+
Seine Auslandserfahrungen wollte Torsten Spittler (3. v. r.) als Trainer des TuS Holzkirchen einbringen. Durch Corona hatte er nur wenig Gelegenheit dazu.

TuS-Trainer berichtet über seine Auslandsstationen

Spittler über seine Zeit als Nationaltrainer: „Spieler waren spurlos verschwunden“

  • vonHans Spiegler
    schließen

Torsten Spittler, Trainer des Landesligisten TuS Holzkirchen, erinnert sich im Interview an seine Zeit als nepalesischer Nationaltrainer - mit allem, was dazugehört.

Holzkirchen – Torsten Spittler, Fußballtrainer des TuS Holzkirchen, kann in seinem Berufszweig zweifellos als Exot bezeichnet werden. Zwischen den Jahren 1999 und 2019 war der 59-Jährige in mehr als acht Ländern – unter anderem Nepal, Sierra Leone, Mosambik oder Oman – unterwegs. Seine Stellen reichten vom Ausbildungsleiter und Technischen Direktor über den Spielanalysten und Talent Manager bis hin zum Nationaltrainer. Seit seinem Amtsantritt in Holzkirchen Anfang dieses Jahres bremst ihn, wie so viele andere, das Coronavirus aus, sodass bisher nur vier Punktspiele auf seinem Konto stehen. Im Interview mit der Heimatzeitung blickt Spittler zurück auf ein Fußballjahr zum Vergessen und gewährt einen tiefen Einblick in seine erste Auslandserfahrung als Nationaltrainer Nepals.

Herr Spittler, vor etwa drei Jahren mussten Sie in Bhutan als deren Trainer im Rahmen einer Volkszählung Ihren persönlichen Glücksfaktor bewerten. Sie gaben den Faktor acht von zehn an. Wie glücklich sind Sie momentan, in Pandemiezeiten, die zwangsweise ruhig und gleichzeitig so turbulent sind?

Das ist eine schwere Frage gleich zu Beginn (lacht). Derzeit dürfte der Glücksfaktor nicht mehr so hoch ausfallen, wie damals. Dies liegt aber hauptsächlich an der äußeren Situation, die einem schon zusetzt.

Wenn Sie dieses Fußballjahr kurz Revue passieren lassen, war es bestimmt auch eines, welches man am liebsten nie wieder erleben möchte, oder?

Als Trainer hat man natürlich ganz unglückliche Situationen erlebt. Als ich in Holzkirchen übernommen habe, lag – und das muss man so offen sagen – wirklich einiges im Argen. Da geht es nicht von heute auf morgen, um alles abzuarbeiten. Wir waren aber auf einem guten Weg und dann kamen immer wieder Lockdowns zu Zeiten, in denen bei uns die so wichtigen Automatismen noch nicht automatisiert waren. Wir waren eben noch nicht stabil genug, sodass alles wieder zusammenbrach. Das war auch für mich persönlich sehr, sehr unglücklich.

Bei reiner Betrachtung der Ergebnisse haben Sie aber in Ihren vier Spielen mit einem Sieg begonnen und das Jahr mit einem Sieg beendet. Ein Grund, zufrieden zu sein?

Zufrieden bin ich damit nicht ganz. Das Duell gegen Passau (0:2, Anm. d. Red.) hätte durchaus anders laufen können. Dafür hätte gegen Hallbergmoos (2:3, Anm. d. Red.), der vielleicht besten Mannschaft der Liga, schon alles perfekt passen müssen. Ich hätte gerne sieben oder neun Punkte geholt. So kann man sagen, wir haben das Minimalziel erreicht (lacht).

Welche Ziele können Sie denn für die nächsten Monate stecken und steht überhaupt schon fest, ob Sie die Spielzeit bei Holzkirchen abschließen?

Naja, zunächst ist jetzt die Winterpause offiziell bestätigt und es wird im Jahr 2021 weitergehen. Wir hoffen, dass wir eventuell im Dezember noch auf Kunstrasen trainieren dürfen, weil wir uns einfach sehen wollen, sollten es die Corona-Werte zulassen. Danach geht es im Februar weiter, wobei mein Posten noch nicht besprochen wurde. Wir gehen davon aus, dass die Saison in dieser Konstellation beendet wird.

Könnte für Sie zukünftig auch das Ausland wieder reizvoll werden?

Das Ausland kann und wird immer eine Option sein. Ich bin ja Gott sei Dank mittlerweile in einer Position, in der ich wählen kann, ob ich etwas machen möchte oder nicht. Wenn es interessant klingt, überlege ich – aktuell habe ich aber noch nichts im Kopf.

Spittler: Will Erfahrungen sammeln

Ihre erste Station als Trainer im Ausland war Nepal im Jahr 1999. Damals hatten Sie noch nicht die große Wahl. Wie kam dies zustande und war es für Sie mehr Arbeit oder Abenteuer?

Das war absolut beides. Zu dieser Zeit hatte der BFV gewisse Nachzahlungen zu erledigen, sodass dort meine Arbeit nicht sicher war. Ich habe mich dann einfach selbst und auf Eigeninitiative für Nepal beworben, was damals hieß, beispielsweise ein Fax dorthin zu schicken und auf eine Antwort zu warten – das Ergebnis war der Job des Nationaltrainers.

