Die Meister-Mannschaft des SV Bad Tölz von 1978, die in die Bezirksliga aufstieg. 
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Die Meister-Mannschaft des SV Bad Tölz von 1978, die in die Bezirksliga aufstieg. 

Rupert Haimerl vom SV Bad Tölz über seine Karriere

Spiel um das „Tölzer Schild“: 5:4 nach 0:4

  • Patrick Staar
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Rupert Haimerl blieb dem SV Bad Tölz trotz vieler Angebote immer treu. Er blickt auf seine gesamte sportliche Laufbahn zurück, in der einige bekannte Gesichter vorkommen. 

Bad Tölz– Normalerweise haben die kleinen Fußballvereine gegen die finanzstarken Clubs keine Chance. Ab und zu gelingt es ihnen jedoch, binnen kürzester Zeit eine Vielzahl an herausragenden Fußballern herauszubringen. Dann sind außergewöhnliche Erfolge möglich – wie gerade der SV Bad Heilbrunn zeigt. Oder wie der SC Gaißach vor zwölf Jahren bewiesen hat. Oder der SV Bad Tölz vor gut 40 Jahren. Damals marschierten die Tölzer bis in die fünft-höchste deutsche Liga durch. Angeführt wurde die Mannschaft von Kapitän Rupert Haimerl, der während seiner kompletten Laufbahn in Tölz spielte – obwohl er das Zeug hatte, in weit höheren Ligen aufzulaufen. „Ich möchte die Zeit nicht missen“, sagt der heute 64-Jährige.

Haimerl: Eishockey die große Leidenschaft

Karriere hätte Haimerl in vielen Sportarten machen können. Möglicherweise im Eishockey, seiner großen Leidenschaft. In seiner Jugend spielte Haimerl mit seinen Klassenkameraden Peter Scharf, Werner Maier und den Rottluff-Brüdern. „Ich war kein Gramm schlechter als die“, sagt Haimerl. Der Unterschied: Scharf brachte es auf 138 Länderspiele, Maier und die beiden Rottluffs spielten allesamt in der 1. Bundesliga – und Haimerl kickte für den SV Bad Tölz. Warum es nicht mit dieser Karriere geklappt hat? „Ich hätte so gerne Eishockey gespielt, aber mein Vater hat mich nicht lassen“, sagt Haimerl. „Ihm war Eishockey zu hart, und er hatte Angst, dass mir die Zähne ausgeschlagen werden.“

Haimerl: Jugendmeister im Skifahren

Auch im Skifahren war Haimerl auf einem guten Weg. Er durfte in der Jahnschule immer 20 Minuten vor Ende den Unterricht verlassen, damit er den Bus nach Lenggries erreichen und am Brauneck trainieren konnte. 1971 wurde er am Arber Bayerischer Jugendmeister im Riesenslalom. „Ich hab’ damals 2,15 Meter große Ski gewonnen – und selbst war ich nur 1,50 Meter groß“, erzählt Haimerl lachend. Es folgte die Aufnahme in den deutschen Schüler-Kader, zu dem unter anderem Christa Zechmeister und Pamela Behr gehörten. Zechmeister gewann ein paar Jahre später den Slalom-Weltcup, Behr wurde WM-Silbermedaillen-Gewinnerin. Und Haimerl? Der kickte zur gleichen Zeit für den SV Bad Tölz. „Ich habe damals eine Lehre angefangen, konnte nur noch freitags trainieren – und damit hatte sich die Sache mit dem Skifahren erledigt“, erinnert sich der 64-Jährige.

