Die Aufstiegshelden der 1995/96 Lenggrieser SC B-Jugend.
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Die Aufstiegshelden der 1995/96 Lenggrieser SC B-Jugend.

Paul Breitner gab sich am Ende als guter Verlierer

Lenggrieser SC: Breitner-Team im Endspiel geschlagen

  • vonWolfgang Stauner
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Die Lenggrieser Buam der B-Jugend besiegten im Aufstiegsfinale den TSV Brunnthal um Coach und Weltmeister Paul Breitner.

Lenggries – Aufstiegsduelle, Abstiegsschlachten, Derbys und Revierkämpfe – es gibt Spiele im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen, die bleiben unvergessen. Momente, an die sich alle Beteiligten und Hunderte von Fans am Spielfeldrand erinnern. Eines dieser denkwürdigen Spiele absolvierte der Lenggrieser SC am 27. Juni 1996. Aber nicht die erste Mannschaft war in diesem Fall Protagonist des kleinen Fußballwunders. Auch nicht die Reserve. Es war die B-Jugend, trainiert von Werner Weidele.

Die Nachwuchskicker aus dem Isarwinkel brachten innerhalb von vier Tagen ein dreifaches Kunststück zustande: Sie wurden am letzten Spieltag der Saison 1995/96 Kreismeister, entschieden in der darauffolgenden Woche auch das Aufstiegsspiel für sich und „besiegten“ dabei keinen Geringeren als Paul Breitner, einer der Protagonisten der Weltmeister-Elf von 1974. Der stand natürlich nicht selbst auf dem Platz, sondern trainierte den TSV Brunnthal. Die Brunnthaler um Breitners Sohn Max hatten in ihrer Miesbacher Gruppe im Prinzip keinen ernsthaften Gegner und den Titel bereits Wochen vor Saisonende eingefahren. Breitner hatte die fehlende Konkurrenz sogar in einer seiner Bild-Kolumnen angerissen.

Lenggrieser SC B-Jugend: Mit viel Mühe zum Aufstiegsmatch

Die Lenggrieser indessen mussten bis zur Schlussminute der Punktrunde kämpfen. In der 89. Minute des letzten Spieltags glückte Antreiber und Mittelfeldmotor Thomas Gerg das siegbringende 2:1 gegen den SV Sachsenkam. Der SVS hatte bis dahin die Tabelle angeführt – nun holte Gerg das Team aus den schönsten Titelträumen. „Die Sachsenkamer hatten damals eine saustarke Mannschaft und ein Unentschieden hätte ihnen gereicht. Mit dieser Meisterschaft hätten wir nie gerechnet“, beschreibt Weidele das unglaubliche Glücksgefühl.

Und es kam noch besser. Für den darauffolgenden Mittwoch war also das Aufstiegsmatch gegen Meister TSV Brunnthal angesetzt. Doch als der Lenggrieser Tross das neutrale Gelände des TSV Otterfing erreicht hatte, stockte dem Trainer der Atem: „Niemand war weit und breit zu sehen. Hatte ich mich beim Termin oder Austragungsort vertan?“ Keines von beidem. Wieder zuhause auf dem heimischen Sportplatz lieferte Vorsitzender Peter Heigl die Auflösung: Der Bayerische Fußball-Verband hatte die Partie von Mittwoch auf Donnerstag verlegt, da Breitner am Mittwochabend in London beim EM-Halbfinale Deutschland gegen England weilte, das die DFB-Elf im Elfmeterkrimi mit 6:5 besiegte. „In der Zeit vor Internet und Handy ist diese Mitteilung ziemlich spät kommuniziert worden, und wir waren schon unterwegs“, sagt Weidele, der sich heute darüber amüsieren kann.

