Viele ältere Menschen können sich gesunde Ernährung nicht leisten – statt einer warmen Mahlzeit am Tag gibt es oft nur eine trockene Scheibe Brot, statt frischem Gemüse nur günstige Tiefkühlkost.
+
Viele ältere Menschen können sich gesunde Ernährung nicht leisten – statt einer warmen Mahlzeit am Tag gibt es oft nur eine trockene Scheibe Brot, statt frischem Gemüse nur günstige Tiefkühlkost.

Spendenaktion

„Eine warme Mahlzeit ist mir zu teuer“

Gabriele Halberstadt, 67, ist arm. So arm, dass sie sie sich nicht einmal was Ordentliches zum Essen leisten kann. Wäre nicht die Spendenaktion unserer Zeitung – sie wüsste nicht weiter. Und müsste weiter hungern.

In den vergangenen Jahren wurde Gabriele Halberstadt immer dünner. Heute wiegt sie nur noch 47 Kilogramm. Seit langem kocht sie nicht mehr für sich. „Ich kann mir keine warme Mahlzeit leisten“, sagt sie leise. Dafür reicht ihre Rente nicht. Gabriele Halberstadt senkt den Blick. Sie schämt sich für ihre Armut.

Dabei gibt es für die Scham keinen Grund – Gabriele Halberstadt hat stets gearbeitet: Zunächst machte sie eine Ausbildung zur Großhandelskauffrau im Textilbereich. Später war sie in anderen Bereichen tätig, sie saß an der Kasse, hatte einen Büro-Job, zuletzt heuerte sie bei einer Putzfirma an. „Jeden Tag putzte ich sieben Stunden und bekam dafür 800 Euro“, erzählt sie heute. Nur als ihre Tochter noch klein war, da blieb sie bei dem Kind daheim – und zahlte in dieser Zeit nicht in die Rentenkasse ein. Die Folge: eine schmale Rente, die nicht zum Leben reicht.

Jetzt muss Gabriele Halberstadt sparen. Jeden Tag aufs Neue. Doch sie spart nicht nur an der Kleidung und hofft dann darauf, dass ihre Ex-Schwägerin ihr das ein oder andere Stück schenkt – sondern eben auch am Essen. An Lebensmitteln. An gesunder Ernährung, die vor allem im Alter sehr wichtig ist. Vor einigen Wochen, als sie dachte, nun gehe es wirklich nicht mehr weiter, sie schaffe das alles nicht mehr allein, da sind zwei kleine Wunder geschehen: Zuerst genehmigte ihr der Verein Lichtblick Seniorenhilfe, der ältere Menschen in Not unterstützt, Lebensmittelgutscheine, mit denen sie seither in einem bestimmten Lebensmittelgeschäft einkaufen darf. Und dann lernte sie eine Nachbarin kennen. Eine Frau mit Herz.

Diese Frau lebt mit ihrer erwachsenen Tochter und dem Enkelkind zusammen. „Sie bot an, für mich mitzukochen“, erzählt Gabriele Halberstadt – und kann es selbst noch kaum glauben. Nun gehen die beiden Frauen regelmäßig zusammen einkaufen, die Nachbarin bezahlt mit Geld, Gabriele Halberstadt mit Gutscheinen. Abends kocht die Nachbarin und bringt das Essen auf dem Tablett rüber. „Heute gab es Nudeln mit frischem Brokkoli, Soße und Salat. Und danach einen selbstgemachten Pudding“, schwärmt die Seniorin. „Stellen Sie sich das vor!“ Und: „Ich esse alles gerne, was meine Nachbarin kocht. Es sind alles meine Lieblingsgerichte.“

Eigentlich bot die Nachbarin an, gemeinsam bei ihr in der Wohnung zu essen. Aber Gabriele Halberstadt geniert sich ein bisschen. Vor allem wegen ihrer zitternden Hand: Manchmal fällt ihr deshalb das Essen von der Gabel herunter. Oder es landet nicht gleich beim ersten Versuch im Mund. Über Details will sie nicht reden. Auf jeden Fall bleibe sie aus diesem Grund bei den Mahlzeiten lieber allein.

Immerhin: Zumindest muss Gabriele Halberstadt jetzt nicht mehr hungern – und es gibt nun richtige, warme Mahlzeiten für sie. Sie isst inzwischen zweimal am Tag, in der Früh einen Toast mit Butter und Marmelade, abends etwas Warmes. Sie weiß genau, dass auch dies noch zu wenig ist, aber sie versucht sich ihre Not trotzdem schön zu reden: „Früher gab es nur einmal am Tag was zu essen“, sagt sie oft. Da holte sie sich dann manchmal in der Wirtschaft nebenan Nudeln mit Soße für 2,50 Euro.

Aber seitdem sich der gemeinnützige Verein Lichtblick Seniorenhilfe um sie kümmert, hat sich vieles geändert. „Jetzt schlafe ich nicht mehr bis Mittag, sondern stehe um halb neun auf, dann dusche ich und frühstücke schön. Den ganzen Tag freue ich mich auf das leckere Abendessen“, erzählt Gabriele Halberstadt. Seit kurzem quälen sie auch ihre Verdauungsprobleme nicht mehr ganz so stark. „Heute ging es mir so gut, ich war sogar draußen.“

Verfall durch falsche Ernährung

Viele Senioren leiden an Mangelernährung – mit üblen Folgen: „Der körperliche Verfall wird beschleunigt“, sagt Dr. Thomas Beier, Chefarzt der Geriatrie und Ärztlicher Direktor im Rotkreuzklinikum München.