Biathlon: Haimerl mit Cousin Fritz Fischer auf Augenhöhe

Eine Karriere wäre für Haimerl vielleicht auch im Biathlon drin gewesen. Der Tölzer erinnert sich an ein Rennen in Mittenwald, an dem er während seiner Zeit bei der Bundeswehr teilnahm. „Ich hab’ da mit einem Gewehr geschossen, das schon 50 Soldaten vor mir hatten und das wahrscheinlich schon 50 Mal in die Ecke geflogen war“, erzählt Haimerl schmunzelnd. Die Konsequenz: Bei 30 Versuchen schoss er 29 Mal daneben, „Und das, obwohl es da noch so Riesentafeln gab. Aber nicht mal die hab’ ich getroffen.“ Haimerl musste eine Strafrunde nach der anderen laufen, doch am Ende stand für ihn eine der besten Laufzeiten zu Buche. Das fiel den Vorgesetzten natürlich auf. Sie boten ihm ein Engagement als Berufssoldat und die Aufnahme in den neu gegründeten Ski-Zug in Bad Endorf an. Doch Haimerl sagte ab: „Ich habe mich mit einem Hauptmann überhaupt nicht verstanden, das hat keinen Spaß gemacht.“ Er sinniert, was passierte wäre, wenn er sich anders entschieden hätte: „Die Schießleistung hätte ich mit einem besseren Gewehr sicher verbessern können.“ Und läuferisch war er von seinem Cousin Fritz Fischer keine Welten entfernt. „Wenn ich anschaue, was der Fritz aus seinem Leben gemacht hat…“, sagt Haimerl mit Blick auf den Olympiasieger und ehemaligen Bundestrainer.

„Tölzer Schild“: TuS Geretsried plante schon Feier

Doch Haimerl wurde nicht Eishockeyspieler, Skifahrer oder Biathlet – sondern Fußballer. Und was für einer. Als Elfjähriger begann er beim SV mit dem Kicken und wurde unter Trainer Herbert Strasser Zugspitzmeister mit der Jugend. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihm das Spiel ums „Tölzer Schild“. Im Finale führte der TuS Geretsried 15 Minuten vor Schluss schon mit 4:0. „Da ist der Vorstand heimgefahren, um die Feier zu organisieren, die Geretsrieder haben ihren besten Stürmer ausgewechselt und einen Torwart mit Turnschuhen reingestellt.“ Doch dann begann es zu regnen. Haimerl schoss das 1:4, der Torhüter rutschte mit seinen Turnschuhen ein ums andere Mal aus, jeder Schuss war ein Treffer – und am Ende siegten die Tölzer mit 5:4 nach regulärer Spielzeit. „Schöne Momente“, sagt Haimerl.

Haimerl: Elfmeter aus 16 Meter

Unter die Kategorie „kurios“ fällt auch eine Begegnung mit dem FC Penzberg, in der es wie aus Kübeln goss. Haimerl sollte einen Elfmeter schießen, während der ganze 16-Meter-Raum unter Wasser stand. „Ich habe dem Schiedsrichter angeboten, dass ich den Elfer aus 16 Metern Entfernung schieße, aber der Schiri war ein sturer Hund.“ Seine Mitspieler und er kratzen den Schlamm zusammen und bauten ein Berg aus Gras und Erde, damit Haimerl den Elfmeter ausführen konnte. Noch beeindruckender war die Rückkehr in die Kabine: „Als wir die Treppen runter gegangen sind, sind uns unsere Schuhe entgegen geschwommen. In Penzberg war Hochwasser.“

Haimerl: Zwei Jahre in Folge in Relegation siegreich

Als 17-Jähriger durfte Haimerl das erste Mal bei der „Ersten“ trainieren und begegnete all seinen Idolen, wie etwa Albin Stiegelschmidt. „Ein begnadeter Spieler“, schwärmt Haimerl. Er selbst führte die Mannschaft dann in der vielleicht erfolgreichsten Ära der Vereinsgeschichte an. Einer der Höhepunkte war der Aufstieg in die Bezirksliga 1978. Im entscheidenden Relegationsspiel gegen die SG Hausham, das in Rottach-Egern ausgetragen wurde, verwandelte Haimerl in der 80. Minute einen an ihm verschuldeten Elfmeter. Ein Jahr später stand wieder ein Relegationsspiel an: Dieses Mal musste sich im Duell mit dem TSV Wolfratshausen entscheiden, wer aus der Bezirksliga absteigt. 1500 Zuschauer strömten ins Geretsrieder Isarau-Stadion, um das Entscheidungsspiel zu sehen. Am Ende jubelten die Tölzer: Sie siegten mit 2:1, Haimerl schoss das 1:0 – und seine Mannschaft durfte ein weiteres Jahr in der Bezirksliga antreten.

