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Staffelsee Oldies: Die beste Freizeitmannschaft Deutschlands - „Fußball-Opas“ kaum zu bezwingen

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Von: Andreas Mayr

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Die Top-Mannschaft der Staffelsee Oldies aus Murnau, der erfolgreichsten Kleinfeld-Mannschaft der 1990er Jahre im deutschen Fußball. Hier beim
ersten Sieg 1991 in Damp: (h.v.l.) Anton Wesinger, Hans Dietz, Robert Singer, Franz Wörle, Karl Hornsteiner, Georg Kutter, Manager Peter Ludwig,
(v.v.l.) Peter Kramer, Gerd Rohrmoser, Gottfried Höck und Manfred Aschenbrenner.
Die Top-Mannschaft der Staffelsee Oldies aus Murnau, der erfolgreichsten Kleinfeld-Mannschaft der 1990er Jahre im deutschen Fußball. Hier beim ersten Sieg 1991 in Damp: (h.v.l.) Anton Wesinger, Hans Dietz, Robert Singer, Franz Wörle, Karl Hornsteiner, Georg Kutter, Manager Peter Ludwig, (v.v.l.) Peter Kramer, Gerd Rohrmoser, Gottfried Höck und Manfred Aschenbrenner. © ANDREAS MAYR

Die Staffelsee Oldies wurden einst vom Kicker zur Mannschaft des Monats ernannt. Die Geschichte der besten Freizeitmannschaft Deutschlands.

Untersöchering – In den großen Silberpott passen genau zwölf Flaschen Sekt. Sie haben das genau abgemessen auf den langen Fahrten von Hamburg nach München. Im Norden, so erzählen es heute die Helden von damals, stiegen sie in den Intercity ein, marschierten in ihren Lederhosen schnurstracks an die Bar und blieben dort bis zur Endstation hocken. Wie viele Flaschen Sekt am Ende die Rechnung füllten, ist nicht überliefert.

Die Pokale mit den großen Henkeln und der noch größeren Geschichte bewahren Anton Wesinger und Gottfried Höck auf. Jeder bekam einen. Gemeinsam organisierten sie die ehemals erfolgreichste Hobbymannschaft Deutschlands. Das ist sogar im Kicker Sportmagazin so festgehalten. Als sich die Staffelsee Oldies Murnau 1997 auflösten, führten sie die ewige Bestenliste des Super Cups an – früher die inoffizielle Deutsche Meisterschaft für Kleinfeldteams, ausgerichtet von der Deutschen Bahn und dem Kicker. Vor exakt 30 Jahren, am 25. Januar 1992, feierte die legendäre Hobbytruppe in Damp an der Ostsee ihren zweiten Titel in Folge.

Staffelsee Oldies: Finalteilnahme gleich im ersten Jahr

Die Zeitreise beginnt in Wesingers Keller in Untersöchering. Dort finden sich nicht nur zahlreiche Liebesbekenntnisse zu seinem Verein, dem FC Bayern München, sondern auch ein Schrank voll mit Pokalen, Gold und Silber, Torschützenkanonen, goldene Schuhe. „Ist nur die Hälfte“, scherzt Wesinger, der Toni, wie man ihn nennt. Den Rest der Sammlung verwahrt Höck aus Eschenlohe, den viele nur als Goofy kennen. Die Kelche und Krüge sind ihre Ausbeute aus neun Jahren mit den Staffelsee Oldies auf ihren zahllosen Turnieren. Ein Projekt, das mit einem kuriosen Geistesblitz begann.

Die Pokale, die die Staffelsee Oldies aus Murnau im Laufe der Jahre von 1989 bis 1997 gewonnen haben.
Die Pokale, die die Staffelsee Oldies aus Murnau im Laufe der Jahre von 1989 bis 1997 gewonnen haben. © Andreas Mayr

1987 veranstaltete die Bundesbahn (später zusammen mit dem Kicker Sportmagazin) erstmals das Kleinfeldspektakel. Im Sommer fanden in über 50 deutschen Städten Vor- und Zwischenrunden statt. Zum Finale ging’s im Januar in die Halle nach Damp, Ostsee. In Murnau richtete der Angerbäu am Staffelsee ein Vorrundenturnier aus. Wesinger war als Schiedsrichter engagiert – und direkt vom Format überzeugt. Seine Idee: eine eigene Auswahl aus Alten Herren an den Start schicken, die früher höherklassig gespielt hatten und sich nun in AH-Ligen bekriegten. Wobei bekriegen wörtlich zu nehmen ist. „Da ging’s oft nicht um Fußball“, erklärt der Toni. Wesingers Plan in seinen eigenen Worten ausgedrückt: „Ich hab’ alle eingeladen, die mich nicht mögen“, Kollegen aus Weilheim und aus Ohlstadt, die beim ersten Anruf fragten: „Was magst du denn von uns?“ Und doch haben sie zugesagt, weil ihnen das Konzept gefiel. Gleich beim ersten Start 1989 qualifizierten sich die Staffelsee Oldies unter 1450 Teams für das Finale. Einige in der Mannschaft nahmen die Spiele nicht ganz so ernst. Am Galaabend sah man sie mit einer Mischung aus Häme und Mitleid an. Mehr muss man über den peinlichen Auftritt und den 13. Platz nicht wissen.

