Florian Weißmann ist Jugendleiter beim BFV.
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Florian Weißmann ist Jugendleiter beim BFV.

Florian Weißmann klärt über Entscheidungsfindung auf

BFV-Jugendleiter: „Werden A-Jugend nicht wie F-Jugend behandeln“

  • vonJulian Betzl
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Wie geht es im Jugendfußball weiter? Dieser Frage stellt sich Florian Weißmann, Jugendleiter des Bayerischen Fußball-Verbandes.

Landkreis – Als Jugendleiter des Bayerischen Fußball-Verbands (BFV) soll Florian Weißmann in den kommenden Tagen und Wochen beinahe die Quadratur des Kreises möglich machen und in unsicheren Zeiten einen konkreten Handlungsplan für den bayerischen Nachwuchsfußball und seine unterbrochene Saison 2019/20 präsentieren. Wie berichtet, ist noch unklar, wie der Aufstieg in die nächste Altersklasse in Anbetracht der bis mindestens September ausgesetzten Spielzeit vonstatten geht. Der 40-Jährige, der im Landkreis Ebersberg wohnt, erklärt im Gespräch die Probleme, denen er sich jetzt bei der Suche nach einer Lösung gegenübersieht.

Herr Weißmann, warum brechen Sie die aktuelle Spielzeit im Jugendbereich nicht ab, machen einen Schlussstrich und fangen eine neue Saison an, wenn das wieder möglich ist?

Klar ist der Schrei danach, einfach mal schnell abzubrechen, gerade groß. Aber ich unterstelle einfach mal vielen Leuten, dass ihnen gar nicht bewusst ist, wie differenziert und damit schwierig die Lage im Jugendbereich ist. Ein einheitliches Szenario wie im Erwachsenenbereich wird schon wegen unterschiedlicher Spielformen und Wettbewerbe hier in dieser Form nicht möglich sein. Wir arbeiten an einer praktikablen Lösung für alle Seiten und sind in vielen Dingen auch schon sehr weit dafür, dass wir erst vier Wochen hinter uns haben. Wichtig: Eine Entscheidung über die Situation bei den Erwachsenen muss erst noch der BFV-Vorstand treffen.

Die globale Virus-Pandemie hat doch bereits in vielen Ländern und auch hierzulande in etlichen Sportarten zum Saisonabbruch geführt ...

Praktisch muss aber wahrscheinlich erst ein Gericht diese höhere Gewalt feststellen. Wir haben vier Juristen im Vorstand, die den Hinweis geben, dass man die juristische Grundlage (Anm. d. Red.: Satzung und Ordnungen des BFV), wonach jedem Verein ein komplettes Spieljahr zusteht, nicht einfach aushebeln kann. Wahrscheinlich nicht einmal der Staat könnte das, weil er somit in die Verbandsautonomie eingreifen würde. Fraglich ist, ob der Verband und die Vereine damit zufrieden wären und nicht Klagen gegen die Entscheidung des Staates folgen würden.

Da ein Abbruchszenario in der Verbandsspielordnung bisher nicht definiert ist, könnte also nur ein außerordentlicher Verbandstag den faktischen Abbruch beschließen?

Ja. Nur würden die etwa 260 zu wählenden Delegierten unter Umständen nicht einmal das mehrheitliche Meinungsbild aller Vereine vertreten, sondern womöglich primär das der eigenen.

Bedeutet, Sie holen sich wie zuletzt bei den Erwachsenen jetzt auch via virtueller Abstimmung ein Meinungsbild für den Nachwuchsbereich ein?

In den nächsten Tagen werde ich in insgesamt fünf Webinaren mit den Jugendleitern in eine intensive Aufklärung gehen und ihnen vier Optionen mit den jeweils negativen und positiven Folgen genau darstellen. Ob es eine Abstimmung geben wird, weiß ich noch nicht. Denn: Wer darf denn da überhaupt abstimmen? Hätte eine JFG (Junioren-Fördergemeinschaft, d. Red.) mit drei Stammvereinen dann vier Stimmen, obwohl zwei davon vielleicht gar nicht im Spielbetrieb sind? Wir stehen hier vor einer super schwierigen Aufgabe.

Müsste diese gerade im Nachwuchsbereich mit deutlich weniger kommerziellem Interesse, Leistungsdruck und Jahrgangsübergängen nicht einfacher zu lösen sein als bei den Erwachsenen?

Im Kleinfeld sind wir flexibel und können machen, was wir wollen. Von mir aus auch Turnierformen im Juni oder eine Vier-Wochen-Runde, wenn wir das Angebot bekommen. Das entscheiden aber der Staat und die einzelnen Kommunen – und dann kommt sowieso noch die emotionale Komponente der Eltern dazu, die ihr Kind ins Training, aber vielleicht nicht in Spiele gehen lassen.

Und im Großfeldbereich?

Werden wir eine A-Jugend nicht wie eine F-Jugend behandeln. Da haben wir erstens unterschiedliche Interessenlagen im Breiten- und Leistungssportbereich. Zweitens unterschiedliche Spielgruppen. Und drittens habe ich für den besten Fall ausgerechnet, dass wir sechs Spieltage vor den Sommerferien spielen und sicher erst nach den Sommerferien Mitte September weiterspielen. Was ist aber, wenn wir dieses Jahr gar nicht mehr spielen und wir 20 Spieltage im nächsten Frühjahr unterbringen müssen?

Eine Anpassung der Saison an das Kalenderjahr ...

... ist definitiv keine Option! Ich lasse mich gerne überzeugen, werde den Vereinen aber dadurch sicher nicht ihre Jugendturniere im Juli als wesentliche Einnahmequelle wegnehmen. Ebenso halte ich die Motivation von Eltern und Kindern für eine einzige Vorbereitung im Winter für fraglich, wie auch den Fall, falls man eine Saison/Relegation witterungsbedingt nicht rechtzeitig zu Ende bekommt.

Ist der Ehrgeiz im Nachwuchsfußball so groß, dass Sie tatsächlich bei Abbruch/Annullierung eine Klagewelle fürchten?

Bei jeder Kritik, die ich im Moment bekomme, sehe ich mir den kompletten Verein und seine Tabellenstände an und stelle fest, dass die Kritik fast immer die eigene Tabellensituation widerspiegelt. Natürlich wird gerade öffentlich der Ehrgeiz oft hinten angestellt und 60 bis 70 Prozent aller Mannschaften haben weder eine Chance nach oben oder nach unten und sind damit neutral.

Aber?

Ich kann doch einer Mannschaft wie beispielsweise der U17 des TSV 1860 München, die in der Bayernliga Stock-Erster ist, nicht einfach die Saison oder den Aufstieg wegknipsen. Ich bezweifle, dass ich da das Einverständnis bekomme, zumal in Teilen des Jugendbereichs nicht nur die Spieler, sondern auch die Ligazugehörigkeit für die Vereine zählt. Das Interesse nach Spielklassenzugehörigkeit ist definitiv da, man muss ja nur mal in die vielen Sportgerichtsverfahren wegen unberechtigt eingesetzter Spieler reinschauen. Unter der normalen Saison werden da ja schon intensiv Spielberichtsbögen der Gegner durchgeschaut.

Interview: Julian Betzl

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