Haimerl: Zahlreiche bekannte Teamkollegen

In all den Jahren hatte Haimerl allerlei Prominenz als Teamkollegen, wie beispielsweise den ehemaligen Eishockey-Bundestrainer Hans Zach: „Kein so guter Fußballer – aber total trainingsbesessen“, erinnert sich Haimerl. Auch Lorenz Funk senior kickte für den SV: „Das war ein richtig guter Fußballer. Er hat mir gezeigt, wie man Flanken richtig schlägt.“ Torhüter bei den Tölzern war eine Zeitlang die Sportreporter-Legende Sigi Heinrich, bekannt als Kommentator bei „Eurosport“.

Haimerl: Nächster Schritt wäre möglich gewesen

Fußballerisch wäre für Haimerl sicher mehr drin gewesen als Bezirksliga, aber nur einmal dachte er über einen Vereinswechsel nach – als ihm Landesligist SpVgg Starnberg ein Vertragsangebot unterbreitete. Haimerl unterhielt sich über die Konditionen – und sagte dann dem damals hochklassigsten Verein im Oberland ab. „Ich hätte damals ein paar Mark verdienen können. Aber die Fahrerei war mir zu viel. Ich hatte einen VW Käfer, die Straßen waren noch nicht so gut ausgebaut, und ich wäre hin und zurück jeweils eine Stunde unterwegs gewesen.“ Wieder mal stellt sich die Frage, was für ihn drin gewesen wäre. Haimerl: „Wenn ich sehe, wer dann alles zu den FC Bayern-Amateuren gewechselt ist. Da wäre ich sicher nicht der Schlechteste gewesen.“

Haimerl: Gemeischaft der Schlüssel zum Erfolg des SV Bad Tölz

Heutzutage seien Vereinswechsel gang und gäbe, doch damals sei Vereinstreue groß geschrieben worden: „Ich bin damals in Tölz schief angeschaut worden, nur weil ich mit Starnberg gesprochen habe.“ Einerseits bereue er es, dass er nie den Sprung gewagt habe, „anderseits haben wir auch hier Riesenerfolge gefeiert und waren eine unwahrscheinlich verschworene Gemeinschaft“. Mit seinen Teamkollegen vom SV sei er „fünf-, sechsmal pro Woche“ unterwegs gewesen: „Wir sind gemeinsam zum Laufen und auf den Berg gegangen, haben auch noch hobbymäßig Fußball gespielt – das hat den Ausschlag gegeben, dass wir bis in die Bezirksliga gekommen sind.“

Haimerl: Nach der aktiven Karriere Trainer

Auch die Bezirksligaspiele hatten ihren Reiz. Allen voran die Duelle mit den Münchner Clubs mit Stars wie Gustl Jung (Deutscher Meister mit Bayern München 1969) und Rudi Zeiser (Deutscher Meister mit 1860 München im Jahr 1966). „Gegen die haben wir uns immer 120 Prozent reingehauen“, erinnert sich Haimerl, der nach seiner aktiven Karriere auch viele Jahre den Nachwuchs des SV und zweieinhalb Jahre die „Erste“ trainierte. Weitere Trainerstationen waren der FC Miesbach, den er bis auf Platz vier der Bezirksoberliga führte, und die SF Gmund.

Heute ist Haimerl allerdings nicht mehr Mitglied beim SV Bad Tölz, was finanzielle Gründe hatte. Gleich zweimal mussten seine Arbeitgeber Konkurs anmelden. Haimerl erhielt monatelang keinen Lohn. Dann verstarb auch noch der Chef seiner Frau. Zugleich mussten die Haimerls den Kredit für ihr Haus abzahlen. „Das waren harte Jahre“, erinnert sich der 64-Jährige. Um Geld zu sparen, kündigte er alle Vereinsmitgliedschaften – in Miesbach, Gmund, Bad Tölz und beim Alpenverein: „Das waren auch ein paar Euro pro Monat.“

Mittlerweile ist er Rentner, sein Leben hat sich längst stabilisiert, und er wohnt in einem traumhaft gelegenen Haus am Rande der Tölzer Karwendelsiedlung: „Alles, was man hier sieht, haben wir uns selber erschaffen“, sagt er mit etwas Stolz. Und das ganz ohne die mögliche Karriere als Profisportler.

Text:  PATRICK STAAR

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