Kopfbild von Dieter Priglmeir
+
Dieter Priglmeir, Sportchef des Erdinger/Dorfener Anzeiger

DAS SPORTGEFLÜSTER

Bitte keine Scherze über Ü50-Kicker: Was Ralf Sandner und Co. alles erleben durften

Zu ihrer besten Zeit hieß Fifa 20 noch „Atari Telespiel“. Im Sportgeflüster geht es diesmal um Ü50-Kicker und was sie alles erlebt haben.

Ralf Sandner wird heute 50. Damit ist er fast so alt wie die Bandenwerbung im Erdinger Stadion. Nein, stopp, heute keine Witze über den FC Erding. Denn wir wollen jenes Herz schonen, das so grün-weiß ist wie kein anderes.

Okay, der heutige Jubilar war vier Jahre bei den Blauen (von 1985 bis 1989 in der Löwen-Jugend), spielte für Wacker München und Falke Markt Schwaben. Der Rest seiner Fußballzeit aber gehörte dem TSV respektive dem Ableger FC Erding. Sandner war Allrounder auf dem Platz und ist es auch außerhalb. Trainer, Jugendleiter, Kassier, Vorstandsmitglied der JFG, Abteilungsleiter – nie drückte er sich vor irgendeiner Aufgabe, und dreimal dürfen Sie raten, wer am Kiosk Bier und Wurstsemmeln verkauft. Also heute keine FCE-Witze.

Reden wir doch lieber über die Zahl 50, die schon andere Fußball-Legenden in Krisen gestürzt hat, weil sie nicht mal mehr Einladungen für ein AH- oder Soccerturnier bekommen, sondern nur noch zum Ballonfahren, Mini-Golfen oder Schach im Erdinger Stadtpark. Sandner, das verrät uns seine Frau Beate, gehöre nicht zu den Grüblern. Er feiert, „er ist einfach ein Partymensch“.

Recht hat er, denn er durfte – Gnade der frühen Geburt – erleben, was Jüngere nur noch vom Hörensagen kennen: eine Champions League zum Beispiel, bei der wirklich nur die Champions, also Landesmeister, antreten durften, weshalb es Viertelfinals gab wie Rapid Wien gegen Dundee United und FK Dinamo Minsk gegen Dinamo Bukarest (Saison 1983/84). Oder Bundesliga-Torschützenkönige wie Uwe Rahn (Borussia Mönchengladbach, 1986/1987) und Jörn Andersen (Eintracht Frankfurt, 1989/1990). Oder sechs Jahre mit stets neuen Deutschen Meistern (1990 bis 1996).

Das Finale um das Erdinger Mittelzentrum war noch der Höhepunkt des Herbstfests und nicht der achte Auftritt einer – zugegeben sehr sehr guten – Partyband. Der FC Cosmos Azzurri verteilte bei seinem Sommerturnier auch noch an den Achtplatzierten mannshohe Pokale (Völlig überraschend ging der Verein pleite).

A-Jugend-Spiele waren noch eine Wundertüte, weil sie am Sonntagvormittag stattfanden, also vier Stunden nach der letzten Goaßmass in Hofstarring, Oberhaindlfing oder im Taufkirchener Musikpalast. Apropos Wundertüte: Welcher Sponsor auf dem Trikot stand, hing davon ab, ob der Vereinskassier Filialleiter bei der Sparkasse oder Raiffeisenbank war – oder Mitarbeiter einer der immer schon höchst spendablen Brauereien.

Fifa 20 hieß noch „Atari Telespiel“ und war nicht an die Lauf-, Pass-, Cholesterinwerte von Ronaldo, Messi oder dem 15-jährigen Supertalent aus der 2. moldawischen Liga gekoppelt, sondern grafisch und bewegungstechnisch auf dem Niveau eines Ampelmännchens bei Rot. Mit anderem Worten: einem gesund-rustikalen Vorstopper der 80er Jahre nachempfunden.

Die Zeiten waren ganz bestimmt nicht besser, aber sie waren bunter. Noch bunter als heute die meisten Fußballschuhe. Und nein, wer im Club der Fünfziger in seinem Ohrensessel sitzt, schwelgt nicht nur in der Vergangenheit. Es gibt noch eine Zukunft. Und es geht weiter aufwärts. Sagt übrigens der, der am Vortag seines 55. Geburtstags in seinem E-Mail-Account eine Werbung für Treppenlifte hatte.

Dieter Priglmeir

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare