Monika Schmidt schoss mehr Tore für den FC Bayern als Gerd Müller.
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Monika Schmidt schoss mehr Tore für den FC Bayern als Gerd Müller.

Einer der ersten Frauen-Stars

Mehr Tore als Gerd Müller: „Turbine“ Monika Schmidt bombte für den FC Bayern

  • Dieter Priglmeir
    VonDieter Priglmeir
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Monika Schmidt war einer der ersten Stars im Frauenfußball. Sie erzielte 378 Tore in 520 Spielen.

Erding – Gerd Müller schaut der 23-Jährigen in die Augen. Er überreicht ihr zwei goldene Mini-Fußballschuhe: „Schieß weiter so viele Tore, Monika!“ Es ist das Weltmeister-Jahr 1974, und ein Reporter schreibt: „Der Bomber ehrt die Bomberin.“

Monika Schmidt schießt zwischen 1970 und 1995 für den FC Bayern 378 Tore in 520 Spielen – als Libera und Mittelfeldspielerin. Sie gewinnt die deutsche Meisterschaft, steht weitere vier Mal im Finale und hätte sogar in Italien spielen können. Nicht schlecht für ein Mädchen aus Hörlkofen, das erst mit 18 Jahren mit dem Vereinsfußball begonnen hat.

1955 verbietet der DFB den Frauenfußball im Verein. Da ist die kleine Monika vier Jahre alt. Nicht viel später ist sie auf den Wiesen rund um Hörlkofen nur noch mit Ball zu sehen. „Im Verein durfte ich nicht, aber wir haben nach der Schule sofort wild gebolzt – jeden Tag.“ Sie wächst mit fünf Brüdern und drei Schwestern auf. „Da lernt man, sich durchzusetzen“, sagt sie lachend.

Auf dem Bolzplatz fällt ihr das leicht. „Es gab nicht einen einzigen blöden Spruch, weil ich ein Mädchen war“, erzählt die heute 69-Jährige. „Meistens haben sich mich gleich als erste in ihre Mannschaft genommen.“

Und so wird es ihr auch beim FC Bayern ergehen. Schon 1967 haben die Roten eine Frauenmannschaft, allerdings nicht offiziell. Aber Pioniere wie Hans Press oder Geschäftsführer Walter Fembeck sind ungeduldig. Schon drei Monate, bevor der Verband im Jahr 1970 endlich den Weg frei macht, ruft der FCB zur Sichtung auf.

Fußballpionierinnen: die erste Frauenmannschaft des FC Bayern mit Präsident Wilhelm Neudecker (vorne). Monika Schmidt (kniend, 3. v. r.) wird insgesamt 520 Mal das Dress des FCB tragen

Am 17. Oktober 1970 steigt das erste Spiel – und das Lampenfieber. „Wenn es regnet, fällt das Spiel aus“, kündigt Trainer Karl-Heinz Mainz an. Eine Spielerin murmelt: „Hoffentlich regnet’s!“ Die Sorge ist unbegründet: Die Bayern schießen den SV Olching 7:1 vom Platz. Die Mannschaft ist bereit.

Und ist die Gesellschaft schon bereit für den Frauenfußball? „Mir gegenüber hat nie jemand etwas Dummes gesagt“, meint Schmidt. Sie schwärmt von Bomber Müller. „Er hat sich immer sich für unsere Ergebnisse interessiert und auch mal ein Spiel von uns gepfiffen – Katsche Schwarzenbeck übrigens auch.“ Franz Beckenbauer sei stets sehr höflich gewesen. Das gelte auch für Uli Hoeneß, der später sehr viel für die Entwicklung des Frauenfußballs bei den Bayern getan habe, sagt Schmidt. „Nur Paul Breitner war immer grantig. Der mochte uns nicht“, erzählt sie, „aber ich mochte ihn auch nicht. Aber Männer mit Vollbart sind sowieso nicht meine Sache“.

Die Presse greift mehrfach daneben. Nach dem Sieg gegen Olching titelt etwa die Abendzeitung „Sex:1 für Bayern“. Aber die Fußballerinnen lassen sich davon nicht beirren. PR-Geschichten wie etwa mit der Zeitschrift „Quick“ meistern sie locker und freudig – zumal der Fußballalltag nicht gerade spannend ist. „Wir hatten in Bayern einfach keine Konkurrenz“, erzählt sie. Oft spielen sie gegen männliche Jugendmannschaften, um gefordert zu werden. Mehr als ein bisserl ärgern („Darin waren die Waldkraiburgerinnen ganz gut“) ist dagegen für die weiblichen Gegnerinnen nicht drin.

Bomber unter sich: Gerd Müller und sein weibliches Pendant.