Staffelsee Oldies: Zusammenschluss führt zum Erfolg

Vielleicht hat es solch einen Aussetzer gebraucht, der wachrüttelte. Ein Jahr und ein Ausscheiden in der Zwischenrunde später schlossen sich die Staffelsee Oldies mit dem Team von Georg Kutter zusammen. Ein weiterer Ehemaliger aus dem Landesligateam des TSV Murnau, dem auch Wesinger angehörte. „Wenn wir gewinnen wollen, müssen wir die Mannschaften zusammenziehen“, sagt Höck über die Erkenntnisse der ersten Jahre. Das Erfolgsrezept las sich wie folgt: Man nehme die TSV-Größen Wesinger, Kutter, Hans Dietz, Karl Hornsteiner, Gerd Rohrmoser und Manfred Aschenbrenner. Man verfeinere sie mit dem Weilheimer Franz Wörle sowie Höck und Peter Kramer aus Eschenlohe. Zum Schluss gebe man zwei aktive Spitzenkicker, Robert Singer und Michael Kozik, hinzu –und fertig ist der Erfolgsmix, den Peter Ludwig aus Garmisch-Partenkirchen als Team-Manager betreute. „Jetzt machen wir’s gescheit“, dieses Motto gab Goofy Höck für das Turnier 1990/91 aus. Im ganzen Hobbybereich brach so etwas wie ein Goldrausch aus. Teams, die bei ihren ersten Starts üble Klatschen kassiert hatten, stiegen aus, der Rest rüstete auf. Eine Rhein-Auswahl krallte sich die Toppmöller-Brüder, ein anderes Team Reinhold Wosab, die Dortmunder Bundesligalegende (60 Tore für den BVB). Abwärts Düsseldorf, Finalgegner 1991, setzte auf ausnahmslos junge, hochklassige Fußballer. „Man hat gemerkt, dass die Gegner professioneller werden“, sagt Wesinger.

Die Macher der Staffelsee Oldies aus Murnau: Anton „Toni“ Wesinger (l.) und Gottfried „Goofy“ Höck.
Die Macher der Staffelsee Oldies aus Murnau: Anton „Toni“ Wesinger (l.) und Gottfried „Goofy“ Höck. © ANDREAS MAYR

Doch die beste Mannschaft ihrer Zeit entstand im Süden. Ihr Vorteil: Routine und ein eisernes System, über Monate und Jahre ausgearbeitet. Zwei feste Blöcke bildeten die Staffelsee Oldies. Der erste war zum Toreschießen da, der zweite zum Verteidigen. „Das war unser Vorteil. Die alten Profis konnten nicht durchspielen. Wir aber waren immer gleichstark. Jeder wusste, was Sache ist“, sagt Höck. Ein taktisches Mittel, das heutzutage in der Futsal-Bundesliga zum Handwerkszeug gehört, erfanden die Murnauer nebenbei und nutzten es zu ihrem Vorteil. Manchmal tauschten sie den Torwart gegen einen fünften Feldspieler, erzwangen ein Überzahlspiel. Flying Goalie heißt’s im Fachjargon. „Die anderen haben nicht gewusst, was sie machen sollen oder ob’s erlaubt war“, sagt Wesinger. Solche Kniffe studierten sie in der Sporthalle der Murnauer Kaserne ein. Über seine Kontakte in der Bundeswehr mietete Rohrmoser die Halle an. Monate vor dem Finale begann dort die Vorbereitung. Regelmäßig luden sich die Oldies Gegner ein wie die Fußballer des 1. FC Garmisch-Partenkirchen. „Die haben wir so hergespielt, dass sie nicht mehr gekommen sind“, scherzt Höck. Andere Teams belächelten die Alten Herren gerne. In Chemnitz bei einem Zwischenrundenturnier sangen die Fans hämisch von fußballspielenden Opas. Anschließend stand’s 7:0 für die Fußballrentner. „Da war Ruhe“, erinnert sich Höck.

Staffelsee Oldies: Silber im Europa-Cup zum Abschluss

Zu den Finalturnieren an der Ostsee reisten die Bayern gleichermaßen als Favoriten und Exoten in Lederhosen. Markus Merk, der deutsche Top-Schiedsrichter seiner Zeit, outete sich als Fan der plattelnden Fußballoldies. 1993 zogen ihn Höck und Kutter kurzerhand auf der Bühne aus und hoben ihn in eine Lederhose hinein. „Das hat ihm gefallen. Da ist es zugegangen in der Halle, als er mitgeplattelt hat“, erinnert sich Höck. Merk wiederum erwies sich als außerordentlicher Glücksbringer. Zwei Jahre hintereinander zogen die Staffelsee Oldies ins Finale ein und gewannen beide Endspiele, 1991 gegen Düsseldorf (2:0), ein Jahr später gegen Offenburg (2:1). 1993 verloren sie ebenfalls keine Partie, wurden aber nur Fünfter –weil sie zu oft Unentschieden gespielt hatten. Zum Trost kürte sie das Fachmagazin Kicker für ihre dreijährige unfassbare Serie mit mehr als 50 Partien ohne Niederlage zur Mannschaft des Monats. Daheim in Murnau ernannte Bürgermeister Werner Frühschütz, ein glühender Fan, der selbst nach Damp mitgefahren war, sie zur Mannschaft des Jahres. Danach schafften es die Murnauer noch einmal in die Endrunde, 1996 (Platz vier). Ihren letzten Höhepunkt feierten sie 1997 mit Silber im Europa-Cup.

Die Vorrunde in Saalbach (Österreich) sahen sie eigentlich nur als Familienausflug, als krönenden Abschluss ihrer erfolgreichen Zeit. „Und dann haben wir gewonnen“, sagt Höck. Belohnt wurden die Oldies mit einem Trip in die Türkei zum Finalturnier. Mit einem Notaufgebot (sogar der Masseur lief auf) kämpften sie sich ins Finale, verloren dort aber 4:7. „Wir haben gesagt: Jetzt ist Schluss, besser werden wir nicht mehr“, erklärt der Goofy. Geblieben ist der Stammtisch der Oldies. Einmal im Monat, immer donnerstags, treffen sie sich an der Poschinger Allee. (Andreas Mayr)

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