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Verspätung? Ab drei Stunden haben Fluggäste ein Recht auf Entschädigung.

Traumurlaub mit Ärgernis?

Flugverspätung: Wie Urlauber ihre Rechte durchsetzen

Wenn der Flieger in den Urlaub oder beim Rückflug Verspätung hat, haben Reisende in vielen Fällen Anspruch auf Entschädigung. Nach den Ferien beginnt der Ärger aber dann erst richtig. Denn dann geht der Papierkrieg mit der Airline los. So setzen Passagiere ihre Rechte durch.

Die Münchner Maike und Peter Heimfeld* haben sich monatelang auf ihren Traumurlaub gefreut. Elf Tage Karibik, Punta Cana in der Dominikanischen Republik. Das Paar aus Bogenhausen wollte entspannen, das Handy ausgeschaltet lassen und sich vom Alltag erholen. Doch der Urlaubsbeginn wurde zum Stress: Das Flugzeug, das sie eigentlich in zwölf Stunden in die Dominikanische Republik bringen sollte, startete in München mit sechs Stunden Verspätung. Die Wartezeit zog sich schier endlos hin, weil die Fluggesellschaft Condor Fragen unbeantwortet ließ. Der anschließende Flug war zwar in Ordnung aber „wir kamen erschöpft am Flughafen in Punta Cana an “, erinnert sich Peter Heimfeld. Und der Stress ging weiter: Teile des Gepäcks der Münchner waren beschädigt. Spät abends erreichten die Heimfelds ihr Hotel. Ein Koffer kaputt, die Kleidung schmutzig. „Wir wären am liebsten gleich wieder nach Hause geflogen“ erinnert sich Maike Heimfeld. „Und unsere ersten Urlaubstage waren praktisch verloren, weil wir uns um die Reinigung unserer Kleidung und um eine Entschädigung kümmern mussten.“

Maike Heimfeld wollte dafür eine Entschädigung haben. Sie klappte im Hotelzimmer ihren Laptop auf und recherchierte. Vom Reiseveranstalter wollte sie Antworten auf ihre Fragen und vor allem eine Entschädigung für ihren Verlust. Doch dort wurde sie hingehalten und bekam keine Auskunft. Die Münchnerin landete schließlich in einem Onlineforum, in dem sich Fluggäste mit ähnlichen Problemen austauschten. „Ich war nicht die Einzige auf der Suche nach Entschädigung“, erzählt Maike Heimfeld. Dort wurde der Factoring-Dienstleister EUflight.de empfohlen. Dem trat sie noch im Urlaub ihre Ansprüche gegenüber dem Betreiber in Höhe von 600 Euro pro Person für die Verspätung ab.

Einen Tag später überwies EUflight 65 Prozent der Gesamtforderungssumme abzüglich Mehrwertsteuer. Und wenn der Flugrechte-Dienstleister anschließend mit seiner Klage gegen Condor erfolgreich ist, und die volle Entschädigung in Höhe von 1200 Euro erhält, ist die Differenz sein Gewinn. Für Maike Heimfeld ist das in Ordnung, denn ihr war wichtig, „Rechte einzufordern, und endlich Ruhe zu haben.“

Ausgleichszahlung

Schon ab drei Stunden Verspätung haben Passagiere das Recht auf Entschädigung zwischen 250 und 600 Euro. Das regelt eine EU-Richtlinie. Verspätet sich der Flug im Rahmen einer Pauschalreise deutlich, können Urlauber den Reisepreis mindern. Die Höhe der Preisminderung richtet sich dann nach der Reisedauer: Der Reisepreis wird durch die Zahl der Urlaubstage geteilt, daraus ergibt sich der konkrete Anspruch. Auch die verspätete Ankunft in der Heimat schmälert das Urlaubserlebnis, eine Preisminderung ist dann ebenso gerechtfertigt. Bei einer Pauschalreise können Urlauber im Fall einer deutlichen Flugverspätung zusätzlich Schadenersatz wegen entgangener Urlaubsfreuden geltend machen. Das gilt allerdings nicht, wenn ein Streik der Grund für die Verzögerung war – denn in diesem Fall liegt höhere Gewalt vor.

Schlichtungsstelle

Hilfe bei der Durchsetzung dieser Ansprüche gibt es auch bei der Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personenverkehr (SÖP). Sie hilft bei Flug-, Bahn-, Bus- und Schiffsreisen – unabhängig davon, ob diese privat oder geschäftlich waren. Im vergangenen Jahr hat die SÖP mehr als 10 000 Streitfälle geschlichtet, im ersten Halbjahr 2016 waren es rund 5000 (siehe Kasten). Das geht allerdings nur, wenn man sich vorher an die Airline gewandt und um Erstattung gebeten hat. Infos und einen Musterbrief dazu gibt es auf der Webseite der SÖP. Doch so einfach ist das nicht: Meist stellen sich trotz einer eindeutigen Rechtslage die Fluggesellschaften taub und beantworten Briefe und Mails nicht. Auch behaupten sie gern, dass die Verspätung aufgrund von „Vogelschlag“ oder durch einen „medizinischen Notfall“ entstanden ist. Einem Passagier fällt es dann schwer, das Gegenteil zu beweisen.

Inkasso-Firmen

Deswegen und aufgrund der hohen möglichen finanziellen Entschädigungen hat sich in den vergangenen Jahren eine Branche von Schadenersatz-Helfern gebildet. Auch Inkasso-Firmen wie Refund.me, Flugrecht.de oder Fairplane.de unterstützen dabei. Sie verlangen alle im Schnitt 30 Prozent des Streitwerts als Provision – trotzdem muss der Fluggast bis zu zwölf Monate auf sein Geld warten – und geht manchmal sogar leer aus, wenn der Prozess gegen die Fluggesellschaft verloren wird.

Factoring-Firmen

Deshalb mischen auch Factoring-Firmen mit. Sie kaufen den Passagieren ihre Ansprüche ab, tragen dafür Kosten und Prozessrisiken. Nach Abzug des Honorars haben die Geschädigten innerhalb von 24 bis 48 Stunden die Restsumme der Entschädigung auf dem Konto. Ist der Dienstleister anschließend erfolglos vor Gericht, darf der Fluggast die Summe trotzdem behalten. Auf diesem Feld tummeln sich derzeit drei Konkurrenten: Flightright.de, wirkaufendeinenflug.de und EUflight. Laut Geschäftsführer Lars Watermann hat EUflight seit Mitte 2015 rund eine Million Euro an über 4000 Fluggäste ausgezahlt. Geschädigte können hier übrigens Flüge aus den vergangenen drei Jahren einreichen – egal ob sie privat oder geschäftlich unterwegs waren.

Maike und Peter Heimfeld haben alles richtig gemacht. Sie haben persönlich bei Condor nachgefragt und dann den Fall in professionelle Hände gegeben. Denn als Erstes gilt es, sich an die Fluggesellschaft oder den Vertragspartner zu wenden, und zwar „schriftlich und nachweisbar“, wie Juliane von Behren von der Verbraucherzentrale Bayern erläutert: „Am besten per Einwurfeinschreiben.“ Hierfür hält die Verbraucherzentrale Bayern verschiedene Musterbriefe auf ihrer Homepage bereit.

*Namen geändert aber der Redaktion bekannt

von Anja Steinbuch

Reiserecht: 20 Gründe für den Rücktritt

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