Welche Gründe haben Essstörungen?

Dr. Thomas Beier, Chefarzt der Geriatrie und Ärztlicher Direktor im Rotkreuzklinikum München.

Die Ursachen sind vielfältig. Psychosoziale Faktoren spielen oft eine Rolle, wie Trauer, Einsamkeit, Depressionen. Manche Senioren leben in Armut und können sich keine Lebensmittel leisten. Auch Medikamente, die Appetitmangel oder Übelkeit auslösen, wirken sich negativ aus. Vor allem aber gilt: Im alternden Organismus wird der Energiebedarf geringer – Hunger, Durst und Appetit lassen nach, es treten Kau-, Schluck- und Verdauungsstörungen auf. Und: Der Geschmacksinn verändert sich.

Welche Folgen hat schlechte Ernährung?

Der körperliche Verfall tritt früher und schneller auf – und verursacht beispielsweise Muskelabbau, Atemnot, Kreislaufinstabilität und Kraftlosigkeit. Auch Blutarmut, die häufig im Alter von 75 bis 80 Jahren auftritt, kann eine Folge von Mangelernährung sein. Ursache ist oft ein Defizit von Eisen und Vitamin B12.

Im Alter reagiert unser Körper auf falsche Ernährung stärker ...

Ja. Bei niedriger Energiezufuhr – oder auch bei geringer Bewegung – baut der Organismus viel mehr ab als in mittleren und jungen Jahren. Liegt etwa ein älterer Mensch wegen einer Operation bei uns im Krankenhaus, achten wir darauf, dass er bei ausreichender Ernährung rasch wieder auf die Beine kommt. Der Muskulatur- und Substanzverlust darf nicht zu groß werden, damit der alternde Körper das Defizit wieder aufholt. Sonst kann der ursprüngliche Gesundheitszustand vielleicht nicht mehr hergestellt werden.

Wie sieht eine altersgerechte Ernährung aus?

Ausreichend, abwechslungsreich und über den Tag verteilt: drei Haupt- und zwei Zwischenmahlzeiten. Nehmen Sie sich Zeit für die Mahlzeit! Und: Schön angerichtet und in Gesellschaft macht das Essen mehr Spaß. Achten Sie auf viele Vitamine, Kohlenhydrate sowie Eiweiß. Und: trinken Sie genügend – etwa 25 Milliliter pro Kilogramm Körpergewicht. Am besten Mineralwasser, Kräuter- und Früchtetee oder verdünnten Fruchtsaft. Meiden Sie Alkohol, Fleisch, Wurst, Fett, Zucker und Salz. Kochen ist besser als Frittieren, und Vollkornprodukte sind besser als Feinmehlerzeugnisse.

Von Myriam F. Goetz

Nur eine Scheibe Brot

Viele ältere Menschen können sich gesunde Ernährung nicht leisten – statt einer warmen Mahlzeit am Tag gibt es oft nur eine trockene Scheibe Brot, statt frischem Gemüse nur günstige Tiefkühlkost. Dabei ist vor allem im Alter ungesunde Ernährung gefährlich, weil sie den körperlichen Verfall stark beschleunigt. Dass Senioren sich zudem schwer tun mit der Nahrungsaufnahme, liegt auch daran, dass die Körperfunktionen immer mehr nachlassen, wie Dr. Thomas Beier, Chefarzt der Geriatrie und Ärztlicher Direktor im Rotkreuzklinikum München, im Interview mit unserer Zeitung erklärt (siehe Randspalte). Er nennt hierfür ein Beispiel: „Jeder hat im Zirkus schon mal einen Artisten gesehen, der ein Glas Wasser im Handstand austrinkt. Die Speiseröhre transportiert dann das Wasser gegen die Schwerkraft nach oben. In fortgeschrittenem Alter wird dies dem Artisten nicht mehr gelingen – denn die Funktion der Speiseröhre lässt nach. Genauso ergeht es dem gesamten Verdauungstrakt. Die Folgen: Störungen der Verdauung und der Nährstoffaufnahme. Der Darm verliert an Elastizität, die Produktion von Verdauungssäften geht zurück. Hinzu kommt oft noch ein verminderter Speichelfluss, wodurch das Herunterschlucken weiter erschwert wird. All das verringert die Motivation zum Essen.“

Spendenaktion: Schenken auch Sie Würde

Bei der Aktion des Münchner Merkur und der Sparda-Bank München gegen Altersarmut können Sie eine Patenschaft für in Not geratene Senioren übernehmen. Eine Patenschaft kostet 35 Euro im Monat. Das Geld kann viertel-, halbjährlich oder für ein Jahr gespendet werden. Auch einmalige Spenden sind willkommen. Der Verein Lichtblick Seniorenhilfe leitet stets die volle Summe an die Bedürftigen weiter.

Überweisungen bitte aufs Konto 490 1010 des Vereins Lichtblick Seniorenhilfe (Balanstr. 45, 81669 München) Sparda-Bank München, BLZ 700 905 00. IBAN: DE 307 0090 50 0000 4901010 BIC: GENODEF1S04

Informationen gibt es beim Verein Lichtblick, Tel.: 089/67 97 10 10. Die E-Mail-Adresse lautet: info@lichtblick-sen.de. Für Ihre Spenden erhalten Sie eine Spendenquittung; geben Sie bitte Ihre Anschrift an.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare