Die Tasmania aus Berlin diente wohl dem ein oder anderen Amateurverein als Vorbild.
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Die Tasmania aus Berlin diente wohl dem ein oder anderen Amateurverein als Vorbild.

Fünf Beispiele aus dem Landkreis

Kreis Erding: Vorbild Schalke 04 - Eine Saison als Prügelknabe

  • Dieter Priglmeir
    vonDieter Priglmeir
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Der FC Schalke 04 ist aktuell das Beispiel für eine absolute Horrorsaison. Auch im Landkreis Erding gab es schon ähnliche Spielzeiten im Amateurbereich.

Erding Zehn Punkte aus 26 Spielen, 69 Gegentore – der FC Schalke 04 spielt die grauenvollste Saison seiner Geschichte. Wie konnte es nur so weit kommen?, fragen sich die Fußballfans in ganz Deutschland. Nun, im Landkreis Erding haben wir ein paar Fachleute, die aus eigener Erfahrung wissen: So eine Kacksaison kann schon mal passieren. Fünf Beispiele aus den vergangenen Jahren.

FC Grünbach: Von der Mannschaft erpresst

Sechs Punkte und 92 Gegentore in 24 Spielen – die Saison 2014/15 war für den FC Grünbach die vorerst letzte in der A-Klasse. Ein Jahr später rutsche die Mannschaft sogar noch runter in die C-Klasse. Aber für den Verein zählte die A-Klassen-Saison zur dunkelsten Stunde seiner Historie. Im Jahr zuvor war man nach 20 Jahren endlich mal wieder aufgestiegen. „Es herrschte eine Rieseneuphorie. Die Mannschaft ist mit Bulldog und Anhänger durch den ganzen Ort gefahren und hat gefeiert“, erzählt Jürgen Petermeier. Der heute 48-Jährige ist sich sicher: „Wir hätten locker das Niveau für die A-Klasse gehabt, aber wenn du nie trainierst, kannst du auch nicht gewinnen.“ Wichtig ist ihm auch noch: „Am Trainer hat es nicht gelegen. Der ist auch machtlos, wenn die Spieler sich einfach nicht mehr blicken lassen.“

Petermeier erzählt von Grüppchenbildungen und einem tiefen Zerwürfnis zwischen Vorstand und Mannschaft, „die uns schlichtweg erpressen wollte“. Erpressen? „Wenn wir das dies und das nicht machen, dann spielen sie nicht.“ Die Spieler mäkelten an den Trikots rum. Bei der Jahreshauptversammlung stand einer auf und erzählte, man müsse die eigenen Bälle mitbringen, weil die vereinseigenen nicht zu gebrauchen seien. „Das war komisch“, findet Petermeier, „in Moosinning und Schwaig haben sie mit den gleichen Bällen gespielt, aber für Grünbach waren sie nicht gut genug“. Oder die Sache mit der Platzpflege. „Wenn der Rasen nicht gesprengt werde, werden sie heute nicht spielen“, bekam der Platzwart zu hören.

„Häh?“

„Bei dem stumpfen Rasen können wir nicht passen.“

„Und wenn ich jetzt wässere, dann ist der Rasen zu schnell, und ihr könnt keinen Ball stoppen. Hey, ihr seid Letzter in der A-Klasse.“

So oder so ähnlich sei damals der Dialog gewesen, erinnert sich Petermeier. Er selbst hatte längst seine Torwart-Handschuhe an den Nagel gehängt, „doch ab und zu musste ich aushelfen“, sagte der heutige Vorsitzende des FCG. Beim einzigen Saisonsieg, einem 4:2 gegen den FC Eitting 2, saß er auf der Ersatzbank. Schon nach 20 Minuten hatten die Grünen 2:0 geführt.

„Nach dieser Saison haben 25 Spieler den Verein verlassen“, erzählt Petermeier. In der Folge wurde der FCG zum Sinnbild des Multikultivereins, zum „Packerlfahrer-Club“. Während Grünbacher Eigengewächse in der Landesliga kickten, waren nun für deren Heimatverein Kicker aus Bulgarien, Griechenland, Ukraine, Türkei, Rumänien, Polen, Senegal, Bosnien, Spanien und Lettland am Ball. Die konnten beim Kicken wenigstens kurzzeitig mal vergessen, dass sie im gelobten Deutschland als Kurierfahrer einen Hungerlohn verdienen und dann 700 Euro für ein Zimmer abdrücken müssen. „Manchen konnten wir eine Wohnung vermitteln“, erzählt Petermeier. Inzwischen ist auch dies schon wieder Vergangenheit. Der FCG ist nun ein B-Klassist der oberen Tabellenhälfte und freut sich, wenn er nach der Corona-Krise wieder kicken darf, zum Beispiel im Derby gegen den SC Kirchasch 2.

Der SC Kirschasch und die Krise hoch zwei

Jener KSC hat auch schon zwei sehr dunkle Serien erlebt. Beginnen wir mal mit der Saison 2017/18, als die Kirchascher Reserve 23 seiner insgesamt 24 Spiele verlor und 113 Tore kassierte. „Der Abstieg in die B-Klasse war eigentlich schon mit der Gruppeneinteilung besiegelt, weil wir mit Taufkirchen und Lengdorf die einzige Reservemannschaft waren“, erinnert sich Klaus Felske, damals Kapitän jenes Teams.

Was war das für ein Haufen. Ein Spieler habe es fertig gebracht, bei zwei Spieltagen hintereinander zu verschlafen. „Beim ersten Mal kam er gar nicht, beim zweiten Mal ist er zur Halbzeitpause aufgetaucht, sagt Felske. Aber da wäre noch dieser eine Sieg, 4:1 in Berglern. Der Torwart sei recht angetrunken im Kasten gestanden, erinnert sich Felske. Wohlgemerkt, der KSC-Keeper. „Im Nachhinein war es wahrscheinlich ein Fehler, dass er sonst immer nüchtern war.“

Felske wiederum stand schon sechs Jahre in einer Kirchascher Mannschaft, die beispiellos unterlegen war. Wirklich beispiellos. Denn dass in 26 Spielen überhaupt kein Sieg gelingt, ist in der Kreisliga Donau/Isar vorher und nachher nicht mehr vorgekommen. Zurück zu Felske. denn er war im Oktober 2012 der Held. Gegen den SE Freising 2 musste der Verteidiger zehn Minuten vor dem Ende für Maxi Bals ins KSC-Tor, der sich eine Fleischwunde am Knie zugezogen hatte. Mit einer Glanzparade in der sieben Minuten langen Nachspielzeit rette Felske das Remis. Es war einer von insgesamt drei Punkten, die der KSC in diesem Jahr holte.

„Lustig war das nicht“, erinnert sich der damalige Kapitän Christoph Weber, „eher sehr frustrierend, wenn es nur darum geht, Woche für Woche Schadensbegrenzung zu erreichen, Stürmer die besten Verteidiger werden und nicht mehr wissen, wie man Tore schießt, obwohl wir im Aufstiegsjahr mit 59 Toren einen der besten Angriffe der Liga hatten.“ In der Kreisliga waren es noch zehn Törchen. Für Weber ist klar: „Unser Kader war – auch aufgrund von Abgängen trotz des Aufstiegs – definitiv nicht kreisligatauglich.“

Und jetzt das Happyend: „Auch nach so einer Horrorsaison gingen die Lichter beim KSC nicht aus“, so Weber. „Wir sind durch die kontinuierliche Jugendarbeit und den guten Zusammenhalt aus fast ausschließlich Eigengewächsen wieder in der Kreisliga zurück.“ Und egal, ob der KSC die Klasse hält oder nicht – er wird definitiv besser abschneiden als 2011/12.

Geislinger Pleiten und Platzwunden

Seine schwärzesten Fußballstunden verbindet Gerhard Röslmair mit der Saison 2009/10. Er, der Ur-Geislinger, wollte die FCL-Reserve als Trainer in der A-Klasse halten. Ein schwieriges Unterfangen in einer Klasse, die fast ausschließlich aus ersten Mannschaften bestand. „Wir waren aber engagiert ohne Ende“, versichert der heute 55-Jährige. In der Sommervorbereitung zählten die Geislinger 40 Leute für beide Herrenmannschaften. Sollte eigentlich reichen für die Saison. „Aber wir hatten ein paar Leute dabei, die – sagen wir es mal so – charakterlich nicht die stabilsten waren“, erzählt Röslmair. Schon im ersten Testspiel stand er nur mit zehn Leuten da. „Fünf oder sechs haben aufgehört, ohne sich abzumelden. Ich habe zweimal nachtelefoniert. Danach habe ich es bleiben lassen.“ Andere seien wenigstens sporadisch zurückgekommen. „Im Endeffekt hatte ich 14 Leute für die Reserve. Und das ist natürlich für eine Saison zu wenig.“

Röslmair denkt zurück an jene Glücksgefühle am Donnerstagabend, als er 13 Leute auf dem Zettel stehen hatte. „Und Sonntagfrüh ruft dich der eine an, dass seine Oma überraschend Geburtstag hat. Ein anderer ist am Abend zuvor im Pascha (Erdinger Diskothek, die Red.) vor lauter Rausch z’sammgefallen und hat sich verletzt.“

Röslmair tat es leid für den „Kern von sechs, sieben Leuten, die wirklich engagiert dabei waren“. Das Problem: Die größten Fußballer waren das halt auch nicht. „Uns sind wirklich die kuriosesten Dinge passiert“, sagt Röslmair. Zweimal musste zum Training der Rettungswagen kommen. „Einmal wegen einer Platzwunde. Und einmal, als wir Fußballtennis spielten.“ Wie man sich da verletzen kann, Röslmair erklärt es: „Wir haben die Werbebande quasi als Netz hingenommen, über das gespielt werden musste.“ Eine Gruppe hätte sich ausgerechnet den Teil der Bande ausgesucht, bei dem das Geländer eine ausfahrbare Stange hat. „Und da hat sich einer den Oberschenkel aufgeschnitten“, erzählt der Coach.

