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TSV Buchbach: Brucia und eine Karriere zwischen Amateur- und Profiliga

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Viel zu jubeln hat Christian Brucia (l.) mit seinen Buchbachern auch in dieser Saison.
Viel zu jubeln hat Christian Brucia (l.) mit seinen Buchbachern auch in dieser Saison. © BUC

Brucia, der schon in Profiligen in Deutschland gespielt hat, findet sein Glück in Buchbach. Er erzählt auch über die Unterschiede zwischen Amateur,- und Profiligen.

Buchbach – Es gibt Fußballprofis, die viel Geld verdienen und ausschließlich dem runden Leder nachjagen. Und es gibt die Hobbykicker, die einem festen Beruf nachgehen und nur zum Spaß ein paar Stunden in der Woche auf den Fußballplatz verbringen. Es gibt aber auch noch etwas dazwischen: Menschen, die in einer höheren Liga spielen und trotzdem arbeiten müssen.

Einer von ihnen ist Christian Brucia, der im Kader des Regionalligisten TSV Buchbach in der 4. Liga steht und seine Brötchen als Buchhalter verdient.

40 Arbeitsstunden die Woche, viermal Training, ein bis zwei Pflichtspiele und nicht nur ganz nebenbei auch noch Zeit für die junge Familie finden: eine typische Woche im Leben von Christian Brucia.

Als er in jungen Jahren in einem Dorf nahe Offenbach, seinem Geburtsort, das Fußballspielen anfängt, ahnt noch niemand, wohin ihn sein Weg führen wird. Gute Vorzeichen sind durchaus vorhanden. Die ganze Familie ist fußballbegeistert, allen voran der aus Italien stammende Vater, der selbst ein guter Fußballer und auch Trainer war. Er spielte unter anderem in der 4. und 5. Liga in Deutschland. Somit fällt die Entscheidung des Sohns, auch mit dem Kicken anzufangen, nicht schwer. Seine Anfänge in der Jugend seines Dorfclubs werden von seinem Vater als Trainer begleitet. Schon bald merkt Brucia, der sowohl die deutsche als auch die italienische Staatsbürgerschaft hat, dass er den anderen Kindern überlegen ist.

Brucia und sein Weg zu Eintracht Frankfurt

Es folgt ein Schlüsselmoment seiner Karriere: „In der Jugend war ich relativ gut und habe so ziemlich immer die meisten Tore in der Mannschaft geschossen, und dann wurde ich eines Tages gefragt, ob ich nicht für Eintracht Frankfurt spielen möchte“, erinnert sich der 33-Jährige. Der damals zehn Jahre alte Christian, der später das Gymnasium mit Mittlerer Reife verlässt, hat aber nicht nur ein Angebot der Eintracht, sondern auch von den Kickers Offenbach. Obwohl Brucia selbsternannter Kickers-Fan ist, entscheidet er sich gegen sie und für die Eintracht. „Frankfurt hat damals Bundesliga gespielt, und das war mir als Kind zu dieser Zeit wichtig.“ Frankfurt ist damals – so wie heute – drei Ligen über den Kickers zu finden. „Außerdem kannte ich schon den Jugendtrainer der Eintracht, deshalb war mir das damals einfach lieber.“

Ab Juli 1998 spielt er dann ganze elf Jahre bei der Eintracht. Dort schafft er den Sprung von der U 19 in die zweite Herren-Mannschaft, die in der Regionalliga Süd spielt. Brucia erinnert sich an ein sehr spezielles Spiel: „Nachdem wir mit der U 19 im ersten Jahr abgestiegen sind, haben wir im nächsten den Wiederaufstieg geschafft. Da habe ich im entscheidenden Spiel gegen Wehen Wiesbaden innerhalb von fünf Minuten drei Tore aufgelegt, das war schon ganz geil“, schildert er grinsend. Mit 21 Jahren und einem Marktwert von 100 000 Euro wechselt er im Juli 2009 zu Wacker Burghausen in die 3. Liga. „Damals war ich mit meinem Vertrag bei der Eintracht nicht zufrieden und habe ihn auslaufen lassen. Dann war ich zwischenzeitlich in Gesprächen mit Viktoria Aschaffenburg, die dann aber Insolvenz angemeldet haben. Schließlich kam ein Anruf aus Burghausen. Natürlich war ich da sofort dabei.“

Da die 3. Liga eine Profiliga ist, ist Fußball nun sein Beruf. Die Anfangszeit gestaltet sich allerdings nicht ganz einfach. „Anfangs war ich der klassische zwölfte Mann, der immer nur für ein paar Minuten von der Bank kam. Noch dazu war ich erst 21 und fast 400 Kilometer von der Heimat entfernt. Daran musste ich mich erst einmal gewöhnen. Auch die bayerische Sprache war damals schwer für mich. Da habe ich nicht schlecht geschaut, als der Trainer beim ersten Training gesagt hat, wir sollen danteln“, lacht Brucia. Nach Anlaufschwierigkeiten kämpft er sich aber in die Startelf und lebt sich immer besser auch in der Stadt ein.

