzt haben. Nachdem er 1030 in einer Schlacht umgekommen war, wurde sein Leichnam nach Nidaros, das heute Trondheim heißt, gebracht. Über seinem Grab entstand dann der Nidarosdom, der noch heute das Ziel der Pilger ist.

Auch nass: ein Schaf.

Von Trondheim bin ich weit entfernt, aber immerhin habe ich auf den Pilgerweg zurückgefunden. Ein paar hundert Meter zurückgehen bis zum letzten Pfosten, mehr war es nicht. Inzwischen mischen sich Schneeflocken unter den Regen, die Luft wird eisiger und die Kapuze meiner verdammten Jacke weicht durch. Runter damit, Kopf nass, egal. Pilgern. Im Herbst. In Norwegen – ist halt ein Männersport.

Offenbar einer, den ich ganz alleine betreibe. Von anderen Pilgern habe ich bisher nämlich nichts gesehen. Nur eine Herde Schafe blökt an mir vorbei. Die sind ähnlich begossen wie ich – und ähnlich hungrig. Ein Schaf knabbert mir an der Jeans herum. Arme Viecher.

Menschen kommen lieber im Sommer, wenn der Blick zwischen den Bergen weit ins Land hinein geht und die Sonne das Tal baumkronengrün und flussblau färbt. Im vergangenen Jahr hat Jan Gunnar genau 661 gezählt, in diesem werden es rund 1000 sein. Die meisten von ihnen sind deutsche Frauen, 50 aufwärts, Lehrerinnen. Jan Gunnars Ziel ist es, noch mehr Menschen zum Pilgern zu bringen. In der Regierung soll mal die irrwitzige Zahl von 50.000 herumgegangen sein. Aber einen zweiten Jakobsweg wünschen sich hier nur wenige. Auch Jan Gunnar ist skeptisch. 2500 Pilger pro Jahr, damit könnte er leben.

Idylle in Grün-Grau: ein Blick ins nebelverhangene Gudbrandsdal.

Vor mir stürzt dieser Bach in die Tiefe. Mein Weg, der Olavsweg, führt über ihn hinweg, zwischen einzelnen Bäumen sind zwei blaue Seile gespannt, magere Hilfen, aber immerhin. Links und rechts nichts als Bäume. Der Regen hat den Bach anschwellen lassen, die glatten Steine im Wasser sehen unsicher aus. Bloß langsam machen, sage ich mir, bloß vorsichtig sein. Ein Schritt, Tritt fassen. Noch ein Schritt, noch einer.

Eine Jeans trocknet unfassbar langsam, eine Winter-Jacke schon schneller, ein Wollschal braucht mehrere Stunden. Komisch, was einem so durch den Kopf geht, wenn man in einem Bachbett liegt. Eiskaltes Wasser spritzt mir ins Gesicht. Die Steine waren dann doch zu glitschig. „Drecksbach, verdammter.“ Vielleicht bin ich einfach nicht gemacht für diesen Weg – mitten im Herbst.

Im Sommer bringt er Glück, so war es jedenfalls bei Jan Gunnar. Vor drei Jahren, da führte er eine Gruppe von Pilgern den Weg entlang. Und plötzlich stand sie da, diese Frau, deren Namen er lieber nicht sagen will. Nur so viel: „Heute ist sie meine Freundin.“ Der Olavsweg verbindet, manchmal für immer.

Niemals nach persönlichen Motiven fragen, das ist seine erste Regel.

Der Regen hat sich inzwischen in Schnee verwandelt, die Flocken fallen träge, meine Hose pappt speckig an den Beinen. Im Tal hat es zu dämmern begonnen, als einige Meter vor mir im Nebel Ruinen auftauchen, Baracken, von Regen und Stürmen und sonstige Gewalten völlig zerhauen. Nur in einer von ihnen sehe ich ein Bettgestell, darüber eine ausgebeulte Hose, am Boden eine leere Flasche, an der Decke eine einzelne Glühbirne. Der Wind pfeift und vor einer dieser Geisterbaracken tropft Wasser auf ein Wellblech, so metallen, so stetig, tropf, tropf, tropf... Rechts erhebt sich eine Felswand, gegen die der Nebel prallt. Ich muss an diese Skandinavien-Krimis denken, an solchen Orten passieren Morde.

Mein Handy klingelt. „Ja?“ – „Marcus, wo bist Du?“ – „Hallo, Jan. Gut, dass Du... Jan? Hallo?“

Pilgerstrecke: Die Karte zeigt den 643 Kilometer langen Gudbrandsdalsweg (rot) zwischen Oslo und Trondheim, ein norwegischer Teil des Olavswegs. Der ist insgesamt 5000 Kilometer lang.

Telefon tot. Etwas Blöderes kann einem oben am Berg kaum passieren, direkt bei diesem Haufen von Geisterbaracken. Früher waren das mal kleine Bauernhäuser. 50 Jahre her. Aber das erfahre ich erst später. Jetzt gehe ich lieber, schnell, schneller, durch die hohen Gräser, den schmalen Schotterpfad entlang. Und stehe auf einmal dort, wo der Blick nur noch eine Richtung kennt, die ins Tal, das weiß und grau und mächtig unter mir liegt. Ein Staudamm schneidet den Gudbrandstal-Fluss dort unten ab, die Gipfel der Berge sind von Nebenschwaden verdeckt. Bei klarem Wetter muss die Aussicht ein noch erhabeneres Erlebnis sein, dort oben, so nah bei Gott. Zumindest steht es hundertfach so oder ähnlich im Gästebuch, das in dem kleinen Unterstand hinter mir ausliegt.

„Wie gesagt, der Weg ist nicht für den Herbst gemacht“, sagt Jan Gunnar später im Auto und grinst wieder. Übrigens, sagt er dann noch, heiße er Per, nicht Jan.

Meine kleine Pilgertour, ein großes Desaster. Andere sind bessere Pilger. Das Laufen verändert sie. Warum genau die Leute zum St. Olavsweg kommen, weiß Jan, Mist: Per Gunnar nicht. Niemals nach persönlichen Motiven fragen, das ist seine erste Regel. Wenn die Leute aber von selbst erzählen, hört er zu.

Und eine Geschichte gibt es, die ihm nicht mehr aus dem Kopf geht. „Sie war ein fröhliches Mädchen“, sagt er. „Sie war zum Nordkap unterwegs.“ Anfang 20, älter war sie nicht. Einige Nächte lang blieb die junge Frau bei Wirtin Helga und ihrem Mann in Syggards Grytting – und zog dann weiter. Wochen später erreichte die Gastleute ein Brief der jungen Frau. Eigentlich, stand da, habe sie in ihrer Verzweiflung vom Nordkap springen wollen. Aber der Weg bis dorthin habe sie gerettet.

Von Marcus Mäckler

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