Oft kicken die Frauen nach den Spielen auf der Säbener Straße einfach nur so für sich weiter. „Wir waren eine tolle Truppe, haben uns prima verstanden und wollten einfach immer nur kicken.“ Eine tolle und bunte Truppe: Da ist Edda Haller, die Abstauberin. Oder Eva Reichheim, die mit Günter Netzer verglichen wird, weil sie Ecken direkt verwandelt. Oder die beiden Zwillinge, die von sich sagen: „Wenn meine Schwester schlecht spielt, geht bei mir auch nix zsamm.“ Olga Schütz spielt nebenbei noch Handball – beim TSV 1860. Und da ist eben Monika Schmidt, die als erste Spielerin des Vereins 100 Tore erzielt und auch beim 9:0 gegen die Sechzger dabei ist – vor 40 000 Zuschauern im Grünwalder Stadion als Vorspiel zum Bundesliga-Schlager Bayern gegen Gladbach.

Die FCB-Frauen eilen von Sieg zu Sieg. Mit einem 4:2 im nagelneuen Olympiastadion gegen die SpVgg Landshut holen sie sich 1972 die erste bayerische Meisterschaft, die sie 19 Mal in Folge gewinnen werden. Auswärts ist der FC Bayern immer eine Attraktion, zieht die Fans an, was Schmidt geschickt nutzt. „Ich habe mir einen Bauchladen umgeschnallt und Bayern-Souvenirs verkauft.“ Der Erlös sei dann in die Mannschaftskasse gegangen, denn Geld vom Verein gab es für die Fußballerinnen nie. „Wir waren froh, wenn wir mal zum Essen eingeladen wurden. Und vor der Saison gab es für jede neue Fußballschuhe und einen Trainingsanzug.“

Monika Schmidt gehört zu den unumstrittenen Leistungsträgerinnen der Mannschaft. „Anfangs habe ich Libera gespielt, dann aber bin ich schnell ins Mittelfeld gewechselt.“ Die Trainer wissen: Niemand ist so antrittsstark und ausdauernd wie die junge Frau aus Hörlkofen – wo sie übrigens schon längst nicht mehr wohnt. Schon als 16-jährige ist sie wegen ihrer Ausbildung als Friseurin nach München gezogen – in ein Zimmer ihres Onkels, der einen Gemüseladen führt. Schon bald arbeitet sie in der Sportabteilung im Kaufhof. Der Verein hat ihr den Job vermittelt und damit auch sichergestellt, dass sie genug Freiraum bekommt für die Spiele und die langen Reisen.

Mit dem Mannschaftsbus durchqueren die Bayern-Frauen ganz Deutschland. „Langweilig war’s da nie.“ Schmidt erzählt von langen Kartlerinnen-Runden. „Selbst unserer Bremer Mitspielerin haben wir das Schafkopfen beigebracht“, erzählt Schmidt. Und a bisserl Bairisch-Nachhilfe gab’s obendrein. Bei jeder Heimfahrt schnappt sich Schmidt das Mikro und gibt die Kathi Prechtl, die bayerische Ratschkathl. „Mei, des wollten die anderen halt“, sagt sie und zitiert mühelos ein paar Zeilen aus dem Werk der kracherten Kabarettistin. Nur einmal, so erzählt sie, „da war uns überhaupt nicht mehr nach Gaudi zumute“.

Es ist der 30. Juni 1985. Der FC Bayern steht zum fünften Mal im DM-Finale und ist klar besser als Gastgeber Duisburg. „Wir haben den Gegner beherrscht, und dann kassieren wir kurz vor Schluss das 0:1.“ Ihr habe das auch für ihre Mutter Ida leidgetan, die mit im Bus saß. „Zwei Leute durfte jede Spielerin mit zu den Endspielen nehmen“, erinnert sich Schmidt. Sie habe Eltern oder Geschwister mitgenommen, zumal die ganze Familie stolz auf ihre Moni ist. „Sobald ich mal daheim war, hat mein Vater gern mit mir gemeinsam irgendwelche Erledigungen gemacht“, erzählt sie. „Er hat schon ein bisserl angegeben mit mir.“

Spielerische Klasse: Monika Schmidt (l.) mit Teamkolleginnen.

Und die Hörlkofener sind auch stolz auf ihre Moni, die sich immer auf ein paar Fans aus der Heimat freuen darf. Aber zurück zu den deutschen Meisterschaften. Da war irgendwie der Wurm drin. Das deutet sich schon beim Goldpokal an, der inoffiziellen DM im Jahr 1973, als der FC gegen den TuS Wörrstadt 1:3 verliert. Später wird es nicht viel besser.