Am Ende der Saison stieg der FCL mit nur sechs Punkten und 90 Gegentoren aus der A-Klasse ab. Da war aber Röslmair nicht mehr Trainer. Er hatte in der Winterpause den Posten abgegeben, mit 0 Zählern auf dem Konto. Aufgehört hat er allerdings nicht wegen Erfolgslosigkeit, sondern weil ihn die Erste als Coach brauchte. „Das gibt’s auch nur in Geisling, dass du als siegloser Trainer befördert wirst“, erzählt er lachend. Mit der Ersten wäre er übrigens fast aufgestiegen.

SV Eichenried: Sechs Tore, dennoch verloren

132 Gegentore in 25 Spielen – das war die Bilanz des SV Eichenried 2 in der Saison 2008/09. „In der A-Klasse waren damals neun erste Mannschaften. Wir wussten, dass es nach dem Aufstieg schwer wird, die anderen waren qualitativ besser besetzt. Wir hatten keine Chance“, sagt Stefan Huber, heute Vorsitzender des SVE. „Wir waren aber ein eingeschworener Haufen, alle waren im Training da.“ Schließlich galt es, ein Ziel zu erreichen: Bloß nicht zweistellig verlieren! „Und wir haben tatsächlich nie zehn Tore kassiert“, sagt Huber, „neun waren es des Öfteren“.

Und es gibt ja auch schöne Niederlagen. Huber fällt ein Spiel bei der SG Eichenfeld ein. „Das war während der Herbstfestzeit, alle waren entsprechend vorbereitet“, womit die vorabendliche Aufwärm- respektive Vorglühphase im Weißbräuzelt gemeint ist. Am Ende gab es ein sagenhaftes 6:8. „Wir haben hinten brutale Fehler gemacht, vorne aber drei ,Tore des Monats‘ geschossen.“ Der Lohn waren Standing Ovations der begeisterten gegnerischen Fans. „Nach langer Durststrecke“ gelang den Eichenriedern schließlich ein 3:2 in Oberding. „Danach haben wir gefeiert, als wären wir Meister geworden. Das war nicht gegenüber dem TuS despektierlich gemeint. Aber wenn du jede Woche auf den Sack kriegst, brechen eben alle Dämme.“

SV Hörlkofen: Das Hörlkofener 1:12-Desaster

Den SV Hörlkofen hat’s mehrmals böse erwischt. 2017/18 verabschiedete er sich mit fünf Punkten und 112 Gegentoren aus der A-Klasse. Noch bitterer war für Claudius Köckhuber 2014/15, als der HSV auch nur acht Punkte holte und wieder mal abstieg. Der schlechteste A-Klassist war er aber in jener Saison nicht, da ja in der Gruppe 7 der FC Grünbach noch schlechter dastand.

Drei Spieltag vor Saisonenende stand Hörlkofens Abstieg fest. „Wir wollten die Saison aber anständig zu Ende spielen, doch dann kam es am letzten Spieltag knüppeldick“, sagt Köckhuber, der damals im Tor stand. In Moosen stand es bereits nach der ersten Halbzeit 1:7, doch der SCM hörte nicht auf und legte weitere fünf Treffer nach – alle erzielt von Andreas Galler. „Uns wunderte es, dass der Stürmer bei jedem Tor noch so bejubelt wurde“, erzählt Köckhuber. „In der 88. Minute hat er auch noch einen Elfmeter verwandelt.“ Es war sein achtes Tor. „Den Grund, warum sie uns so gedemütigt haben und völlig aus dem Häuschen waren, haben wir danach erfahren. Andreas Galler wurde dadurch noch Torschützenkönig aller Erdinger Ligen.“ Galler überholte damit noch den Fraunberger Christian Daimer und kassierte für seine 28 Saisontreffer ebensoviele Kästen Bier – das ist der Preis, den die Heimatzeitung gemeinsam mit dem Erdinger Weißbräu jedes Jahr auslobt.

Die Hörlkofener aber seien damals, wie Köckhuber sagt, „doppelt frustriert nach Hause gefahren, denn wir hatten den Abstieg wahrscheinlich verdient“. Aber weil der HSV im Gegensatz zu seinem großen Bruder aus dem Norden schon immer ein Comebacker war, sind auch diese dunklen Zeiten vergessen. Inzwischen ist der SV Hörlkofen ein gestandener A-Klassist, und der jetzige Trainer Christoph Böning wundert sich ein wenig: „Also, ich kenne nur die Sonnenseiten in Hörlkofen.“

(Dieter Priglmeir)

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