Wie kamen Sie überhaupt auf die Idee, sich in Nepal zu bewerben?

Grundsätzlich geht es mir immer einerseits um den Fußball und andererseits darum, interessante Erfahrungen zu machen. Das hat sich in all den Reisen, die ich zusammen mit meiner Frau gemacht habe, stets erfüllt und bewahrheitet. Wir hatten zum Beispiel auch einmal die Möglichkeit, uns zwischen Kanada und dem Jemen zu entscheiden – wir haben uns für den Jemen entschieden. Das ist so ein außergewöhnliches Land und ich werde es auch weiterhin so machen.

Außer der Gewissheit, in Nepal interessante Erfahrungen zu machen, dürften Sie ja nicht gewusst haben, was Sie erwartet. Wie fanden Sie sich dort zurecht?

Am Anfang war schon alles sehr ungewiss. Ich hatte keine Ahnung, in welchem Hotel ich unterkommen konnte, es gab ja auch kein Internet, so wie wir es heute gewohnt sind. Damals waren Telefonate ins Ausland sehr teuer – ich habe mir vorab von der FIFA ein Buch mit Kontakten in Nepal zusenden lassen und ein Fax abgeschickt.

Und dann ging die Reise los.

Ganz genau. Ich kam in einem Hotel mit sehr kleinen Zimmern unter. Meines hatte geschätzt vier auf vier Meter und Frühstück sowie Übernachtung hatte ich frei. Zum Training fuhr ich entweder Bus oder Fahrrad. Wenn kein Training war, hielt ich mich meistens in Kathmandu auf – man kann sich vorstellen, dass mein Zimmer nicht dazu einlud, sich länger darin aufzuhalten (lacht).

Und wie lief es sportlich?

Wir spielten zu dieser Zeit die Qualifikation für die Olympischen Sommerspiele in Sydney, wobei die Hinrunde in Hongkong und die Rückrunde in Tokio stattfand. Wir waren in einer Gruppe mit Malaysia und Japan – die Japaner wurde ihrer haushohen Favoritenrolle natürlich gerecht, aber gegen Malaysia haben wir sogar ein Spiel gewonnen.

Spittler: Mit so etwas hatte ich nicht gerechnet

Welchen Stellenwert hatte Ihrer Einschätzung nach der Fußball in Nepal?

Der hatte schon einen hohen Stellenwert, wenngleich es natürlich vom Niveau her nie viel mehr als Amateurfußball war. Nebenbei wurde dort der Fußball aber auch gerne ausgenutzt. In einem solchen Zusammenhang habe ich etwas erlebt, was sich als Eindruck doch eingebrannt hat.

Und zwar?

Bei dem Quali-Turnier in Tokio waren eines Morgens am Hotel plötzlich Spieler unserer Mannschaft spurlos verschwunden. Die sind einfach weggelaufen und untergetaucht, um – wie sich schnell herausstellte – in Japan als Hilfsarbeiter ihr Geld zu verdienen. Armut war ja in Nepal auch damals ein großes Thema und manche Spieler haben solche Turniere eben genutzt, um abzuhauen. Die Folge war, dass wir quasi im Hotel weggesperrt wurden. Reisen und bewegen durften wir uns ab sofort nur noch unter Polizeibegleitung.

Wie sind Sie mit so einer Ausnahmesituation umgegangen?

Mit so etwas hatte ich natürlich nicht gerechnet. Vor allen Dingen war das offensichtlich nur bei unserer Mannschaft so. Letztlich habe ich die Maßnahmen der Turnierorganisation aber verstanden. Es konnte ja nicht sein, dass wir bei so einem Turnier dann mit gefühlt drei Spielern auf der Matte stehen.

Haben letztlich die Erfahrungen in Nepal dazu beigetragen, dass Sie solche Lust an Auslandsstationen haben?

Auf so etwas hatte ich schon immer Lust. Nepal ist zwar gezwungenermaßen zustande gekommen, aber andererseits auch Gott sei Dank. Man muss sich Folgendes vorstellen: Wäre ich vier Wochen länger in Deutschland geblieben, hätte ich dort beim BFV weiterarbeiten können, weil sich die Lage geklärt hat. Dann hätte ich diesen Türöffner für alle weiteren DFB-Auslandsengagements womöglich nicht erleben dürfen.

Lassen Sie uns abschließend noch kurz auf die aktuelle Weltlage zu sprechen kommen: Sind Sie derzeit doch ganz froh, in diesen schweren Zeiten in Deutschland zu sein?

Es kommt immer auch darauf an, wo man sich genau aufhält und als junger Mensch macht man sich über solche Dinge sowieso keine Gedanken. Ich persönlich finde, dass es im Leben viel höhere Risiken gibt, weshalb ich jetzt nicht ängstlich bin. Aber wenn es ernst wird, wird man bei uns natürlich schon sehr gut versorgt. Vieles hängt letztlich vom Impfstoff ab, der alles zum Guten wenden könnte. Bis dahin gilt es, die Risikogruppen bestmöglich zu schützen.

Auch interessant

Kommentare