„Es hat uns schon gefuchst, dass die SG Bergisch-Gladbach so viel besser war als wir.“ Gegen diese Starelf aus dem Rheinland verlieren die Bayern 1979 und 1982 die Finals deutlich. Und selbst gegen den Bonner SC sind Schmidt und Co. nur zweite Sieger (1975).

Aber da wäre ja noch der 20. Juni 1976. Im Siegener Leimbachstadion geht es gegen Tennis Borussia eng her. Schmidt schießt die Roten 2:1 in Führung, doch die Berlinerinnen gleichen aus. In der Verlängerung schießen Inge Mayerhofer und Doris Niederlöhner ihr Team zur Meisterschaft. Es ist der größte Tag im Sportleben der Monika Schmidt. Gerd Müller löst übrigens sein Versprechen ein, spendiert Trikots und neue Fußballschuhe. Aber eine Siegprämie habe es nicht gegeben. „Wir waren in einem sehr schönen Hotel untergebracht. Und nach dem Sieg sind wir dann alle in den Pool gesprungen – mit dem ganzen Gwand.“ Die Vereinsfunktionäre hätten schon geschimpft, so Schmidt, „aber uns war des wurscht“.

Familie: Mit acht Geschwistern wächst Monika Schmidt (l.) in Hörlkofen auf. Auf dem Bild (v. r.): Edeltraud, Ernestine, eine Freundin (verdeckt), Heinrich und Franz.

Überhaupt: A bisserl Widerstand war da immer. Die Zigarette zum Kaffeetscherl habe sie sich nie verbieten lassen. Einmal – bei einem Gastspiel in Wörrstadt – ignoriert sie schlichtweg den anbefohlenen Zapfenstreich. „Man sieht sich ja so selten, und da haben wir uns halt etwas länger in die Bar gesetzt.“ Die Folge: Schmidt durfte tags drauf nicht spielen. „Das war das einzige Mal, dass ich draußen war“, erzählt sie. Keiner der Trainer wollte je auf die pfeilschnelle Spielerin verzichten. „Turbo“ sei sie genannt worden, und später dann „Turbine“.

Großartige Zeiten seien das gewesen, schwärmt Schmidt noch heute. Nur eins bedauert sie: „Schade, dass es so lange überhaupt keine Nationalmannschaft gegeben hat.“ Sie sei dann zwar zu einem Lehrgang eingeladen worden, „aber da war ich schon 34. Klar, dass die Trainer mit jüngeren Spielerinnen arbeiten wollten“.

Ein Länderspiel darf sie sich dennoch auf die Fahne schreiben. Mit dem FC Bayern spielt sie Anfang der 1970er in San Pellegrino gegen die italienische Nationalmannschaft. „Wir haben 2:1 gewonnen, und die Italiener wollten mich danach sofort verpflichten“, erzählt sie. Sie muss ein großes Spiel abgeliefert haben, was nicht verwundert, „denn große Hitze war mir immer am liebsten. Aber wenn es kalt ist, kannst du mit mir nichts anfangen.“ Das Angebot sei verlockend gewesen. „Ich hätte einen Arbeitsplatz vermittelt bekommen, aber ich habe mich das nicht getraut.“

Also bleibt sie den Bayern treu. Das ändert sich erst viele Jahre später, als sie nach Obertaufkirchen geht – als Vereinswirtin. „Das war immer mein Traum. Und deshalb habe ich das einfach probiert. Aber so ein Riesenhaus in der Prärie, das war mir dann doch unheimlich.“

Nach zwei Jahren kehrt sie zu den Bayern zurück, ist kurzzeitig Trainerin der Zweiten Mannschaft („Das war aber nichts für mich. Dafür habe ich zu wenig Geduld.“). Mit 40 hilft sie nochmal in der Bundesliga aus. „Der Verein musste sogar einen neuen Spielerpass für mich ausstellen“, sagt Schmidt lachend.

Nach ihrer aktiven Karriere arbeitet sie für ihren Verein im organisatorischen Bereich, kümmert sich um den VIP-Bereich. Als die Bayern-Frauen in den Campus umziehen, zieht sie einen Schlussstrich. „Ich habe damals in Poing gewohnt. Die Fahrerei wäre mir zu viel gewesen.“

Inzwischen lebt Monika Schmidt in Erding. Die Arthrose macht ihr das Golfen, ihre zweite Leidenschaft, unmöglich. „Das viele Training auf den Ascheplätzen und Kunstrasen machen sich halt jetzt bemerkbar“, sagt sie. Aber mei, das nehme sie gern in Kauf. „Es waren halt wirklich schöne Zeiten mit dem Fußball.“

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