Am Boden: Auch die Fußballer des SV Anzing müssen vorerst auf Fußballspiele und Training verzichten.
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Am Boden: Auch die Fußballer des SV Anzing müssen vorerst auf Fußballspiele und Training verzichten. 

Erste Verdachtsfälle auf eine Infektion

SV Anzing und VfB Forstinning stellen Spielbetrieb ein

  • vonJulian Betzl
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Das Coronavirus betrifft auch einige Vereine aus dem Landkreis Ebersberg. Der SV Anzing und der VfB Forstinning stellen den Spiel- und Trainingsbetrieb ein.

Landkreis – Aktuell beherrscht das Coronavirus weltweit die Schlagzeilen. Während sich die mittel- und langfristigen Auswirkungen der „SARS-CoV-2-Pandemie“ auf die globale Politik und Wirtschaft von Experten derzeit höchstens erahnen lassen, die Prognosen zu Infizierungszahlen von Land zu Land variieren und die Gesundheitssysteme maximal auf den Prüfstand stellen, stehen nun auch Sportvereine vor der Entscheidung, ihren Betrieb ganz oder in Teilen einzustellen.

Ehrenamtliche Trainer, Abteilungsleiter und Vorsitzende stehen allerorten vor Fragen, deren Antwort in jedem Fall weite Teile der jeweiligen Kommune betreffen. Wie regieren auf Verdachtsfälle? Schon vorsorglich den Trainings-, oder sogar Spielbetrieb einstellen? Trainingslager, ja oder nein? „Wir wissen einfach nicht, was morgen ist“, sagt Helmut Furtmair. Mit dieser Feststellung bringt der Fußballabteilungsleiter des SV Anzing das Dilemma, in dem die Vereinsverantwortlichen da gerade stecken, ziemlich gut auf den Punkt.

SV Anzing und VfB Forstinning stellen Spiel- und Trainingsbetrieb ein

Beim SV Anzing und dem Nachbarverein VfB Forstinning ist vorgestern unabhängig voneinander der jeweils erste Verdachtsfall in Reihen der Fußballherren im Landkreis Ebersberg bekannt geworden (siehe auch Artikel unten). Daraufhin haben sich beide Vereine mit dem zuständigen Gesundheitsamt sowie dem Bayerischen Fußball-Verband (BFV) in Verbindung gesetzt und in Absprache den Spiel- und Trainingsbetrieb bis zum Sonntag, 22. März, ausgesetzt. Der VfB für alle seine Herren- und Jugendteams, der SVA für seine Herren und Teile seiner Nachwuchsmannschaften. „Damit haben wir unserer Sorgfaltspflicht als Verantwortliche Genüge getan“, sagt Forstinnings Abteilungsleiter Thomas Herndl. „Und ich muss mir auch selbst den Rücken freihalten, um mir später nicht Versäumnisse nachsagen zu lassen.“

Helmut Furtmair aus Anzing besorgt weniger die Auszeit der Fußballer per se als vielmehr die Außenwirkung und der Umgang damit: „Das ist ein schwieriges Thema, das nur Unmut verbreitet. Die Panik ist ja nicht der Virus, sondern was wir daraus machen.“

Absagen als reine Vorsichtsmaßnahmen

Eine vorläufige Aussetzung der sportlichen Vereinsaktivitäten oder auch der gestern abgesagten Abteilungsversammlung, „ist eine reine Vorsichtsmaßnahme“. Rein sachlich. Nicht mehr und nicht weniger. Nur medial und gesellschaftlich würden sich die Ereignisse und Spekulationen diesbezüglich „momentan überschlagen“. Dabei – da sind sich Furtmair und Herndl einig – sind lange Diskussionen oder gar Zweifel über die Umsetzung solcher Vorsichtsmaßnahmen im Amateursport geradezu trivial im Vergleich zu den kontextuell drängenden sozioökonomischen Fragen und Problemen der Bevölkerung allgemein.

