Negatives Presseecho für die Löwen: Alle Zeitungen übten Kritik an der Leistung des TSV 1860 in Oberau.
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Negatives Presseecho für die Löwen: Alle Zeitungen übten Kritik an der Leistung des TSV 1860 in Oberau.

Sensation vor 60 Jahren: FC Oberau wirft 1860 München aus dem Pokal - TSV-Coach schimpft: „Müde Ackergäule“

  • vonAlexander Kraus
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  • Marco Blanco-Ucles
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Heute vor 60 Jahren: FC Oberau gelingt Pokalsensation gegen den TSV 1860 München. Mischung aus Glück, richtiger Taktik und klugen Entscheidungen ebnen den Weg zum Sieg.

Oberau – Sie sind der krasse Außenseiter. Ohne den Hauch einer Chance. Davon gehen auch die Kicker des TSV 1860 München aus. Sie lassen sich fotografieren, während die Spieler des FC Oberau in der Ecke stehen. „Die haben gemeint, sie sind gleich mit uns fertig“, erzählt Conny Märkl. Sein einstiger Teamkamerad Anton Hibler sieht das ähnlich. „Die haben gedacht, die fahren da her und hauen uns den Kasten voll.“ Falsch gedacht.

Über Nacht wird der kleine Ort über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Märkl, der Torwart, Hibler, der Kapitän, und dem Rest des Teams gelingt am 23. Oktober 1960, vor genau 60 Jahren, das Unglaubliche. Das Wunder von Oberau. Die Mannschaft kegelt den drei Klassen höher spielenden TSV vor 2400 Zuschauern mit 3:2 aus aus dem DFB-Pokal. In der ersten Hauptrunde.

„Provinzverein wirft Löwen aus dem Pokal!“

„Das war ein Weltereignis“, sagt der heute 88-jährige Hibler. Die Bild-Zeitung titelte tags darauf: „Provinzverein wirft Löwen aus dem Pokal!“.

Die Fußballwelt ist damals noch eine ganz andere. Die Bundesliga gibt es nicht, sie wird erst 1963 eingeführt. Der TSV 1860 München spielt jedoch in der höchsten Liga, der Oberliga Süd. Drei Klassen tiefer – ist der FC Oberau in der 2. Amateurliga angesiedelt, hält sich vier Jahre lang darin. Außer dem FC Penzberg, der damals sogar noch zwei Klassen höher kickt, schafft es kein Klub im Umkreis, sich so weit oben zu etablieren.

Die Löwen, der Gegner, sind damals die Nummer eins in München. Nicht etwa der jetzt übermächtige FC Bayern. Die Jahre nach der Pleite in Oberau werden die wohl erfolgreichsten der Vereinsgeschichte: 1963 Süddeutscher Meister, 1964 DFB-Pokalsieger, 1965 Finalist im Europapokal und 1966 schließlich Deutscher Meister. „Sechzig war damals eine große Mannschaft“, sagt Mayr ehrfürchtig.

Zeigten 60 Jahre später noch ihr Können: (v.l.) Conny Märkl, Alfons Stühler, Eberhard Stahl, Willi Wackerle und Anton Hibler.

Ein langer Weg für den FC Oberau bis zum Spiel gegen den TSV 1860 München

Schon in den Pokalrunden zuvor haben die Oberauer Fußballer einige Hürden zu überwinden. Gegen den 1. FC Garmisch-Partenkirchen und den SV Shell München gewannen sie hoch, gegen 1865 Dachau quälten sie sich in der Verlängerung zum Sieg. Mit einem 7:2 über Hertha München schaffte der Dorfklub den Einzug in die Oberbayerische Schlussrunde. Dort sorgte der mittlerweile verstorbene Georg Antor mit dem 2:1-Siegtreffer kurz vor Schluss gegen den Erzrivalen SV Daglfing für ein weiteres Erfolgserlebnis.

Dann steht der Höhepunkt der Vereinsgeschichte bevor. Niemand rechnet mit einem Sieg. Eher mit einer deftigen Watschn. Das Team konzentriert sich zu dem Zeitpunkt auf die Ligaspiele. „Wir haben zweimal die Woche trainiert. Dann hat es geheißen, es geht jetzt gegen die Sechziger im Pokal“, erzählt der damals blutjunge 21-Jährige Keeper. „Dann haben wir halt gespielt.“

Die klassentiefere Mannschaft verkauft sich teuer. Wieder ist es Antor, der den FC Oberau nach einer Viertelstunde in Führung bringt. Das Spiel verläuft ausgeglichen. Die Zuschauer – sie kommen aus dem gesamten Werdenfelser Land – feuern den Außenseiter frenetisch an. „Da waren mehr Zuschauer als Oberau Einwohner gehabt hat“, betont Märkl.

Löwen Coach beschimpft seine Spieler in der Halbzeitpause

Der Löwen-Coach ist wenig zufrieden mit seiner Elf. In der Halbzeit beschimpft er seine Spieler als „müde Ackergäule“, sagt der FCO-Torwart. Nach der Pause wächst der Offensiv-Druck der Löwen, doch die Abwehr um Hibler hält dem Ansturm stand. „Ich habe da hinten alles gut organisiert“, sagt der „Stopper“, eine Position, die es heutzutage im Fußball gar nicht mehr gibt. Der bereits verstorbene Karl Bauer trifft in der 60. Minute zum 2:0, erhöht in der 76. Minute sogar auf 3:0 für Oberau. Sprechchöre der Fans setzen ein: „München weg – hat keinen Zweck“, brüllen sie über den Rasen. Die Jugend ruft: „Oberau vor – noch ein Tor.“ Was für ein Wahnsinn! Drei Kisten gegen die vermeintliche Übermacht.

Die große Überraschung – zum Greifen nah. Wütend werfen die Löwen alles nach vorne, Höck (85.) und Brunnenmeier (88.) verkürzen auf 2:3. Doch Hibler und seine Kameraden bringen den Sieg über die Zeit. Zuschauer wie Spieler reißen die Hände in die Höhe, jubeln. Die gefrusteten Gäste dagegen hauen schnell ab nach München. Im Sportheim feiern die Dorfkicker dagegen den Triumph über den Oberligisten gebührend. „Als wir es wieder verließen, war es bereits taghell“, erinnert sich Abwehrspieler Alfons Stühler. Kapitän Hibler, der heute noch in Oberau wohnt, ergänzt: „Wir waren ein eingeschworener Haufen.“ Elf Freunde. Mit großem Durst an diesem Tag. Teilweise zu großem.

Märkl ist so ein Kandidat, der nach dem Spiel seinen Flüssigkeitshaushalt wieder in Ordnung bringt. Natürlich nicht mit Wasser. Er trinkt so viel, dass sein Dienst bei der Bundeswehr in Mittenwald am nächsten Tag leidet. „Ich hab’ nichts tun können“, erzählt er. „Ich hab’ so einen Rausch gehabt.“ Doch sein Kommandeur hat ein Nachsehen. Wenn er gewusst hätte, dass Oberau gewinnt, hätte er dem Torwart drei Tage frei gegeben.

Brotzeit und Bier für die Helden: (v.l.) Willi Wackerle, Conny Märkl, Eberhard Stahl, Anton Hibler und Alfons Stühler lassen es sich schmecken

Richtige Entscheidung von FC Oberau-Coach ebnet den Weg zum Erfolg

Großen Anteil am Erfolg über die Sechziger trug Oberaus Coach Anderl Wallertshauser. „Der Trainer hat uns eingestellt. Er hat aber auch gewusst, dass er sich auf mich verlassen kann“, meint Hibler. Was Wallertshauser sagte, habe die Mannschaft befolgt. Ein charismatischer Typ. „Zu ihm haben wir ,Herr’ sagen müssen“, berichtet Märkl. Gegen 1860 griff der Meister – zu diesem Zeitpunkt 32 Jahre alt – zu einem Kunstkniff: Wallertshauser stellte sich selber auf. Weil damals keine Wechsel erlaubt waren, musste ein anderer Spieler weichen. Es erwischte Willi Mattern, der enttäuscht auf der Tribüne Platz nehmen musste.

Aus einer anderen Perspektive verfolgt der damals elfjährige Mayr die Partie. „Wir Kinder haben uns nicht so sehr fürs Spiel interessiert.“ Für den Fußball-Nachwuchs ist an jenem Sonntagnachmittag der riesige Kiosk neben dem Platz spannender. „Der war gut bestückt, wir haben geschaut, was es da für Eissorten gibt“, blickt Mayr gerne zurück. Dass der eigene Verein da ein Tor nach dem anderen gegen den haushohen Favoriten schießt – „das haben wir zur Kenntnis genommen“, sagt der 71-Jährige. Die Bedeutung dieser Pokalsensation ist den jungen Kickern nicht bewusst.

Rezept zum Erfolg, die Löwen nicht spielen zu lassen

Sieben Spieler der Oberauer Elf gegen die Löwen leben heute noch. Neben Hibler, Märkl und Stühler sind das Hermann Fellermeier, Hans Doll, Eberhard Stahl und Willi Wackerle. „Spielerisch waren die Sechziger schon gut“, sagt Hibler. Das Erfolgsrezept: „Wir haben sie nicht spielen lassen.“

Vier Wochen nach der Pokalsensation tritt in der nächsten Runde der SSV Ulm bei den Grün-Weißen an. „Abseitstor“, das sagen Hibler und Märkl wie aus der Pistole geschossen, wenn sie an diese Partie denken. Denn die Donauspatzen – sie spielen wie die Löwen in der Oberliga Süd – erzielen kurz vor der Pause einen scheinbar irregulären Treffer. Er zählt. Oberau verliert mit 0:1. Damit ist das Kapitel DFB-Pokal beendet. Jammerschade, denn: „Der nächste Gegner wäre Borussia Dortmund gewesen“, glaubt sich Märkl zu erinnern. Dann hätten die Schwarz-Gelben vielleicht ihr grün-weißes Wunder erlebt. 

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