Lenggrieser SC: Motivation hoch vor Duell mit Breitner-Team

Damals allerdings rückten der Trainer und seine Buam „entsprechend geladen“ nach Holzkirchen zum zweiten Anlauf aus. „Dass es gegen das Team von Paul Breitner ging, war für uns Burschen ein zusätzlicher Ansporn“, erinnert sich Thomas Gerg, der mit seinem Last-Minute-Tor dieses Aufstiegsduell erst ermöglicht hatte.

Doch zunächst hatten die Brunnthaler Oberwasser und erzielten die 1:0-Führung. „Unter gnädiger Mithilfe vom Schiri. Der hat grundsätzlich gegen uns gepfiffen“, ereifert sich Werner Weidele noch heute. „Aber den hab’ ich mir in der Pause gekauft!“ Von da an lief’s für die Isarwinkler. Jens Ladstätter glückte der Ausgleich, und der eingewechselte Georg Kögl stocherte die Kugel sogar zur 2:1-Führung über die Linie. Dabei blieb es, obwohl sich die Brunnthaler – von Breitner lautstark nach vorne getrieben – Chance um Chance herausspielten. „Ein Dutzend Hochkaräter waren das – mindestens“, erinnert sich Trainer Weidele. „Wir haben ein Riesenmassl gehabt, dass der Ausgleich nicht gefallen ist.“ Und Trainersohn Klausi, der im Kasten eine Glanzparade nach der anderen ablieferte.

Lenggrieser SC: Einem Mann weniger zum Aufstieg - Breitner enttäuscht

Denn in der hitzigen Schlussphase mussten die Lenggrieser mit einem Mann weniger auskommen. Der von den C-Junioren aufgerückte Marcus Meinecke war vom Platz geflogen. „Ich war Manndecker gegen den Brunnthaler Torschützen und hab’s wohl ein bissl übertrieben. Naja, Gott sei Dank ist nix mehr passiert“, berichtet der Youngster über die damals sehr aufgeheizte Atmosphäre auf und neben dem Platz. Die Lenggrieser Elf war von den Gegnern mehrmals als „Holzhacker-Truppe“ bezeichnet worden. „Natürlich waren wir den Brunnthalern technisch hoffnungslos unterlegen. Da hat man deutlich die Handschrift eines Weltmeisters gesehen. Aber das kämpferische Element hat an jenem Abend eben den Ausschlag gegeben“, feixt Meinecke.

Autogramme vom Weltmeister gab’s nach dem Schlusspfiff freilich nicht. „Breitner hat uns keines Blickes gewürdigt und ist stinksauer in die Kabine gestapft. Da schien es uns nicht geraten, noch ein Autogramm zu erbitten“, hat Meinecke in Erinnerung.

Historischer Sieg für den Lenggrieser SC

Klar, als Spieler Weltmeister, als Trainer Kreismeister – der Stachel saß tief. Immerhin hat der Lenggrieser Trainer einen Handschlag abbekommen: „Paul Breitner hat mir nach dem Schlusspfiff fair zum Sieg gratuliert“, erinnert sich Weidele. „Für seine Burschen war die Niederlage schwer zu begreifen. Sie saßen weinend auf dem Rasen des Holzkirchner Sportplatzes. Während meine Spieler den Erfolg überschwänglich feierten. Meine Buam hatten in erster Linie Weltmeister Paul Breitner besiegt, dann erst die Brunnthaler Junioren.“

Der Erfolg passte auch bestens zur Historie des Lenggrieser SC, der just in jenem Sommer sein 50-jähriges Bestehen feierte. Alle Nachwuchsmannschaften von der A- bis zur D-Jugend nahmen als Meister an den Feierlichkeiten teil.

Für einen Spieler war der Erfolg ein ganz besonderer, für den Torschützen Georg Kögl, der während der Saison vom Trainer nur sporadisch eingesetzt wurde. „Ich kann mich nicht erinnern, dass der Schorschi davor oder danach noch mal ein Tor geschossen hat“, sinniert Weidele. Manches muss man sich eben für besondere Anlässe aufheben.

(WOLFGANG STAUNER)

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