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In Bayern Wurzeln geschlagen: Andries Jonker soll die Zukunft des Rekordmeisters mitgestalten.

Bayern II-Coach Jonker: „War nicht betrunken, als ich zugesagt habe"

FC Bayern München – Andries Jonker, 48, kam mit Louis van Gaal zum FC Bayern. Er übernahm die Profis im Saisonendspurt, nun betreut er die zweite Mannschaft.

Im Interview erklärt er, was ein Talent braucht, um den Durchbruch zu schaffen – und was ein Ausbilder braucht, um das Talent so weit zu bringen.

- Herr Jonker, Ihr Urlaub war kurz – wie geht’s?

Gut, danke. Bis zum Rückflug vom Abschluss mit den Profis aus St. Petersburg hatte ich nur die erste Mannschaft im Kopf. Eine halbe Stunde nach der Landung war dann schon das erste Gespräch über die Reservemannschaft.

- Werner Kern sagt, Sie seien ein „erstklassiger Ausbilder“ – was zeichnet den in erster Linie aus?

Geduld zu haben. Die Spieler werden „Talent“ genannt, weil sie großes Potenzial haben, das aber nicht jeden Tag abrufen können. Wenn sie das könnten, wären sie ja keine Talente mehr. Und wenn sie kein Potenzial haben, waren sie nie ein Talent. Man muss helfen, unterstützen, kritisieren, manchmal hart, manchmal freundlich sein. Wie bei einer Gitarre – du musst die richtige Saite berühren, bei jedem Menschen, um das Beste aus ihm rauszuholen. Als Ausbilder musst du wissen: Deine Spieler können noch nicht jeden Tag spitze sein. Und wenn sie es sind, gehen sie eine Stufe rauf. Dann sind alle froh.

- Sie haben beim holländischen Verband gearbeitet – welche heute großen Namen sind Ihnen als Talente untergekommen?

 Ich will nicht den Eindruck wecken, dass ich diese Spieler entdeckt habe. Da gehören immer mehr Leute dazu. Es gibt eine lustige Geschichte mit Ibrahim Afellay, der jetzt bei Barcelona spielt. Er kam zu mir, zur holländischen U15. Er war 1,30 m groß – wir hatten gar kein Trikot für ihn. Einige sagten, er sei zu klein. Ich habe gesagt: Wir machen für ihn ein Trikot. Und ich gebe ihm die Nummer 10. Wir haben ihm mit Schuhbändern die Hose zugebunden, dann haben wir ihn spielen lassen – und er hat großartig gespielt. Aber ich habe ihn nicht entdeckt, ein Blinder konnte sehen, dass er ein guter Spieler wird. Ich hatte auch Roy Makaay bei der U23 und Giovanni van Bronckhorst.

- Ist die Jugendarbeit in Ihrer Heimat besser als die deutsche?

Ich kenne hier nur die Situation bei Bayern, und die ist top. In Holland haben van Gaal und ich vor Jahren im Verband einen Plan entwickelt, der bis heute eine große Rolle spielt. Und ich habe gemerkt, dass es in Deutschland inzwischen auch einen Plan gibt. Man sieht, dass beide Länder viele Talente produzieren. Wir sind in den 90ern nach Frankreich gefahren, die waren damals führend. Wir wollten sehen, wie die es machen.

- Was sind die wichtigsten Kriterien, damit sich ein Talent beim FC Bayern durchsetzt?

Man muss den Ball beherrschen. Einfach technisch gut sein. Ich meine nicht, den Ball x-mal hochhalten können, sondern in allen Bereichen technisch gut ausgebildet sein. Natürlich muss man körperlich stark sein, die Räume werden immer enger. - Wie viel von Louis van Gaal steckt in Ihnen? Wenn wir über Fußball diskutieren, dann sind wir bei sieben oder acht von zehn Dingen auf einer Linie. Das passt einfach. Ich habe viel von ihm gelernt, habe selbst nie Profifußball gespielt und Louis bei einer Hospitanz bei Ajax Amsterdam kennengelernt. Natürlich habe ich ihn immer viel gefragt. Das ist doch klar.

- Wie war Ihr Weg ins Trainergeschäft?

Ich habe mit 21 bei Volendam – ein Traditionsverein wie hier Bochum, immer zwischen Erster und Zweiter Liga – meine ersten Schritte als Coach gemacht. Zum Profi hat es nicht gereicht, also habe ich mich an die Trainer- Rolle herangetastet. Jetzt bin ich 48, ich bin also schon eine lange Zeit im Geschäft. Ich habe körperlich Versehrte trainiert, Junioren, Mädchen, Frauen, Profis. Ich war Sportdirektor, Chefcoach, Co-Trainer, Scout – bis auf eine Herren- Nationalmannschaft habe ich alles gemacht.

- Hätten Sie als Trainer aus dem Spieler Jonker mehr herausgeholt?

Ich denke jedenfalls, es ist hilfreich für mich, dass ich kein Spitzenspieler geworden bin. So denke ich mir immer: Warum? Warum habe ich es nicht geschafft? All die Jahre als Trainer frage ich mich nun, was die Spieler brauchen, um voranzukommen.

- Es gibt Stimmen, die sagen, Sie seien zu gut für die Regionalliga . . .

Was heißt zu gut? Ich habe das schon öfter erlebt, dass ich wieder einen Schritt zu rück in die Anonymität mache. Ich war nicht betrunken, als ich für die zweite Mannschaft zugesagt habe.

- Geben Sie Ihrer jungen Mannschaft Regeln vor?

Es kann mal passieren, dass einer zu spät kommt – das kann mir auch passieren. Ich habe den Spielern gesagt, dass sie mir das dann erklären sollen und sich bei der Mannschaft entschuldigen müssen. Du darfst nur nicht jeden Tag zu spät kommen. Und dass wir gemeinsam essen, das ist normal. Auch, dass Handys in der Kabine verboten sind. Zudem sind jede Woche drei Spieler zuständig, dass die Sachen am Platz sind. Sie müssen sehen, dass sich die Torhüter nicht die Finger an den Bällen brechen, wir aber auch nicht mit Ballons spielen. Ich denke, das ist nicht übertrieben, wenn man solche Vereinbarungen macht.

- Was sagen Sie zu der Entwicklung, dass die Spieler immer jünger von Vereinen verpflichtet werden?

Ich bin ein Vater. Wenn mich jemand fragen würde, ob ich meinen Sohn mit elf Jahren nach Südamerika schicken würde: Nein. Kinder sollten immer in ihrer Umgebung aufwachsen. Aber ich weiß, es geht immer um Geld. Ab 13, 14 kannst du erst wirklich etwas über das Potenzial eines Talents sagen. Patrick Kluivert habe ich kennengelernt, als er zehn war. Er hat bei einem Amateurspiel neben der Tribüne gekickt. Der konnte Fußball spielen! Ich habe ihn gefragt, ob ihn schon ein großer Klub angesprochen hätte. Das war damals noch nicht der Fall. Später haben wir bei Barcelona zusammengearbeitet. Es kann klappen, es kann nicht klappen – aber es ist Wahnsinn, wenn man schon bei ganz, ganz jungen Kindern anfängt, Druck auszuüben.

Interview: Andreas Werner

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