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Umringt von kleinen Fans: Simon Ollert mit Teilnehmern seines Fußball-Camps im Ammertal. Auch sie sind zur Gründung seines neuen Vereins IFC Munich United, der erste inklusive Fußballclub, im Kloster Ettal gekommen. 

Simon Ollert lässt für einzigartiges Projekt Profi-Karriere ruhen

Bad Kohlgruber Fußballer mit Hörbehinderung gründet ersten inklusiven Club Deutschlands

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Mit 18 schaffte Simon Ollert aus Bad Kohlgrub als zweiter Fußballer mit Hörbehinderung den Sprung zum Profi. Nun startet er ein einzigartiges Projekt: In München gründet er einen Inklusions-Club.

Ettal – In der Münchner Glaubensfrage gab es nur die Wahl zwischen Blau und Rot. Zwischen Münchens selbsterklärter großer Liebe und Münchens erfolgreichstem Fußballclub. Zwischen den Sechzigern und den Bayern.

Geht es nach Simon Ollert, dem ehemaligen Fußballprofi aus Bad Kohlgrub, trägt München künftig Gelb. In Ettal hat der 22-Jährige seinen eigenen Fußballverein vorgestellt. Der IFC Munich United ist Deutschlands erster inklusiver Fußballclub. Seine Spieler erkennt man künftig an den kanarienfarbenen Trikots mit dem Widder auf der Brust. Ollert und Mitbegründer Thomas Kurz – beide Sternzeichen Widder – möchten ihre Gegner bei den Hörnern packen. Im übertragenen Sinn, versteht sich. In zehn Jahren, das wäre 2030, planen sie, die dritte Macht im Münchner Profifußball zu stellen. Regionalliga, die vierthöchste Klasse, sollte mit einer Mischung aus gesunden und Kickern mit Handicap möglich sein, glaubt Ollert, der von Geburt an mit einer Hörbehinderung lebt. Wobei ihn die Unterscheidung gewaltig stört. „Bei uns steht der Mensch im Vordergrund. Das Wort Inklusion gehört raus aus unserem Wortschatz“, betont Ollert im Rahmen der Gründungsveranstaltung im Kloster Ettal.

Bereits seit vier Jahren Fußball-Camp für Gehörlose im Ammertal

Der Bezahlfußball habe sich in den vergangenen Jahren so weit von Sepp Herbergers Leitsatz der elf Freunde entfernt, dass es einen anderen Weg nach oben brauche. Die Philosophie des neuen Vereins: „Jeder Einzelne muss glücklich sein.“ Der IFC zahlt in Form von Erlebnissen, Erfahrungen und schönen Momenten, wie Ollert siein seinem Fußball-Camp für Gehörlose seit vier Jahren im Ammertal schafft.

Dieses Projekt führte ihn nach Malawi und in die Dominikanische Republik. Die Videoaufnahmen von Kindern, die ihm um den Hals fallen und seine Pässe im Tor versenken, nähren die Hoffnung vieler Eltern auf eine beschwerdefreie Zukunft ihrer Kinder. „Ich möchte, dass sie in ihrem Leben Erfolg haben – das muss nicht in Form von Titeln sein“, sagt Ollert. Die Tage im Juni genauso wie die Anrufe vieler Mütter und Väter aus Kanada oder den USA motivierten ihn, sein Camp in eine neue Dimension zu bringen.

Vom Profi-Fußball zieht sich Ollert erst einmal zurück

Vom Profifußball hat er sich fürs Erste verabschiedet. Der Umweg über die Regionalliga, der ihn zurück ins Bezahlgeschäft führen sollte, endete in Pullach. Nach einem Jahr in der Bayernliga mit einer Verletzung sowie vielen Ein- und Auswechslungen entschloss er sich aufzuhören. Obwohl es ordentlich lief und mit den Teamkollegen super passte, fühlte er sich „irgendwie alleine“. Und in einem Mannschaftssport darf sich keiner alleine fühlen, findet Ollert.

Die nächsten Generationen sollen es leichter haben. Daher plant er für 2020/21 Inklusions-Mannschaften von der D-Jugend bis zu den Senioren. Ollert weiß, dass es Zeit braucht, bis sich das Konzept seines Vereins in Deutschland herumspricht. In ein paar Jahren wünscht er sich Teams, die mindestens zur Hälfte aus Kickern mit Handicap bestehen. „Anfangs könnten es weniger sein, aber ich möchte nicht in Zahlen denken.“

Stadt München stellt für Fußball-Club Trainingsplatz zur Verfügung

Ein Jahr benötigte Ollert, um das Fundament seines Klubs zu errichten. Die Stadt München war so angetan, dass sie dem IFC den neuen Sportpark in Freiham für Training und Ligaspiele überlässt. Auch der Bayerische Fußballverband hat Hilfe in Aussicht gestellt. Gerne würde der Ammertaler mit seinem Männerteam in der Kreisklasse oder der Kreisliga einsteigen – nicht wie alle anderen neu-gegründeten Vereine, die in den Tiefen der C-Klasse starten. „Das ist keine Spaßveranstaltung“, betont Ollert. Im Promotionsclip sprachen aktuelle und ehemalige Profi-Fußballer wie Christian Ziege, Erik Thommy, Markus Ziereis, Felix Weber und Andreas Geipl ihre Begeisterung aus. Ollert versucht, (Ex-)Profis zu einem Wechsel zu bewegen. Thomas Kurz -– früher bei Jahn Regensburg – hat zugesagt und hilft als Trainer. Im Hintergrund laufen weitere Gespräche. Die Hochschule für Sport und Gesundheit hat eine Partnerschaft angeboten, die Studienplätze für IFC-Fußballer garantiert. Eine ähnliche Kooperation stellt sich Ollert mit Münchner Gymnasien und Internaten vor, die Plätze für Kinder aus allen Ecken der Erde bieten könnten. „Wir wollen weltweit denken.“

Bundestagsabgeordnete Britta Dassler (FDP) nannte das Projekt „eine Sensation“. Für Ollert ist es der Anfang „einer neuen Gesellschaft“. Er wird auch für den IFC kicken. Mit 22 Jahren hört kein gesunder Fußballer mit so viel Talent auf.

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