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Als Co-Trainer war Marcus Huber (l.) auch beim TSV Weyarn aktiv. Fast seine gesamte Laufbahn verbrachte er dort.

Marcus Huber aus Weyarn berichtet von seinen Erfahrungen

Schmerzmittel im Fußball: Raubbau am eigenen Körper

  • vonMichael Eham
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Schmerzmittel gehören bei vielen Fußballern offenbar zum Alltag - auch im Landkreis Miesbach. Marcus Huber und weitere Fußballer berichten.

Landkreis – Es läuft die 75. Minute zwischen den zweiten Mannschaften des TSV Weyarn und SC RW Bad Tölz. Marcus Huber trifft an diesem 31. Mai 2018 zum 6:1 für Weyarn, sein Team, für das er als Spielertrainer an seine körperlichen Grenzen geht. Es ist sein drittes Tor. Kurz nach dem Hattrick bekommt Huber kaum noch Luft und wechselt sich aus. Er legt sich auf die Tartanbahn, duscht und fühlt sich besser. Doch wenig später sticht ihm der Herzinfarkt mit voller Wucht in die Brust. „Ich dachte innerhalb von fünf Sekunden, mir läuft die Mangfall durchs Gesicht“, erzählt der heute 45-Jährige über seinen Schweißausbruch.

Im Krankenwagen bekommt Huber noch mit, wie das Herzfrequenzmessgerät einen schrillen, durchgängigen Pfeifton abgibt. Er schließt die Augen. An diesem Nachmittag rächte sich sein Körper für den „jahrelangen Raubbau“, wie Huber das nennt, den er während seiner Karriere seinem Körper angetan hat. Über zehn Jahre nahm Huber vor jedem Aufwärmen eine 400 Milligramm Ibuprofen-Tablette und vor dem Spiel dann noch eine zusätzlich. Bänderrisse, Sehnenentzündungen im Fuß und eine Hüftarthrose ließen nicht zu, dass er dem Hobby, das er so sehr liebt, ohne heftige Schmerzen nachgehen konnte.

Recherchen der ARD-Dopingredaktion und dem Recherchenetzwerk Correctiv zeigen, dass die Einnahme von Schmerzmitteln im Fußball zum Alltag gehört. 1142 Fußballer nahmen an einer Umfrage zu ihrem Schmerzmittelkonsum teil, knapp die Hälfte (47 Prozent) gab an, mehrmals pro Saison Schmerzmittel zu sich zu nehmen, mehr als jeder Fünfte (21 Prozent) sogar einmal pro Monat oder öfter. Das bestätigt auch der Kreislaufforscher und Sportmediziner Hans-Georg Predel von der Deutschen Sporthochschule Köln. „Wir wissen aus Erfahrung, dass hier ein relativ hoher Konsum besteht“, sagt er.

Weitere Fußballer aus der Region berichten von ihren Erfahrungen

Und auch im Landkreis Miesbach greifen viele Spieler regelmäßig zu Schmerzmitteln. Da ist zum Beispiel Vincent Lechner, Spielertrainer beim SV Waakirchen, der seine Schmerzen nach mehreren Bänderrissen manchmal über Wochen mit 600 Milligramm Ibuprofen betäubt. Oder Lukas Krepek, Kapitän der Kreisligamannschaft des TuS Holzkirchen II, der nach eigener Schätzung fünf bis sieben Mal pro Saison Ibuprofen oder Paracetamol zu sich nimmt. Da ist Benedikt Holzner, der über eine gesamte Kreisligasaison das Tor der SG Hausham nur mit 400 bis 600 Milligram Ibuprofen intus hüten konnte.

Zwei Studien aus Dänemark belegen einen signifikanten Zusammenhang zwischen der Einnahme sogenannter nicht-steroidalen Schmerzmittel wie Ibuprofen, Diclofenac, Paracetamol oder ASS und Herzkrankheiten. Demnach ist das Risiko eines Herzinfarkts 30 Tage nach Ibuprofen-Einnahme um 30 Prozent höher, bei Diclofenac ist die Wahrscheinlichkeit sogar 50 Prozent größer. „Zu den Folgen von langfristiger Schmerzmitteleinnahme im Sport gibt es leider kaum verlässliche Daten“, sagt Sportmediziner Predel. Außerdem können Schmerzmittel Schäden an Magen, Leber oder Nieren hervorrufen.

Zusammenhang zwischen Schmerzmitteln und Herzinfarkt möglich

Bei Marcus Huber wurde von den Ärzten kein direkter Zusammenhang zwischen seinem Herzinfarkt und der regelmäßigen Ibuprofen-Einnahme untersucht. Huber war vorbelastet, hatte als Gebietsleiter für Baden-Württemberg im Außendienst beruflich ständigen Termindruck und saß häufig lange im Auto. Hinzu kamen Zigaretten und Alkohol. Die Studien aus Dänemark legen zumindest nahe, dass ein Zusammenhang zwischen dem Schmerzmittelkonsum und Hubers Herzstillstand besteht.

Die nicht-steroiden Schmerzmittel gelten in der Sportpraxis nicht als Doping. „Direkte Auswirkungen im Sinne einer physiologischen Leistungssteigerung sind wissenschaftlich nicht erwiesen“, erklärt Hans-Georg Predel. „Allerdings werden schmerzbedingte Barrieren auf die Leistungsfähigkeit reduziert.“ Olivier Rabin, wissenschaftlicher Direktor der Welt-Anti-Doping-Agentur sagt in der ARD-Dokumentation „Geheimsache Doping –Hau rein die Pille!“ zum Gesundheitsrisiko der nicht verschreibungspflichtigen Schmerzmittel: „Diese Mittel werden in unseren Gesellschaften breit genutzt. Und wenn sie gemäß den Hinweisen der Hersteller genutzt werden, in der vorgegebenen Dosierung und Häufigkeit, gelten sie nicht als riskante Mittel.“

Schmerzmittelkonsum: Risiko weitestgehend unbekannt

Doch warum gehen Fußballer – aber auch Fußballerinnen – ein solch großes gesundheitliches Risiko ein, um auf dem Platz zu stehen? Zum einen, weil sie sich der Konsequenzen nicht bewusst sind. „Ich habe mich noch nie mit den Risiken befasst und die Nebenwirkungen erst durch die Dokumentation in der ARD wahrgenommen“, gibt der Holzkirchner Krepek zu. Zum anderen wollen die Spieler unbedingt Teil ihrer Mannschaft auf dem Platz sein. „Ich kann viele Leute verstehen, die das verurteilen“, sagt Huber, „aber wenn man den Sport liebt, da gesellschaftlich dabei sein will, dann geht man Risiken ein, denen man sich nicht bewusst ist.“

Marcus Huber wurde an diesem 31. Mai vor zwei Jahren mehrmals reanimiert und überlebte nur knapp. „Ich weiß nicht, ob es massives Glück oder Schicksal war“, sagt er. Heute hat er sich wieder erholt und spielt sich mit seinem Sohn auf dem Bolzplatz einen kleinen Ball hin und her. 16 Tage, nachdem sein Herz für kurze Zeit aufgehört hatte zu schlagen, wurde Marcus Huber zum ersten Mal Vater.

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