Zweimal die Woche leitet Simon Eglseder das Atheltiktraining bei den Münchner Löwen.
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Zweimal die Woche leitet Simon Eglseder das Atheltiktraining bei den Münchner Löwen.

Der Atheltiktrainer des TSV 1860 München

Simon Eglseder trotzt Verletzungsodyssee - dank Sportwissenschaften

  • vonJulian Betzl
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Ebersbergs Flügelflitzer Simon Eglseder findet sein sportlich-berufliches Glück ausgerechnet in seiner frustrierenden Verletzungshistorie.

Antholing – Allenthalben wird in der Sportwelt in diesem abnormen Jahr „der mündige Athlet“ gefordert und gefördert. In Phasen von Kontaktbeschränkungen und geschlossenen Sportstätten impliziert das besonders die eigenverantwortliche Trainingsarbeit dieser modernen Sportlergattung. Auch zu Verbands- und Vereins-politischen Diskursen sollen die Sportlerinnen und Sportler zuweilen öffentlich frei Stellung beziehen (dürfen).

Einen Grau- bis Grenzbereich für Meinung, Mitsprache und konstruktive Kritik hat Simon Eglseder aus Antholing schon vor Jahren auf dem Trainingsplatz für sich ausgemacht. „Man will ja auch nicht immer der Klugscheißer in der Mannschaft sein!“

Simon Eglseder hat Odyssee hinter sich

Dass der 26-Jährige überhaupt wieder regelmäßiger auf dem Trainingsplatz des Fußball-Bezirksligisten TSV Ebersberg steht und ab und an fundiert „klugscheißt“, hat er den Erkenntnissen aus seinem ganz persönlichen Querfeldeinlauf durch sämtliche Teilgebiete der Sportwissenschaft zu verdanken. Extreme Hüft- und Muskelbeschwerden in seinem letzten Juniorenspieljahr schickten Eglseder vor etwa sieben Jahren auf eine wilde Odyssee, die bis heute andauert und nachwirkt.

Anfangs habe er den „üblichen Marathon“ durch die diversen Warte- und Behandlungszimmer von Physiotherapeuten, Orthopäden und Osteopathen absolviert, erzählt der antrittsstarke Flügelspieler, den seine Ebersberger Mitspieler auf dem Platz „Rakete“ rufen. „Aber nichts hat wirklich funktioniert.“ Weil die „Rakete“ Eglseder aber auch im zweiten Herrenjahr trotz diverser Therapiemethoden verletzungsgeplagt keine zweimal zündet, beginnt er die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Frust und Trotz sollten in Kombination mit seinem ungeheuren Wissensdurst ein explosives Gemisch ergeben, dass die „Rakete“ sowohl auf dem Spielfeld als auch beruflich voll durchstarten ließ.

Über Sportwissenschaften zum Erfolg

Etwa zwei Jahre lang durchpflügte Eglseder Internet, Fachliteratur, Studien, begann Sportwissenschaften zu studieren und hatte schließlich seine persönliche Erfolgsformel entdeckt: „Erfolgreich war für mich die Kombination aus aktiven Trainingsmethoden und dem grundlegenden Verständnis der Biomechanik meines Körpers.“

Vergangenen Sommer staunte die Bundesliga über die Transformation von Nationalspieler Leon Goretzka hin zum athletischen Kraftpaket. Bei Simon Eglseder hatte der gezielte Muskelaufbau zwar etwas länger gedauert, dennoch ähnlich durchschlagende Wirkung gezeigt. Lief er 2015/16 lediglich dreimal im Eber-Dress auf, zählte er in der darauffolgenden Spielzeit mit 27 Einsätzen und 1997 Spielminuten (zwei Tore) zu deren Dauerbrennern und Leistungsträgern. Längst gab er Trainingspläne und Übungstipps an Freunde, Mitspieler und Sportler in der Glonner WSV-Sportwelt weiter. Fast beiläufig wird Eglseder so zum Fitnesstrainer, erwirbt die klassischen Lizenzen und entwickelt für eines seiner Spezialgebiete, Rehabilitationstraining, eine individuelle Grundüberzeugung: „Das klassische Modell – ich gehe mit meiner Verletzung zum Therapeuten, lege mich auf die Liege und er fixt mich – ist veraltet.“ Stattdessen seien aktive Trainings- und Therapieansätze bei den meisten orthopädischen Beschwerden den passiven Behandlungsmethoden deutlich überlegen. „Außerdem werden Schmerzen nach aktuellem wissenschaftlichem Stand im biopsychosozialen Modell multidimensional betrachtet und nicht nur auf strukturelle Veränderungen reduziert.“

Komplexität von Verletzungen unterschätzt

Eglseders Erfahrung nach, würde die Komplexität rund um Verletzungen oder Schmerzen allgemein noch stark unterschätzt. Seine Überzeugungen von der „aktiven Trainingstherapie“ im Zusammenspiel mit den allgemeingültigen gesundheitlichen Benefits des moderaten Krafttrainings, will Simon Eglseder schon bald als Freiberufler mit seiner Kundschaft teilen.

Vorher muss er allerdings noch darüber grübeln, welche Berufsbezeichnung er sich auf seine Visitenkarten drucken lässt. „Ich bin breit aufgestellt.“ An akademischer Qualifikation soll es nicht scheitern. In zwei Masterstudiengängen ist Eglseder momentan eingeschrieben. Den englischsprachig anspruchsvollen Studiengang „Sport and Exercise Science“ an der TU München will er unbedingt abschließen. Beim Studiengang mit Schwerpunkt Sportpsychologie an seinem Zweitwohnsitz in Regensburg ist er sich noch unsicher. Zumal sich der Antholinger gleichzeitig noch in einer Osteopathen-Ausbildung befindet und bereits in seiner zweiten Saison als Athletik- und Rehatrainer beim TSV 1860 München in Teilzeit angestellt ist. „Da aber ohnehin gerade alles online stattfindet, habe ich den Umzug nach München vorerst aufgeschoben.“

Simon Eglseder: „Spiele dieses Saison durch“

Ob und wann sein eigener fußballerischer Weg endet, weiß Simon Eglseder ebenfalls noch nicht so genau. „Auch wenn die inzwischen eineinhalb Jahre Abstiegskampf zermürbend sind, spiele ich diese Saison auf jeden Fall durch.“

Abschließend muss die Frage erlaubt sein, ob ein Fachmann für Trainings- und Belastungssteuerung im Amateurbereich den inneren Klugscheißer während einer Trainingseinheit einfach abschalten kann? „Unser Trainer Tom Wolff ist diesbezüglich sehr aufgeschlossen. Grundsätzlich mache ich mir natürlich meine Gedanken und teile mich mit, wenn extreme Belastungen zum falschen Trainingszeitpunkt grob fahrlässig wären. Aber so eng sehe ich es dann auch nicht, und bisher habe ich noch bei jedem Trainer alles mitgemacht. Auch gelegentliche Quatschsachen.“ 

Was genau macht eigentlich ein Athletik- und Rehatrainer im Leistungsfußball?

Simon Eglseder: „Beim TSV 1860 München bin ich zwei Tage pro Woche in Teilzeit für die U19- und U21-Mannschaften für zwei Kernbereiche zuständig. Als Athletiktrainer arbeite ich meistens mit der gesamten Mannschaft entweder an den Basics des Krafttrainings im Kraftraum; beim Aufwärmen vor der Trainingseinheit an der Beweglichkeit; oder an der Schnelligkeit in den Bereichen Agilität, Richtungswechsel und Sprints. Als Rehatrainer arbeite ich in Abstimmung mit unseren Ärzten und Physiotherapeuten hauptsächlich mit einzelnen Spielern. Ein verletzter Spieler macht mit mir einen Termin aus und wir erstellen einen Trainingsplan, um ihn möglichst schnell wieder ins Mannschaftstraining zu bekommen. Angefangen mit speziellen Stabilisierungs- und Mobilisierungsübungen der verletzten Bereiche, über den Wiederaufbau der Muskulatur, der Beseitigung grundsätzlicher körperlicher Defizite, hin zu sportartspezifischen Trainingsinhalten.

Sprich: Plyometrischen Übungen für die Sprungkraft in Kombination mit Ballübungen. Der Wert eines guten Athletikund Rehatrainers bemisst sich daran, dass verletzte Spieler nach der Rehabilitationsphase stärker, besser und schneller zurückkommen und ihre Schwachstellen behoben haben. Dann gibt es Lob von Spielern und Trainern gleichermaßen. Momentan können Corona-bedingt bei den Löwen ab der U17 aufwärts alle Teams unter Hygiene-Maßnahmen Mannschaftstraining durchführen. Das Krafttraining muss draußen stattfinden. Da die meisten Spieler aber auf diesem Niveau sehr ambitioniert sind und ein bisschen Trainingsequipment zuhause haben, haben mich viele auch wegen eines individuellen Extra-Trainingsplans „fürs Kinderzimmer“ angeschrieben. Schon im Frühjahr haben wir gelernt, dass sogar isolierte Quarantäne-Situationen eine gute Zeit sind, um physische Defizite aufzuarbeiten.“

(Julian Betzl)

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