Während der Profisport auch außerhalb Italiens bereits mit Turnierabsagen (siehe Tennis), vorläufig eingestelltem Ligabetrieb (NBA) oder gar Saisonabbrüchen (DEL, DEL 2, Bayernliga) reagiert hat, sieht BFV-Präsident Rainer Koch von derlei „Pauschalabsagen“ im Amateurfußball ab. Besonders der Vergleich zur DEL hinke, sagte Koch im Interview mit BR24: „Die Play-offs der Bundesliga betreffen einige wenige Profispielstandorte. Das, was wir machen ist das tägliche Miteinander von Menschen vor Ort, vor wenigen Zuschauern in aller Regel, gerade im Jugendfußball. Und deswegen muss das schon individuell entschieden werden und sorgsam bedacht werden.“

In jedem Verein werden Krisenmanager „geboren“

Damit stehen die Vereinsverantwortlichen vorerst wöchentlich und für jede ihrer Jugend- und Seniorenmannschaften vor der schwierigen Entscheidung: Absagen, oder spielen? Von den vielen Nachfragen der Trainer, Spieler und Eltern ganz zu schweigen, die sie ohnehin kaum fundiert beantworten könnten. Gleichzeitig sollen alle bayerischen Fußballabteilungen einer Anordnung des BFV Folge leisten, „aktiv zu prüfen, ob es Spieler oder Spielerinnen in ihren Mannschaften gibt, die in den vergangenen 14 Tagen, also seit dem 21. Februar 2020, aus einem Risikogebiet zurückgekehrt sind“.

In ständigem Dialog mit Gesundheitsamt, BFV, Trainern, Eltern und Spielern werden dadurch in jedem Verein Krisenmanager „geboren“, die neben dem Beruf durchaus bald an Belastungsgrenzen stoßen könnten. „Wir haben viele Schüler in verschiedenen Schulen, die vereinzelt nicht trainieren dürfen. Das ständig im Auge zu behalten, ist ein unwahrscheinlicher Aufwand“, sagt Ludwig Auer, Fußballabteilungsleiter beim TSV Poing.

TSV Poings Rückrundenauftakt fürs Wochenende auch abgesagt

Auch der Rückrundenauftakt der Poinger Herren wurde für dieses Wochenende abgesagt. „Eine reine Vorsichtsmaßnahme innerhalb der 14-tägigen Karenzzeit, weil wir in einer Krisenregion im Trainingslager waren. Wir haben keinen Verdachtsfall, halten uns aber an die Vorgabe des BFV. Das Spiel gegenMoosach am kommenden Donnerstag wird aber stattfinden.“ Allerdings will Auer nicht ausschließen, dass bei einem vereinsinternen „Krisen-Meeting“ kommenden Montag gegebenenfalls der gesamte Spielbetrieb beim TSV ausgesetzt wird.

Warum der BFV seinen Mitgliedern derlei Entscheidungen nicht mit einem generellen Ausstand abnimmt und damit vorübergehend eine einheitliche Regelung für den Amateurfußball schafft, begründet Präsident Koch im Interview mit BR24 so: „Gesundheit hat die höchste Bedeutung. Aber was in puncto Gesundheit in unserer Gesellschaft wichtig und entscheidend ist, beurteilen die Gesundheitsämter oder die Kommunen. Und deren Vorgaben werden vollständig befolgt.“

BFV-Kreisspielleiter Slawinski: „Ich kann nur empfehlen, schon bei dem geringsten Verdacht die Spiele abzusagen“

In vielen Spielklassen wird sich eine Zerstückelung der Meisterkämpfe nicht mehr vermeiden lassen, weiß auch Bernhard Slawinski, BFV-Kreisspielleiter München. „Gerade der Großraum München ist aktuell sehr stark betroffen. Im Moment müssen wir die Lage von Tag zu Tag neu einsehen.“ Sollte sich die Verbandsspitze demnächst doch auf ein vorzeitiges Saisonaus verständigen, wäre für die Fußballer die Frage nach Auf- und Abstiegsregelung am drängendsten.

Nur gibt Slawinski zu: „Es gibt keinen Plan B. So eine Situation hatten wir noch nie und haben auch im Verband keine Spezialisten, die die Lage in irgendeine Richtung einschätzen können. Es gibt ja auch von Amtsseite bei uns noch keine dringende Empfehlung, Sportanlagen zu schließen.“

Praktisch handhabe er die vielen Vereinsanfragen gerade so: „Ich kann nur empfehlen, schon bei dem geringsten Verdacht die Spiele abzusagen. In diesem Zusammenhang wird auch nicht mehr groß nachgefragt“, erklärt Slawinski. Während der Fußball-Verband die Verantwortlichkeit in puncto Spielabsage auf die Einzelfallprüfung der Vereine beziehungsweise der örtlichen Behörden abschiebt, müssen derweil die Ehrenamtler ständig zwischen Spieltrieb, Risiko und Sorgfaltspflicht abwägen. Soweit der Stand der Dinge von Donnerstagnachmittag.

Text: Julian Betzl

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