Drei Jahre konzentriert er sich nur auf den Fußball, bis sein Vertrag im Juli 2012 ausläuft. Dazu kommt ein beidseitiger Leistenbruch, der operiert wird. „Es hat schon ein bisschen gedauert, bis ich wieder richtig fit wurde.“ Der damals als arbeitslos gemeldete Brucia hält sich selbstständig fit und wartet auf ein Angebot. Schließlich kommt eines aus der Heimat Hessen, und nach einem halben Jahr Vereinslosigkeit und mit einem Marktwert von 350 000 Euro wird er im Januar 2013 von Waldhof Mannheim verpflichtet. Nach der Saison, also ein halbes Jahr später, schließt er sich schließlich dem TSV Buchbach an, für den er heute noch spielt.

Der TSV ist in der Regionalliga Bayern, also der vierthöchsten Liga, zuhause. Das oberbayerische Dorf hat nur rund 3000 Einwohner, was für die Heimat eines Regionalligisten beachtenswert ist. Brucia, der bis heute für den TSV rund 200 Spiele bestritten hat, sagt: „Mit Eintracht Frankfurt kann man das hier natürlich gar nicht vergleichen, vielleicht eher noch mit Burghausen. Ein großer Unterschied ist natürlich das ganze Umfeld, die Professionalität. Die meisten arbeiten hier ehrenamtlich. Und dass das alles so funktioniert, spricht natürlich für sich.“

Weitere Unterschiede, die er nennt, sind der Waschservice, größere Kabinen und mehr (funktionierende) Duschen. In Buchbach sind laut Brucia nur zwei von fünf Duschen funktionstüchtig. Außerdem verweist er auf die Infrastruktur und insbesondere auf Trainingsplätze, die großen Vereinen zur Verfügung stehen. Und gerade in der Regionalliga Bayern treffen diese Gegensätze aufeinander. So spielten die Buchbacher beispielsweise schon mehrfach gegen die zweite Mannschaft des FC Bayern, gegen 1860 München oder auch gegen Jahn Regensburg. Und diese Teams haben laut Brucia Respekt vor den Rot-Weißen. „Buchbach ist ein Gründungsmitglied der Regionalliga. Die spielen hier, seit es die gibt, ich kann mir nicht vorstellen, dass man so einen Verein dann noch unterschätzen kann.“

Der Mittelfeldspieler glaubt, dass die größeren Vereine eher wenig begeistert sind, wenn sie in Buchbach spielen müssen. Dazu würden nicht nur die mäßigen Platzverhältnisse und die kleinen Kabinen beitragen. „Ich glaube, das Hauptproblem sind die Toiletten. Wenn sie sehen, dass es in den Kabinen selbst keine gibt, dann haben sie unterbewusst schon keine Lust mehr“, scherzt Brucia. Abschließend betont er aber, dass trotz der vielen Unterschiede der Zusammenhalt in Buchbach umso größer sei.

„Ich kenne einige, die technisch wahrscheinlich besser als manche Bundesligaspieler sind“

Brucia über das Niveau der Amateurligen

Der größte Unterschied zwischen den Profi- und den Amateurligen ist laut Brucia das Spieltempo. „Ich kenne einige, die technisch wahrscheinlich besser als manche Bundesligaspieler sind. Es gibt auch einige in der Kreisliga, die mich im Eins gegen Eins auf dem Hartplatz komplett nass machen würden“, gibt Brucia zu. Aber das reiche in einem Mannschaftssport nicht aus. Da gehe es um Spielverständnis und Spieltempo. Dazu sei die Intensität nicht vergleichbar.

Ohne Beruf geht es für Brucia freilich längst nicht mehr: Im Jahr seines Wechsels zum TSV Buchbach tritt er eine Arbeitsstelle bei der Firma Bauer Elektroanlagen in Buchbach. Nachdem er dort erfolgreich eine Ausbildung absolviert, arbeitet er inzwischen in der Finanzabteilung als Kreditorenbuchhalter. Den Job beim Buchbacher Hauptsponsor mit dem Sport und der Familie zu vereinen, bringe viel Stress mit sich. Der Vater von Tochter Chiara, der zusammen mit seiner Freundin Katharina in Mühldorf wohnt, erklärt, dass es im Sommer nicht so stressig sei, aber dafür im Winter, wenn der Ligabetrieb auf Hochtouren laufe. Morgens verlässt er in der Dunkelheit sein Haus Richtung Arbeit, danach kommt dann oft noch Training hinzu. Um 21.30 Uhr kommt er heim – und der Tag ist gelaufen. „Wenn ich dann mal frei habe, gehe ich eigentlich gerne mit Freunden in eine Bar und schaue Fußball“, fügt er hinzu. Bei einem Vollzeitjob, viermal Training in der Woche und einer Familie bleibe aber wenig Freizeit.

Auf dem Fußballplatz spielt Buchbachs Nummer 17, dessen Vorbild übrigens Ex-Weltmeister Alessandro Del Piero ist, am liebsten im offensiven Mittelfeld, sowohl links als auch rechts. Während seiner Karriere wurde er auch auf anderen Positionen eingesetzt. Der gebürtige Offenbacher schätzt sich als ruhigen Spieler ein, der auch unter großem Druck gelassen bleibt. Als Motivator, der seine Teamkameraden „pusht“, sieht er sich allerdings nicht.

Sein Mannschaftskollege Manuel Mattera (20) sieht Brucia als „Laufmaschine, die im Spiel unfassbar viel Strecke macht“, und schätzt ihn als Mensch, da er sich immer Zeit für die jungen Spieler nehme und man mit ihm auch über persönliche Dinge reden könne. Neben dem Platz beschreibt Brucia sich als „Spaßvogel und extrovertierten Typen, der eigentlich mit jedem gut auskommt und immer gut drauf ist“.

Bobenstetter: TSV Buchbach gehört zu den 20 besten Mannschaften in Bayern

Ebenfalls lobende Worte findet der Mann, der Brucia nach Buchbach gebracht hat: Anton Bobenstetter, Sportlicher Leiter und ehemaliger Trainer des TSV. „Er ist sehr diszipliniert, setzt praktisch sämtliche Vorgaben des Trainers um und kann viele Positionen spielen. Es gibt Fußballer, die im Training Weltmeister sind, aber es nicht auf den Platz bringen können. Brucia aber holt im Spiel immer das Maximum aus sich heraus.“ Außerdem fügt er Bobenstetter stolz hinzu, dass Buchbach in den vergangenen 20 Jahren immer zu den besten 20 Mannschaften Bayerns gehört habe, und dass Brucia daran einen großen Anteil habe. „Jeder Trainer kann sich bloß wünschen, dass er so einen Spieler in der Mannschaft hat.“

Einer von Brucias Lieblingsmomenten seit seinem Wechsel nach Buchbach ist das live auf Sport 1 übertragene Ligaspiel 2019 gegen Türkgücü München, in dem er mit einem Tor und einem Assist seinem Team zu einem 2:1- Sieg verhalf. „Generell waren die live im Fernsehen übertragenen Spiele, zum Beispiel gegen 1860 München oder gegen Regensburg, immer ein Highlight. Und ich glaube, wir haben die, obwohl wir immer Underdog waren, fast alle gewonnen. Also mir fällt gerade tatsächlich keine Niederlage ein“, schmunzelt Brucia. „Dann gab es natürlich noch diesen Wahnsinn in Rosenheim, als unser Torwart in der 96. Minute das 3:2 macht, um uns vor dem Abstieg zu retten.“

Nach langer Coronapause startete der TSV Buchbach im Juli in die neue Saison und hatte zwischenzeitlich einen regelrechten Lauf von zehn Spielen (Liga und Totopokal) ohne Niederlage. Eine „Mischung aus allem“ war laut Brucia für diese starke Form ausschlaggebend. „Die Ideen des neuen Trainerteams haben gut gefruchtet, die jungen Spieler sind motiviert, und dann kam natürlich noch ein bisschen Glück dazu.“ Die Serie riss überraschend beim Aufsteiger SC Eltersdorf (4:2). Für Brucia war dieser Abend doppelt bitter, da er nach 15 Minuten wegen eines Muskelfaserrisses ausgewechselt werden musste. Doch es läuft seither gut, der TSV ist starker Tabellenvierter, am Samstag geht’s im Spitzenspiel zu Tabellenführer Bayreuth, Brucias Einsatz ist fraglich (siehe Kasten).

Im Mai 2020 hat er zuletzt um zwei Jahre beim TSV verlängert. Auf die Frage, wie es danach weitergeht, meint er: „Gute Frage. Natürlich will ich noch so hoch wie möglich spielen, aber ich muss gucken, was der Körper sagt.“ Außerdem ist eine wichtige Person in sein Leben getreten, die einen großen Faktor für diese Entscheidung spielt: „Jetzt mit meiner Tochter Chiara hat sich auch ein bisschen was verändert, da muss ich einfach den Zeitaufwand abwägen.“ Auf die Frage, ob er irgendwann wieder zurück in seine Heimat Hessen ziehen würde, antwortet er: „Wahrscheinlich nicht. Mein Lebensmittelpunkt hat sich einfach verschoben. Hier habe ich Familie und Freunde. Dazu ist meine Freundin hier aufgewachsen“, so der Buchbacher Dauerbrenner. (ANDREAS SCHUDER)

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